II. Weltkrieg: Im Westen nichts Neues

Britische Soldaten gehen ans Land in der Süd-Normandie aus. Das Foto wurde von einem amerikanischen Kriegsfotografen am 1. Juni 1944 aufgenommen. Foto: UllsteinBild/Vostock_photo

Britische Soldaten gehen ans Land in der Süd-Normandie aus. Das Foto wurde von einem amerikanischen Kriegsfotografen am 1. Juni 1944 aufgenommen. Foto: UllsteinBild/Vostock_photo

Im Sommer 1941 war die Sowjetunion die einzige Großmacht, die sich Nazi-Deutschland an breiter Front entgegenstellte. Stalin forderte eine zweite Front im Westen, um die Rote Armee zu entlasten. Warum kam es erst drei Jahre später zur Invasion in der Normandie?

Am 6. Juni 1944 wurden Hunderttausende Briten, US-Amerikaner und Kanadier im Rahmen der größten Landungsoperation der Geschichte in der Normandie ausgesetzt und so zu Waffenbrüdern der sowjetischen Soldaten. Aber zum selben Zeitpunkt, an dem Tausende Menschen am Strand im Ärmelkanal voller Glaube an die richtige Sache ihr Leben ließen, lief hinter verschlossenen Türen in Moskau, London und Washington ein politisches Spiel, dessen Einsatz Europa, wenn nicht sogar die ganze Welt war.

 

Im Stich gelassen

Josef Stalin stellte deshalb die Forderung nach der Eröffnung einer zweiten

Front bereits am 18. Juli 1941. Zuerst schlug er Churchill vor, 25 bis 30 Divisionen in Archangelsk landen zu lassen oder sie über den Iran in die südlichen Regionen der Sowjetunion zu verlagern oder eine Flugbasis auf der Krim einzurichten, um die Erdölquellen des Deutschen Reichs im Großraum des rumänischen Ploiești zu erobern. Die doch sehr zurückhaltende Reaktion Londons und Washingtons auf die angebotene Hilfe der Sowjetunion hatte nicht nur etwas mit der Antipathie gegenüber dem kommunistischen Regime, sondern auch mit der Überlegung zu tun, dass der Blitzkrieg gegen Russland genauso enden könnte wie der 1940 gegen Frankreich. Wie die offiziellen britischen Historiker J. Butler und J. M. A. Gwyer bemerkten, „wollte keiner wertvolle militärische Ressourcen in dem Chaos der zerbröckelnden russischen Front verlieren, wo dieses Material doch auch an anderen Stellen eingesetzt werden konnte“. Am 6. November wies Churchill den nach Moskau abreisenden Außenminister Eden an, nichts zu versprechen.

 

Die Eröffnung der zweiten Front wird bis 1944 aufgeschoben

Doch die Situation änderte sich, als im Dezember 1941 klar wurde, dass der deutsche Blitzkrieg gegen Russland gescheitert war. Bis zum Mai 1942 führten Moskau, London und Washington mehrere Verhandlungen, die mit einer Rundreise des sowjetischen Außenministers Wjatscheslaw Molotow nach Großbritannien und in die USA, wo die Verträge über die Koalition gegen Hitler-Deutschland und dessen Verbündete unterzeichnet wurden, ihren Abschluss fanden. Molotow wollte eine Garantie für die Eröffnung der zweiten Front, die er von Roosevelt allerdings nicht erhielt. In London bat der sowjetische Außenminister förmlich darum, den Feind in Westeuropa mit wenigstens 40 Divisionen zu binden, aber Churchill ging einer direkten Antwort aus dem Wege. Dem britischen Historiker Р. Parkinson zufolge erwiesen sich die Pläne der Länder als „unbegründet optimistisch“. Am 1. Juni 1942 sprach der Vereinigte Generalstab Großbritanniens sich endgültig gegen eine Invasion über den Ärmelkanal aus, die für das Jahr 1942 angesetzt war. Am 23. Juli konstatierte Stalin in einem Brief an Churchill, dass die Frage der Eröffnung der zweiten Front in Europa langsam einen „unseriösen Charakter“ annehme.

Auch der Rückzug der sowjetischen Armee im Sommer und Herbst 1942 führte nicht zu einer schnelleren Unterstützung durch die Alliierten, eher sogar im Gegenteil. Die Position, die der Westen gegenüber der Sowjetunion einnahm, beschrieb Valentin Falin, promovierter Historiker und Botschafter der Sowjetunion in der Bundesrepublik Deutschland von 1971 bis 1978, mit folgenden Worten: „Die Alliierten trieb eine einzige Sorge um: Nur nicht den richtigen Zeitpunkt, wenn das Dritte Reich zusammenbricht, verpassen, um nur ja die Bolschewisierung Europas zu verhindern.“ Im Ergebnis der britisch-amerikanischen Konferenz in Casablanca im Januar 1943 war dann klar, dass die Eröffnung der zweiten Front sich faktisch bis 1944 hinauszögern wird.

Die Vorbereitung einer Invasion der Alliierten im Mittelmeer und die spätere Landungsoperation in Sizilien hatten für die Sowjetunion praktisch keine Auswirkung. Am 5. Juli 1943 rief Nazi-Deutschland die Mobilisierung sämtlicher Kräfte und Ressourcen aus und eröffnete am Kursker Bogen die dritte Sommeroffensive gegen die Sowjetunion. Stalin rief die sowjetischen Botschafter aus Washington und London zurück und tauschte sie später aus.

Der Geschichtsprofessor und Kriegsveteran Falin erkennt im Vorgehen der Alliierten eine gewisse Gesetzmäßigkeit: „Die Geschichte wiederholte sich: In Erwartung einer weiteren Sommeroffensive der Wehrmacht verkündeten die Alliierten den Aufschub der zweiten Front und kürzten ihre militärtechnische Unterstützung für die Sowjetunion oder stellten diese gar völlig ein. So war es 1942, so kam es auch 1943. Die Schlussfolgerung kann jeder selbst ziehen.“

 

Die verlorenen Jahre

Die Ereignisse im Sommer und Herbst des Jahres 1943 an der sowjetisch-deutschen Front stellten die militärpolitische Lage auf den Kopf. Es wurde klar, dass Deutschlands Stern im Sinken begriffen war und die Sowjetunion dem Gegner den Todesstoß im Alleingang versetzen kann. Der Beschluss, die zweite Front zu eröffnen, wurde bereits am 28. November 1943 auf der Konferenz in Teheran gefasst.

 

Operation Overloard : Die US-Truppen ziehen Verstärkung zusammen. Soldaten des 5. US-Korps verlassen ein Landungsschiff. Foto: UllsteinBild/Vostock_photo

Seit Anfang 1943 erhielt die Staatsführung der Sowjetunion regelmäßig Geheimdienstmeldungen über geheime Kontakte der deutschen Opposition zu Führungskreisen der USA und Großbritanniens. Die Kursker Schlacht war noch im vollen Gange, als bei einem Treffen in Québec unter Beteiligung von Roosevelt, Churchill und deren engsten Beratern die Frage erörtert wurde, ob denn nicht vielleicht Deutsche helfen können, die Truppen der Westmächte auf deutschem Gebiet landen zu lassen, um so auch die Russen zurückzudrängen. Parallel zu „Overloard“, der Landungsoperation in der Normandie, wurde die Operation „Rankin“ beschlossen, die darauf aufbaute, dass die von Hitler enttäuschte deutsche Elite auf die Wehrmacht einwirke, sodass diese im Falle einer Landung alliierter Verbände nicht eingreifen werde. Diese hätte es allerdings andererseits der Sowjetunion gestattet, einen größeren Teil Europas zu okkupieren.

Am 24. Mai 1944 informierte das Außenministerium der USA die

sowjetische Botschaft in Washington darüber, dass an die US-amerikanischen Vertreter in der Schweiz sich unlängst zwei Emissäre einer deutschen Gruppe mit dem Vorschlag, das Naziregime zu stürzen, gewandt haben. Moskau wurde unverblümt zu verstehen gegeben, dass der Westen noch über eine Trumpfkarte verfüge, um den Krieg mit Deutschland zu Ende zu bringen. Man könne sie aus dem Ärmel ziehen, falls die Sowjetunion es nicht lerne, die Forderungen der Alliierten zu „respektieren“. Dieser Plan der Alliierten wurde durch das missglückte Attentat vom 20. Juli 1944 auf Hitler durch Claus Schenk Graf von Stauffenberg durchkreuzt. Im Deutschen Reich kam es zu einer fieberhaften Säuberungsaktion in der Armee sowie allen in das Attentat involvierten staatlichen Strukturen. Die Beteiligten wurden verhaftet und zum Tode verurteilt. Der Alternativplan mit einem Auflösen der Westfront konnte, solange der Führer lebte, nicht durchgeführt werden. Doch zu diesem Zeitpunkt waren die alliierten Westmächte bereits in der Normandie gelandet und unaufhaltsam auf dem Vormarsch.

 

Die zweite Front rettete vielen Rotarmisten das Leben

Die Eröffnung der Westfront konnte zwar den Graben, der sich gebildet hatte, nicht wieder schließen, das wichtigste Ziel jedoch wurde erreicht: Der Hitlerfaschismus war besiegt und der Frieden war, wenn auch unter den Bedingungen des Kalten Krieges, für viele Jahre gesichert.

 

Hätte die Sowjetunion Hitler-Deutschland ohne Hilfe der Alliierten bezwingen können? Einer der bekanntesten und populärsten zeitgenössischen russischen Militär-Historiker, Alexej Isajew, ist der Überzeugung, dass dies möglich gewesen wäre: „Die Rote Armee hätte tatsächlich noch weiter vordringen und die Deutschen hätten wohl kaum ernsthaften Widerstand leisten können. Aber die Verluste wären dabei ungleich größer gewesen. Auch wenn die Hilfe des Westens sehr spät kam, hat sie doch Hunderttausenden sowjetischen Soldaten das Leben gerettet.“

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland