Was die Hände verraten

Warum kratzen sich Russen am Hinterkopf, werfen ihre Mütze auf den Boden oder zerreißen ihr Hemd? RBTH erklärt typisch russische Gesten.

Sich am Hinterkopf kratzen


Bild: Tatjana Perelygina

Kratzen am Hinterkopf erhöht leider weder die Durchblutung des Gehirns noch die Denkkraft. Dennoch kratzt sich der Russe gerne am Hinterkopf, wenn er ratlos ist. Er fragt sich dann, ebenso wie wir jetzt: Was soll das alles? Eine Antwort auf diese Frage sollte einst der Urvater Rus geben, der mit eben dieser Geste angerufen wurde.

 

Das Hemd vor der Brust zerreißen

Bild: Tatjana Perelygina

Eine wahrhaft dramatische Geste, die anfangs wohl ein Glaubensbekenntnis sein sollte. Die russischen Vorfahren haben damit ihre Zugehörigkeit zum orthodoxen Glauben ausdrücken wollen, indem sie symbolisch ein Kreuz auf ihre Brust zeichneten.

Es könnte auch ein Zeichen dafür sein, die „nackte“ Wahrheit zu präsentieren. Vor Exekutionen haben die Henker den Verurteilten das Hemd ausgezogen. Wer sich sein Hemd freiwillig auszieht, könnte also auch zeigen wollen, dass er nichts mehr zu verbergen hat und man ihm nichts mehr anhaben kann.

 

Die Mütze auf den Boden werfen

Bild: Tatjana Perelygina

Noch so eine ausdrucksstarke Geste, die jedoch weniger Entschlossenheit als vielmehr Verzweiflung ausdrückt. Die Kopfbedeckung, wie übrigens auch der Bart, stand bei russischen Männern für Würde und ihren Platz in der Gesellschaft. Niemals hätte der russische Mann in der Öffentlichkeit seine Kopfbedeckung abgenommen. „Oben ohne“ galt als Schande. Daher bestrafte man zum Beispiel Schuldner damit, barhäuptig umherlaufen zu müssen. Wer die Mütze freiwillig abnahm, demonstrierte damit die Bereitschaft, ein wahnwitziges Risiko einzugehen, das dem Betreffenden die Verbannung aus der Gesellschaft kosten konnte.

 

Sich an die Brust schlagen

Bild: Tatjana Perelygina

 Diese Geste stammt vermutlich aus der kriegerischen Tradition der Nomaden und gelangte durch Mongolen in die Rus. So leisteten diese ihren Lehnsherren einen Schwur. Faustschläge an die Brust sollten Ergebenheit demonstrieren.

 

Die „manu cornuta“

Bild: Tatjana Perelygina

 Die „gehörnte Hand“, bei der Zeigefinger und kleiner Finger von der Faust abgespreizt werden, gilt zu Unrecht als „teuflisches“ Zeichen. Tatsächlich hat die „gehörnte Hand“ schon eine jahrtausendalte Tradition und ist mehr ein Symbol zur Abwehr von schwarzer Magie und bösen Geistern. Es gibt sogar Ikonen, auf denen der Heiland und Heilige mit dieser Geste zu sehen sind.

Die ältere Generation erinnert sich wahrscheinlich noch an den Kinderreim „Geht eine Ziege hinter kleinen Kindern...“: Der Erwachsene zeigt dem Kind, wie eine Ziege mit ihren Hörnern stößt und verwendet dazu ebenfalls die manu cornuta.

 

Die „Feigenhand“

Bild: Tatjana Perelygina

 Bei der Feigenhand wird der Daumen bei geschlossener Faust zwischen Zeigefinger und Mittelfinger gesteckt. Diese Geste ist in vielen Kulturen beheimatet. Man verwendete sie zur Abwehr unreiner Kraft, heute gilt sie in den meisten Kulturen als vulgär. In die alte Rus wurde die Feigenhand wahrscheinlich von den zugewanderten Deutschen gebracht, die mit dieser Geste die russischen Frauen verführen wollten. In der russischen Tradition verwandelte sich die Symbolik dieser Geste in den Ausdruck einer kategorischen Ablehnung. 

 

Fingerschnipsen am Hals

Bild: Tatjana Perelygina

 Diese Geste aus der russischen Schenken-Tradition bedeutet so viel wie

„sich einen hinter die Binde gießen“, eine im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts weit verbreitete Redewendung für „sich betrinken“. Diese Geste nutzten oft die Schwarzhändler, die zu Zeiten des Prohibitionsgesetzes, das Nikolaus II. 1914 im Russischen Reich erließ, mit alkoholischen Getränken handelten. Der Ausdruck entstand wohl im Offiziersmilieu, ein gewisser Oberst Rajewskij soll ihn erfunden haben, der als „Phrasendrescher und Schäker“ galt. Einer Legende zufolge erfand er auch einen anderen „Schenkenausdruck“, nämlich „pod-schofe“ zu sein, vom französischen „chauffée“, was „glühend“ bedeutet. Wer „pod-schofe“ ist, ist leicht angesäuselt. 

 

Dieser Beitrag erschien zuerst bei "Russkaja Semerka". 

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