Kulturschock und Kaufrausch: Sowjetische Touristen in der DDR

Die DDR war für viele Sowjetbürger ein begehrtes Reiseziel. Foto: DPA/Vostock Photo

Die DDR war für viele Sowjetbürger ein begehrtes Reiseziel. Foto: DPA/Vostock Photo

Mitte der 1970er-Jahre stand die Sowjetunion auf dem Höhepunkt ihrer wirtschaftlichen und politischen Macht. Vielen Bürgern wurde erstmals eine Auslandsreise erlaubt. Besonders begehrt war ein Besuch in der DDR.

„Eines Tages lud uns Leonid, der Chef der Parteiorganisation, in sein Büro ein", erinnert sich Ewgenija. „Wir waren zehn Männer und Frauen – die Gruppe der glücklichen Auserwählten. Auf uns wartete ein exotisches Abenteuer: Wir durften in die DDR fahren."

Wir schreiben das Jahr 1974. Die Sowjetunion ist auf dem Höhepunkt ihrer politischen und wirtschaftlichen Macht. Das Ausland ist kein verbotenes Märchenland mehr, das man – wie es in einem sowjetischen Witz heißt – nur als Soldat in einem Panzer betreten könne. Sowjetische Touristen erobern Osteuropa, gleichwohl mit einigen Einschränkungen.

„Ihr seid noch völlig unvorbereitet auf die Realität eines fremden Staats", sagte Leonid zu der Gruppe und skizzierte Verhaltensregeln, die helfen sollten, die DDR-Reise zu überleben: sich in der Stadt nur in Gruppen bewegen, menschenleere Straßen und Gegenden meiden, nicht unhöflich wirken, die Kommunikation mit den Einheimischen jedoch lieber auf „Guten Tag – Kommunistischer Gruß – Auf Wiedersehen" beschränken, auf Fragen ausweichende Antworten geben wie etwa „ich kann mich nicht daran erinnern", „keine Ahnung" oder „ich verstehe Sie nicht".

Doch der Aufwand lohnte sich. Für einen einfachen sowjetischen Bürger war die DDR Europa pur – das Land mit dem höchsten Lebensstandard unter allen sozialistischen Staaten. Und eine Quelle für hochwertige Luxus-Güter. Noch heute ist eine Fangemeinschaft für DDR-Spielzeug in Russland aktiv. Eine Piko-Modellbahn, Sonni-Puppen, das Tauchboot

„Delphin" oder Stagor-Spielfahrzeuge – wer sie als Kind besaß, hatte keine Probleme, Freunde zu finden. Die Älteren interessierten sich dagegen vor allem für Kleidung und Schuhe, Porzellan und Zekiwa-Kinderwagen.

Mit dem Schiff „Baltika" wurden Ewgenija und andere sowjetische Touristen durch die kalte Ostsee nach Deutschland gebracht. Natürlich waren auch die baltischen Sowjetrepubliken und Polen spannend und interessant, doch die Sowjetbürger warteten vor allem auf die DDR. Von einer Hafenstadt fuhr sie der Bus nach Potsdam zu einem Hotel – so weit, so gut; ein Kollektiv ließ sich nicht spalten. Doch im Hotel erlaubten sich dann einige gewisse Freizügigkeiten. „Manche Genossinnen und Genossen wagten es, in das hoteleigene Restaurant zu gehen, wo sie eine Striptease-Show sahen und später begeistert davon erzählten", sagt Ewgenija. Striptease in der DDR – mir fällt es schwer, das zu glauben. Eine Bikini-Show vielleicht, aber ein echtes Striptease in Potsdam? Doch Ewgenija lässt sich nicht beirren und fährt mit ihrer Erzählung fort.

„Wir fuhren schließlich nach Berlin. Die Stadt fand ich großartig, doch wir mussten längere Umwege in Kauf nehmen, denn egal wohin man fuhr, die Mauer war überall", erinnert sie sich. Manche Gebäude hätten noch die Spuren vom Krieg getragen und dringend eine Sanierung benötigt. Ewgenija habe versucht, die Einheimischen auf dieses Thema anzusprechen, und bemerkt, dass es nicht so gut ankomme. „Ja, uns fehlt es an Geld, schließlich zahlten wir euch Millionen als Kriegsentschädigung", sei die Antwort gewesen. „Ach, diese stolzen Deutschen", sagt Ewgenija.

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Die Nachmittage waren frei – für Ewgenija hieß das, endlich einkaufen zu gehen. Doch was genau sollte man kaufen mit der überschaubaren Summe an DDR-Mark, die den Sowjettouristen zur Verfügung stand? Porzellan? Oder doch lieber Schuhe? In Grüppchen von Genossen und Genossinnen seien sie durch die Stadt flaniert auf der Suche nach den attraktivsten Angeboten, erzählt Evgenija. „Einmal trafen wir einen sowjetischen Offizier auf der Straße. Der zeigt uns den Weg, dachten wir, und sprachen diesen auf Russisch an. Er bedachte uns mit einem längeren Blick und ging schweigend weg. Später fiel mir ein, dass der Offizier bestimmt selbst Instruktionen erhalten hatte – er durfte nicht auf der Straße mit verdächtigen Personen sprechen", sagt Ewgenija. Ordnung müsse ja sein – schließlich waren sie in Deutschland. In einem besseren Deutschland, wie sie betont.

Das größte Ereignis der langen Reise sei das Treffen mit den deutschen Kollegen gewesen, organisiert in einem schicken Restaurant, auf mehreren Stockwerken und sogar mit einer Terrasse. „Die jungen Deutschen waren viel lauter als wir", erzählt Evgenija und meint, „wir waren besser erzogen

worden." Nachdenklich fügt sie hinzu: „Vielleicht waren sie aber auch einfach ein bisschen freier im Kopf." Die Kompromissbereitschaft von Evgenija hatte auch ihre Grenzen – die deutsche Küche. „Es wurde bei uns kräftig an Brot gespart", klagt sie, „denn eine Scheibe Roggen- und eine Scheibe Weizenbrot pro Mahlzeit ist für uns Russen eindeutig zu wenig. Unsere Männer mussten hungern."

Schließlich überquerte das Schiff „Baltika" erneut die Ostsee, diesmal Richtung Heimat. Schon bald war die schöne Meeresfassade Russlands – die Stadt Leningrad – zu erblicken. Die sowjetischen Touristen hatten deutlich schwerere Koffer als am Anfang der Reise, berichtet Evgenija, ihr Horizont hatte sich erweitert, ihre Kultur- und Erlebnissucht war befriedigt. Evgenija würde die Erinnerungen an diese Reise 40 Jahre lang pflegen. „In den Töpfen, die ich damals in Berlin gekauft habe, koche ich heute noch meine Suppen", sagt sie. Die Töpfe hielten länger als die DDR und länger als die Sowjetunion. Und nicht weniger lang halten die Erinnerungen an ein exotisches Abenteuer in einem fremden Land.

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