Der Sarafan – ein Kleidungsstück für die Ewigkeit

Traditionell trug man die Trachten in den zentralen und nördlichen Regionen Russlands. Foto: Konstantin Chalabow / RIA Nowosti

Traditionell trug man die Trachten in den zentralen und nördlichen Regionen Russlands. Foto: Konstantin Chalabow / RIA Nowosti

Der Sarafan, obwohl schon hunderte Jahre alt, ist auch heute noch ein gern getragenes Kleidungsstück. Allerdings war das nicht immer der Fall.

Der unbestrittene russische Mode-Champion ist und bleibt der Sarafan. Er wird seit vielen Jahrhunderten gerne von Frauen getragen – egal, ob jung oder alt.

 

Edle Stoffe, reich verziert

Der Sarafan ist ein Leinenhemd mit halblangen Ärmeln. Den Weg in die Garderobe russischer Frauen fand das Kleidungsstück zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Das Trägerkleid wurde über langen Blusen getragen – für gewöhnlich durch ein Band, verschiedenste Stickereien oder andere edle Zierelemente geschmückt. Diese Elemente wurden dazu verwendet, den sozialen Status und den finanziellen Wohlstand seiner Trägerin kenntlich zu machen. So sind Sarafane erhalten geblieben, die aus teuren Stoffen wie Seide und Satin gefertigt wurden, oder solche, die mit Pelzen, goldenen Knöpfen und goldenen sowie silbernen Fäden verziert waren. Die meisten dieser Kleidungsstücke wurden als Familienerbe von Generation zu Generation weitergegeben.

Die Zierelemente des Sarafans machen den sozialen Status seiner Trägerin kenntlich.  Foto: Getty Images / Fotobank

Unter Historikern gibt es noch immer viele Diskussionen darüber, woher der Sarafan ursprünglich stammt. Eine Legende über die Herkunft der Tracht besagt, dass das Wort „Sarafan“ aus dem Persischen kommt. In der Tat ist das Wort persischer Herkunft und bedeutet übersetzt „von Kopf bis Fuß gekleidet“ und findet in einigen Chroniken und Dokumenten des zwölften und 13. Jahrhunderts Erwähnung. Was man mit Sicherheit sagen kann, ist, dass der Sarafan bis ins 17. Jahrhundert sowohl von Männern als auch von Frauen getragen wurde.

 

Ein Sarafan ist nicht immer ein Sarafan

Drei Arten des Sarafans kommen besonders häufig vor: Sarafane mit einem trapezartigen Schnitt, die geraden sogenannten „Moskauer“ Sarafane und Sarafane mit „BH“. Diese Sarafan-Typen unterschieden sich zwar nicht besonders stark voneinander, jedoch fertigt man sie auf unterschiedliche Art und Weise an. So werden Sarafane mit Trapezschnitt aus zwei Stoffteilen genäht, die an den Seiten sehr weit ausfallen. Auf diese Weise erhalten die sehr harmonisch anmutenden Kleider einen bis zu 80 Zentimeter weiten Saum, der seinen Trägerinnen einen eleganten Gang verleiht.

Der gerade „Moskauer“ Sarafan ist hingegen leichter zu schneidern, da er aus zwei geraden Teilen Stoff zusammengenäht wird, die je nach Körperumfang nach oben hin gerafft werden.

An bestimmten Feiertagen zog man Sarafane an, die farblich zum Festtag passten. Foto: Wladimir Wjatkin / RIA Nowosti

Der Sarafan mit „BH“ stellt das modernste Modell dieses klassischen Kleidungsstücks dar. Das taillierte Kleid wird nämlich an den Büstenhalter, der eng an die Brust und den Rücken anliegt, angenäht. Dabei kann der BH eine zusätzliche Schicht aufweisen, einen sogenannten Hintergrund.

Traditionell trug man die Trachten in den zentralen und nördlichen Regionen Russlands. Doch schon zwischen benachbarten Gebieten gab es viele Unterschiede. So trug man im Gouvernement von Archangelsk

bevorzugt seidene Sarafane mit einem Trapezschnitt. Diese waren entweder einfarbig oder mit Blumenornamenten geschmückt. Dazu wurden oft enge Gurte getragen. Im Gouvernement von Wologda trugen die Frauen hingegen eher gerade Sarafane aus handgewebten Stoffen. Die festlichen Versionen der Sarafane nähte man hier bevorzugt aus Seiden-, Woll- sowie Kattunstoffen. An bestimmten Feiertagen zog man zudem Sarafane an, die farblich zum Festtag passten: Frauen trugen beispielsweise meistens rote Sarafane, die mit üppigen Ornamenten gestickt waren.

 

Wie Phönix aus der Asche

Ab dem 18. Jahrhundert verlor der Sarafan immer mehr an Popularität. Dazu trug auch Peter I. bei, der ein Dekret erließ, der das Tragen von europäischer Kleidung vorsah. Dadurch verschwand der Sarafan aus den Kleiderschränken der Adeligen, der reichen Kaufleute und der wohlhabenden Mittelschicht. Schließlich wurde das edle Gewand mit der Machtübernahme der Bolschewiken zu einem Symbol des zaristischen Russlands erklärt, wodurch es fast vollkommen aus der russischen Mode verschwand.

Fuktionelle Versionеn des alten Sarafans wurden in sowjetischen Modezeitschriften angeboten. Foto: Lori / LegionMedia

Es sollte bis zu den 1950ern dauern, bis dem Sarafan wieder Leben eingehaucht wurde. Sowjetische Modezeitschriften begannen, den Frauen funktionelle Versionen des alten Sarafans anzubieten. Zu dieser Zeit trugen die sowjetischen Arbeiterinnen auf der Arbeit strenge, taillierte Kleider, die

über keine langen Ärmel verfügten und über Blusen oder T-Shirts angezogen wurden. Am Abend trugen Frauen dann etwas lockerere Sarafans, die aus leichten Materialien bestanden und bunte Muster hatten. Darüber hinaus zogen Frauen am Abend auch gerne drapierte Sarafans sowie Kleider mit Schleifen an.

Dann kamen die 1960er-Jahre, in denen die Sarafane wieder eine neue Blütezeit erlebten. So konnte man sich zu dieser Zeit eine kluge und lebensfrohe Frau nicht ohne ein kurzes, gerade geschnittenes Trägerkleid vorstellen. In den 1970ern gehörten dann die Sarafan-Kleider mit ethnischen Motiven zum modischen Nonplusultra. Zu Beginn der 1980er-Jahre durfte dann der sogenannte Kattun-Sarafan mit einem freien, ja sogar weiten Rock in keiner russischen Garderobe fehlen.

Heutzutage greifen Designer immer wieder auf das traditionelle russische Kleidungsstück zurück. Foto: PhotoXpress

Heute, wie auch viele Jahrhunderte zuvor, besitzt die moderne russische Frau mindestens einen Sarafan, der besonders gerne bei der Arbeit getragen wird. Es ist nur schade, dass es das heutige Leben nicht mehr erlaubt, so elegant wie einst in Sarafans durch die Straßen zu flanieren.

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