Russische Literaten: Talentiert, aber arm

Nach der Verbannung verdiente Solschenizyn den Lebensunterhalt für sich und seine Familie durch Mathematik- und Physikunterricht. Foto: Photoshot/Vostock Photo

Nach der Verbannung verdiente Solschenizyn den Lebensunterhalt für sich und seine Familie durch Mathematik- und Physikunterricht. Foto: Photoshot/Vostock Photo

Reich werden konnte man als Schriftsteller in Russland noch nie. Nicht einmal Literaten von Weltruhm konnten ihren Lebensunterhalt allein durch ihre Schreibkunst bestreiten. Wohl dem, der etwas „Anständiges“ gelernt hatte.

„Arme Leute“ hieß der erste Roman des berühmten russischen Schriftstellers Fjodor Dostojewski. Und obwohl dieser Roman sehr erfolgreich war, lebte Dostojewski, wie viele russische Schriftsteller seiner Zeit, in schwierigen finanziellen Verhältnissen. Mal fehlten ihnen die Leser, mal war es der politische Druck, der dazu führte, dass das Schreiben oft zu wenig Geld einbrachte. Die meisten Schriftsteller mussten neben dem Schreiben noch einen weiteren Beruf ausüben.

 

Tschechow und die Menschlichkeit

Anton Tschechow war Arzt und lebte diesen Beruf mit großer Leidenschaft aus: „Die Medizin ist meine rechtmäßige Ehefrau, und die Literatur ist meine Geliebte“, soll er einmal gesagt haben. 15 Jahre lang behandelte er meist Bauern, Hausangestellte und Bedürftige. Viele seiner Patienten konnten sich eigentlich keinen Arzt leisten, sodass Tschechow sie kostenfrei behandelte. Oft scherzte er: „Ich praktiziere in den Häusern der Aristokraten. Im Moment bin ich gerade unterwegs zu Gräfin Keller, um ihren Koch zu behandeln. Dann geht es zum Haus der adeligen Woejkows zu einem Zimmermädchen.“

Seine medizinische Tätigkeit beeinflusste auch sein schriftstellerisches Werk. Den Gesundheitszustand, die Krankheiten oder den Tod seiner Figuren beschrieb er gerne bis ins kleinste Detail. Tschechow lernte als Arzt viel über das Leben und das Wesen des Menschen kennen – eine wertvolle Erfahrung für jeden Schriftsteller.

Tschechows Motivation war „der Wunsch, dem Gemeinwohl zu dienen“. Er war überzeugt, dass dieser Wunsch „der Seele ein Bedürfnis und eine Voraussetzung für die persönliche Zufriedenheit sein muss“. 1890 reiste er zu einer Strafkolonie auf die Insel Sachalin, um eine Zählung der Gefangenen durchzuführen und die sanitären Bedingungen in den dortigen Gefängnissen, Krankenhäusern und Baracken zu untersuchen. Tschechow war über die Zustände entsetzt und veröffentlichte seine Erlebnisse in seinem Buch „Die Insel Sachalin“. Sein erschütternder Bericht führte dazu, dass sich die schrecklichen Bedingungen, unter denen die Häftlinge leben mussten, verbesserten.

 

Bulgakow und die Absurdität

Auch Michail Bulgakow studierte Medizin und war zwischen 1910 und 1920 mehrere Jahre lang als Arzt tätig. Unter anderem diente er als einfacher Militärarzt im Ersten Weltkrieg. Nach dem Krieg trat Bulgakow eine Stelle als Mediziner in einer abgelegenen Region in der russischen

Provinz an. Er war der einzige verfügbare Arzt weit und breit und musste sich täglich um Dutzende Patienten kümmern. Bulgakows Erinnerungen aus diesen Jahren sind durch die 2012 ausgestrahlte, britische Fernsehserie „A Young Doctor’s Notebook“ einem breiteren Publikum bekannt geworden. Die Serie basiert auf Bulgakows Geschichtensammlung „Aufzeichnungen eines jungen Arztes“.

Bulgakow gilt als Meister der Satire. Seine Beschreibungen des sowjetischen Alltags wirken oft geradezu grotesk. In Bulgakows Werken tauchen immer wieder Ärzte auf, so zum Beispiel der brillante Professor Preobrashenski in „Hundeherz“. Dieser ist das Abbild eines typischen Intellektuellen seiner Zeit, der sich mit der Absurdität und Brutalität der frühen Sowjetzeit konfrontiert sieht.

 

Solschenizyn und die Unabhängigkeit

In der Sowjetunion sollte jeder Bürger in der Lage sein, von seiner Arbeit zu leben. Doch im Bereich der Kunst gab es bestimmte Einschränkungen. Als Schriftsteller musste man dem Sowjetischen Schriftstellerverband beitreten und sich der Partei gegenüber loyal verhalten, wenn man finanziellen Erfolg haben wollte. Wer nicht der staatlichen Ideologie folgen wollte, musste einen zweiten Beruf ausüben, um Geld zu verdienen.

Alexander Solschenizyn wollte schon im jungen Alter Schriftsteller werden. Er schrieb Gedichte und Essays und hatte einen umfangreichen Roman über die russische Revolution vorbereitet. Als er nach dem Schulabschluss an die Universität wechselte, beschloss er jedoch, nicht Literatur zu studieren, sondern entschied sich für Physik und Mathematik in Rostow. Sein Studium schloss er als Mathematiklehrer mit Auszeichnung ab.

Vier Jahre später wurde Solschenizyn aufgrund seiner politischen Ansichten zu acht Jahren Arbeitslager verurteilt. Nach seiner Freilassung verbannte man ihn in die kleine Ortschaft Kok-Terek in der kasachischen Steppe. Dort erwies sich seine frühere Berufswahl als große Hilfe. Durch sein Studium war er in der Lage, den Lebensunterhalt für sich und seine Familie durch Mathematik- und Physikunterricht zu verdienen.

 

Dowlatow und der faule Kompromiss

Sergej Dowlatow wählte den Journalismus als seinen Zweitberuf, fand dies aber auf lange Sicht eher unbefriedigend. Während er in seinen schriftstellerischen Arbeiten aufrichtig und unverblümt schrieb, war Dowlatow als sowjetischer Journalist das genaue Gegenteil: ruhig, loyal und nicht bereit, die Sicherheit seines Jobs zu gefährden. Dowlatow befand

sich in derselben Situation wie zahlreiche seiner Zeitgenossen: Er war aufgrund der Ideologie gezwungen, seine moralischen Prinzipien aufzugeben. Doch während andere ihre Heuchelei und moralische Unterwürfigkeit selbst viel später nicht eingestanden, widmete Dowlatow sich dieser schmerzvollen Erfahrung in seinem Buch „Der Kompromiss“. Nach seiner erzwungenen Emigration in die Vereinigten Staaten setzte Dowlatow sein Werk mit „Der neue Amerikaner“ fort. Endlich konnte er offen schreiben und erhielt die verdiente Anerkennung.

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