Voll im Trend - Trachten aus dem Nordkaukasus

Foto: RIA Novosti

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Der aktuelle Ethno-Style nordkaukasischer Modedesigner ist inspiriert von der Nationaltracht der Urvölker. Die gelungene Verbindung von Folklore und Moderne zeigt sich in vielen Entwürfen, die vielleicht schon bald zum modischen Must-Have werden könnten.

Auf dem Gebiet der Republik Karatschai-Tscherkessien leben vier uransässige Volksstämme: die Karatschaier, die Tscherkessen, die Abasinen und die Nogaier.

Die „Tscherkeska“ ist ein Kleidungsstück für Männer und Frauen. Die Karatschaier sagen auch „Tschepken“ dazu. Es handelt sich dabei um einen Mantel, der in der Ausführung für Männer nicht nur durch seinen besonderen Schnitt, sondern auch durch Zweckmäßigkeit überzeugte. Heute ist die „Tscherkeska“ Teil der traditionellen kaukasischen Tracht. Es ist eine Abwandlung eines bäuerlichen Kleidungsstücks mit leicht auseinandergehenden Rockschößen, im oberen Teil eng am Körper anliegend, in der Taille fest gegürtet und auf der Brust ausgestattet mit Patronentaschen. Das Fehlen eines Kragens, der tiefe Ausschnitt und die klare Taille unterstreichen vorteilhaft den natürlichen „Dreiecks“-Körperbau des Mannes und machen optisch größer. Die frei herabhängenden langen Rockschöße verleihen dem Gang Grazie.

Gewöhnlich trug man die Tscherkeska über einem Beschmet, einem langen Kaftan artigen Hemd mit hochgeknöpftem Stehkragen. Es war aus ziemlich festen Stoff, meistens aus selbstgemachtem Filzstoff wie für Alltagsstrümpfe und aus industriell gefertigten Stoffen wie Satin für besondere Anlässe. Außerdem war das Beschmet zur besseren Festigkeit auch noch mit Steppnähten versehen. „Die Alten tragen auch heute noch wärmende Beschmets, oft in gedämpften dunklen Tönen, die in der Regel aus Filztuch heimischer Produktion genäht sind“, schreibt die Historikerin und Kunstforscherin Anna Kusnezowa in ihrem Buch „Die traditionelle Volkskunst der Karatschaier und Balkaren“.

Gewöhnlich trug man die Tscherkeska über einem Beschmet, einem langen Kaftan artigen Hemd mit hochgeknöpftem Stehkragen. Foto: ITAR-TASS

Die Hosen der Tracht hatten einen komplizierten Schnitt, weil sie gleichzeitig zwei Funktionen erfüllen sollten. Einmal eine rein praktische - sie sollten beim Gehen und Reiten bequem sein. Daher hatten sie sehr weite Hosenbeine, die in der Hüfte mit einem Gürtel zusammengehalten wurden. Zum anderen sollten sie allgemein der schlanken Silhouette der Tracht entsprechen, deshalb umschloss der untere Teil des Beinkleides fest die Waden.

Die Farbskala der Karatschaier- und Balkarentracht der Männer zeichnete sich durch besondere Zurückhaltung, geradezu Monochromie, aus.

Unter den schwierigen klimatischen Bedingungen der bergigen Region war der weitverbreitetste Schuhtyp ein hoher, sehr weicher Lederstiefel, der so genannte „Kaukasier-Stiefel“. Kusnezowa schreibt: „Die Elastizität der Lederschuhe wurde durch eine besondere Herstellungsmethode erreicht. Das dünne Leder, wie ein Schlauch zusammengenäht, wurde in halbfertigem Zustand über das nackte Bein gezogen, und nachdem es in dieser Lage ausgetrocknet war, behielt es lange seine Form. Diese Herstellungsmethode ist den nordkaukasischen Völkern seit langem bekannt. Lange Stiefelschäfte, manchmal bis übers Knie reichend, wurden unterhalb des Knies mit einem Lederriemen gebunden - daraus hob sich über dem Knie wie ein Trichter der freie Teil hervor und verlieh dem Bein eine eigentümliche Silhouette.“

Geschmückte Weiblichkeit

Die Frauentracht unterschied sich im Stil kaum von der der Männer. Die gleiche, den Oberkörper anmutig umschmeichelnde Tscherkeska war ein bisschen länger und hatte einen voluminöseren Saum. Unter dem Oberteil der Tracht wurde ebenfalls ein dem „Beschmet“ der Männer vergleichbares Unterkleid getragen. Die Farbe war oft rot oder orange, das effektvoll durch den Schlitz im „Tscherkessen-Kleid“ hüftabwärts hervorblitzte.

Schmuck wird von den Kaukasierinnen noch heute geschätzt und in Hülle und Fülle getragen. Foto: PhotoXPress

Mit heranreifendem Alter schickte es sich für die Mädchen, einen kurzen Kaftan zu tragen, der dem Schnitt nach ebenfalls dem Beschmet der Männer glich. Auf der Brust wurde er mit einer unzähligen Menge an massiven Silberhaken - bis zu 20 Stück – zugeknöpft. Silber zählte in Karatschai-Tscherkessien traditionellerweise mehr als Gold. Der Kaftan wurde mit Litzen und Stickereien verziert. Der Saum war in dem großen, aber äußerst sittsamen Schlitz des Kleides sichtbar.

Deutlich unterschieden sich die Kopfbedeckungen. Die Männer bevorzugten vor allem zum 19. Jahrhundert hin, hauptsächlich Stoff- und Pelzmützen. Sie waren Varianten der traditionellen „Papacha“ - einer Mütze von gerader zylindrischer Form mit flachem Deckel. Die Mützen der Frauen waren ebenso wie ihre Kleider vergleichsweise prachtvoll ausgeschmückt. Bei den Nogaiern war es üblich, dass die Braut eine bis zu 70 Zentimeter  hohe Kopfbedeckung trug, die über und über mit Gold, Silber, Pelz und Edelsteinen besetzt war und den Gegenwert mehrerer Pferde hatte.

Und natürlich wären Frauen ohne Schmuck keine Frauen. Der wird von den Kaukasierinnen noch heute geschätzt und in Hülle und Fülle getragen. Absolutes Highlight der traditionellen Tracht ist der silberne Gürtel „kjumjusch beli bau“, besonders beliebt bei den Karatschaierinnen.

Tracht wird Trend

Heute ist die traditionelle Tracht von Karatschai-Tscherkessien ein gefragtes Motiv für die Modedesigner. Seit ein paar Jahren kommen aus dem Nordkaukasus originelle Kollektionen, die auf dem traditionellen Schnitt von Tscherkeska und Beschmet basieren. Besonders beliebt sind bei den Einheimischen Hochzeitskleider mit folkloristischem Charakter, reich besetzt mit Spitzen.

Trachten der Karatschai-Tscherkessen sind gefragtes Motiv für die Modedesigner. Foto: PhotoXPress

 

Im Alltag ist der neue Trachten-Trend noch nicht angekommen. Eine Tscherkessin erzählt: „Bei uns trägt man gerne schwarze Kleidung, oft mit Strass besetzt. Lange Röcke sind kaum wegzudenken. Im letzten Jahr waren sie meist grün“. Die muslimischen Frauen trügen Kopftücher, was historisch nicht zur Karatschaier Kultur gehöre. Manchmal seien neben schwarz aber auch weitaus gewagtere Farbkombinationen anzutreffen. Auch die Männer zeigten Mut zur Farbe und trügen besonders oft rote Mokassins. Die Vertreter der künstlerischen Elite tagen dagegen jetzt schon gerne Jacketts, die an eine zu kurz geratene Tscherkeska mit stilisierten Patronentaschen erinnern. Auf den Laufstegen waren oft graue Filzjacken mit schwarzen Einfassungen im Tscherkessen-Stil zu sehen, mit karminrotem besticktem Futter, die zu ebensolchen karminroten Minikleidern mit bauschigem Tüll-Saum oder als Ergänzung zu engen roten Hosen kombiniert wurden.

Die modische Avantgarde und die Kreativen arbeiten daran, die Tracht zu einem modischen Bekleidungsstück zu machen, dass vielleicht schon bald die Straße erobern könnte.

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