Samowar: 300 Jahre russische Teetradition

Im Moskauer Kunstgewerbemuseum läuft seit dem 11. Juni die Ausstellung „Über Samoware und mehr...“. RBTH traf dort die Kuratorin der Ausstellung und sprach mit ihr über die Besonderheiten der russischen Teekultur.

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Um auf russische Weise seinen Tee zuzubereiten, muss man zunächst mit Brennholz Feuer machen und warten, bis das Teewasser kocht. Während sich das Wasser erhitzt, singt der Samowar, er schnauft und brodelt. Ist das Brodeln in ihm bereits zu hören, so trägt man den Samowar zu Tisch und krönt ihn abschließend mit einer Teekanne.

Auf der schneeweißen, kunstvoll gemusterten Tischdecke werden dann Köstlichkeiten aller Art präsentiert. Auf dem Speiseplan stehen Lebkuchen, Bubliki (Teigkringeln) und Milchbrötchen, Pralinen und Würfelzucker, denn der Tee wird bevorzugt mit süßen Gaumenfreuden genossen und auch gesüßt getrunken. Der Tee wird heute meist in Tassen serviert, die auf tiefen Untertassen stehen. Früher bei den Rus trank man beispielsweise aus Schalen, die man mit drei Fingern festhielt und aus denen man den Tee schlürfte. In Russland ist das Teetrinken ein Anlass für ein unbekümmertes, langes Gespräch zu den unterschiedlichsten Themen.

„Nirgendwo auf der Welt trinkt man Tee so wie in Russland", sagt Olga Jurkina, die Kuratorin der Ausstellung. „In China und Japan besteht das Ziel in der Teezeremonie selbst. Zudem kommt dort nichts außer Tee auf den Tisch und der Tee wird nicht wie bei uns in Russland verdünnt. In England, einer weiteren berühmten Teenation, bekommt man Sahne oder Milch zum Tee serviert", erklärt Jurkina die Unterschiede.

 

Grüner oder schwarzer Tee

Lange glaubte man, die Kosaken hätten die hohe Kunst der Teezubereitung im 16. Jahrhundert aus China nach Russland gebracht. Inzwischen gibt es historische Belege, dass Tee erstmals ein Jahrhundert später am Hof der Romanow-Dynastie eingeführt wurde. Unter Peter I. schloss Russland in den Zwanzigerjahren des 17. Jahrhunderts mit China einen Vertrag zum Teehandel im großen Stil.

Der Tee wurde von Handelskarawanen, die im Durchschnitt ein halbes Jahr unterwegs waren, auf dem Landweg über Sibirien und den Ural nach

Russland gebracht. In Europa bezog man den Tee hingegen aus Indien. Britische Handelsschiffe transportierten die Ware. Auf dem langen Seeweg wurde der Tee feucht und musste wieder getrocknet werden, was zur Folge hatte, dass der Tee durch die thermische Behandlung seinen ursprünglichen Geschmack verlor. So kam es, dass Russland und Europa zwei verschiedene Geschmacksrichtungen von Tee kennenlernten.

 

In Russland wird überwiegend schwarzer Tee getrunken, obwohl er aus China kam, das gewöhnlich mit grünem Tee in Verbindung gebracht wird. „Die Chinesen verkauften Russland damals allerdings grünen Tee, wahrscheinlich durch Zufall", glaubt Olga Jurkina. „Das führte dazu, dass wir nur noch schwarzen Tee gekauft haben. Hätte man vor über 300 Jahren grünen Tee importiert, dann würden wir heute in Russland wahrscheinlich nur diesen trinken."

 

Russland bleibt die Heimat des Samowars

 

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In Russland kochte man das Teewasser vor einigen Jahrhunderten noch über Feuer auf. Genau für diesen Prozess des Erhitzens wurde dann der Samowar erfunden. Um seine Entstehung ranken sich jedoch mehrere Geschichten. Die erste berichtet davon, dass Peter I. einen Samowar aus den Niederlanden mitgebracht haben soll, den russische Handwerksmeister kopiert haben. Die zweite Geschichte geht davon aus, dass ein Samowar aus China importiert wurde, den russische Handwerksmeister... Ganz richtig gedacht, die sollen ihn nachgebaut

haben. Die dritte Version zur Entstehung des Samowars ist die aus historischer Sicht gesehen wohl profundeste. Sie besagt, dass die ersten Samoware um 1740 im Ural in den Fabriken von Nikita Demidow hergestellt wurden. Handwerksmeister aus Demidows Heimatstadt Tula sollen den Samowar erfunden haben.

Es ist daher kaum verwunderlich, dass in Russland eben jene Samoware besondere Bekanntheit erlangten, die aus Tula stammten. Denn die Handwerksmeister kehrten aus dem Ural nach Tula zurück und eröffneten dort ihre Werkstätten. In diesen konstruierten sie die verschiedensten Samoware, kleine, die sich perfekt für eine Tasse Tee eigneten, und große, die ein Füllvermögen von mehreren Litern hatten. Es gab auch Multifunktions-Samoware für die Küche. Diese hatten drei Kammern im Innern, wo man entweder Essen kochen oder Wasser erhitzen konnte. „Ein Samowar war zur damaligen Zeit nicht günstig. Im 19. Jahrhundert kostete er zehn Rubel, was dem Monatslohn eines Arbeiters entsprach. Doch einen Samowar, der ein Leben lang und sogar darüber hinaus hielt, kaufte man sich einmal und dann nie wieder. Die Samoware wurden später nachfolgenden Generationen weitervererbt“, erzählt Olga Jurkina.

Bild: Natalia Michajlenko

Samoware, die mit Holz beheizt werden, stellt man in Tula noch bis heute her. Wie vor einigen Jahrhunderten erfreuen sie sich auch heute noch großer Beliebtheit. Denn Tee auf Holz aufzukochen, ist nicht nur etwas Besonderes, sondern auch ein Tribut an die russische Tradition. Man braucht sich nur vorzustellen, wie gut ein Tee schmecken wird, wenn zuvor eine lange Zeremonie stattfindet, in der das Teewasser langsam aufgekocht wird, und der Samowar schließlich auf dem Tisch steht und eine einzigartige Atmosphäre voller Wärme und Gemütlichkeit schafft.

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