Russische Kaffee-Kultur im Aufschwung

Die Mehrheit der Russen kocht den Kaffee zu Hause noch auf die herkömmliche Art, in einem türkischen Kaffeekocher. Foto: ITAR-TASS

Die Mehrheit der Russen kocht den Kaffee zu Hause noch auf die herkömmliche Art, in einem türkischen Kaffeekocher. Foto: ITAR-TASS

Kaffee ist dabei, den Tee als beliebtestes Heißgetränk der Russen zu verdrängen. Qualitativ hochwertige Kaffeesorten werden immer beliebter, auch dann, wenn die Herstellung gewöhnungsbedürftig ist. RBTH hat sich unter Liebhabern und Experten umgehört.

Im Moskauer Stadtzentrum befindet sich in einem Gebäude aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert das älteste und bekannteste Geschäft für Kaffee- und Teespezialitäten. Viele Verkäuferinnen arbeiten dort schon seit bis zu zwanzig Jahren und kennen sich aus mit den Trinkgewohnheiten der Russen. Die meisten Käufer entscheiden sich für brasilianischen, kubanischen, kolumbianischen und indonesischen Kaffee, weiß Kaffee-Expertin Swetlana:  „Vor allem ältere Leute wählen diese Sorten, denn zu Sowjetzeiten kam Kaffee vor allem aus Kuba und Kolumbien.“ Bei der jüngeren Generation sei aromatisierter Kaffee im Trend, berichtet sie weiter und wie zum Beweis erscheint eine Mittzwanzigerin, um sich mit aromatisiertem Kaffee verschiedenster Geschmacksrichtungen einzudecken. Viele kleine Päckchen liegen auf dem Verkaufstresen.

 

Geschmäcker sind verschieden

Die Kunden sind so unterschiedlich, wie die Auswahl an Kaffeesorten groß ist. Verkäuferin Julia kennt die Vorlieben ihrer Kundschaft und ist nur noch selten überrascht: „Da kommt eine unscheinbare alte Frau ins Geschäft und kauft für 350 Euro Premium-Kaffee. Dann kommt ein Mann in einem teuren Anzug und verlangt 50 Gramm des billigsten Espressos“, erzählt sie. Einer ihrer Stammkunden hat einen besonderen Geschmack: „Er ist ein Liebhaber von Kop Luwak, einer sehr teuren und auf ganz spezielle Weise hergestellten Kaffeesorte, von der er immer drei Kilogramm kauft.“ Dieser

Kaffee wird aus Exkrementen einer Schleichkatzenart, der Fleckenmusangs, gewonnen. Die Tiere fressen reife Früchte von Kaffeebäumen, verdauen das Fruchtfleisch und scheiden die Bohnen wieder aus. Diese werden gesammelt, gereinigt und in der Sonne getrocknet. Nach Julias Erfahrung schreckt das die meisten Männer ab. Frauen seien jedoch experimentierfreudiger. Dann erzählt Julia von einem Mann, dem im Traum geraten wurde, eine neue Kaffeesorte zu probieren. Er habe von einem Spiel der Fußballnationalmannschaft Costa Ricas geträumt. Nach einem Sieg fragte ihn im Traum ein Costa-Ricaner: „Warum freust du dich so, hast du unseren Kaffee getrunken?“ Um sich von der stimmungsaufhellenden Wirkung des Kaffees zu überzeugen, kaufte er gleich am nächsten Tag den Kaffee aus Lateinamerika.

Werbung beeinflusst das Kaufverhalten ebenfalls sehr stark. Unlängst verbreitete ein beliebtes Fernsehmagazin zu Gesundheitsfragen die Meldung, grüner Kaffee eigne sich gut zum Abnehmen. „Die Nachfrage nach diesem Produkt schnellte sprunghaft in die Höhe. Die Leute kauften direkt mehrere Packungen, kamen immer wieder, um sich Nachschub zu besorgen“, erinnert sich Swetlana und fügt lachend hinzu: „Obwohl er wirklich schrecklich schmeckt und man, um ihn trinken zu können, schon sehr von einer gesunden Lebensweise überzeugt sein muss.“

 

Cappuccino und Cafè Americano

Anton Greiler, der Geschäftsführer der russischen Niederlassung des österreichischen Kaffeeunternehmens Julius Meinl, kennt die Gewohnheiten seines Gastlandes ebenfalls. Die Mehrheit der Russen, sagt er, koche den Kaffee zu Hause noch auf die herkömmliche Art, in einem türkischen Kaffeekocher. Auch Kaffee-Expertin Swetlana empfiehlt diese Methode, wenn man alle aromatischen Nuancen zur Entfaltung bringen möchte, wie sie sagt. „Das ist noch eine Tradition aus sowjetischen Zeiten, als es keine importierten Kaffeemaschinen gab. Die kamen erst mit der Olympiade 1980“, weiß Greiler.

Klicken Sie das Bild an, um es näher anzusehen. Bild: Natalia Michajlenko

Die Kaffee-Trinkgewohnheiten der Russen ähneln laut Greiler denen der Österreicher. „Die russischen Kaffeeliebhaber erinnern am ehesten an die Österreicher. In Wien verbringen die Menschen bei einer Tasse Kaffee Zeit in einem Kaffeehaus. Sie lesen dort Zeitung, treffen sich mit Freunden, genießen den Augenblick. Für uns ist ein Kaffee in erster Linie mit einem Gespräch und einer Begegnung verbunden“, erzählt er. In Russland sei das ähnlich, ein guter Kaffee brauche Zeit. „Russische Kaffeeliebhaber haben mit Italienern wenig gemein, sie ziehen einen guten Café Americano oder Cappuccino dem schnellen Espresso oder Ristretto vor“, sagt Greiler. Noch eine weitere Angewohnheit sei für die Russen typisch, hat Greiler beobachtet. Für sie seien „Kaffee und Zigarette“ untrennbar miteinander verbunden. „Ein Kaffee wird gerne nach dem Genuss von Alkohol getrunken, um wieder in Schwung zu kommen und klarer zu werden“, berichtet er.

Die Russin Maria trinkt täglich drei bis vier Tassen Kaffee, immer schwarz. Kaffee aus der Maschine mag sie nicht. „Das Kaffeetrinken ist für mich ein ganz besonderes Ritual, es ist damit verbunden, mich hinzusetzen und zu entspannen. Den besten Kaffee kocht man in einer sehr einfachen Espressokanne“, findet sie. „Die Leute haben in letzter Zeit angefangen, viel Kaffee zu trinken und kennen sich mittlerweile sogar ein wenig damit aus. Noch trinken meine Kollegen aber alles hintereinander weg und denken gar nicht über die Qualität nach“, erzählt Maria. Den Löwenanteil beim Kaffee stellt tatsächlich mit 80 Prozent noch immer löslicher Kaffee. Und in Russland werde auch noch immer mehr Tee als Kaffee getrunken, meint Greiler, fügt aber hinzu, die Kaffeekultur entwickle sich derzeit in Russland in einem rasanten Tempo. Dem stimmt auch Verkäuferin Swetlana zu. Innerhalb der vergangenen sechs bis sieben Jahre haben sich die Verkaufszahlen ihrer Abteilung dem Teeverkauf angeglichen.

 

Info:

 

Einer in der Zeitung „Wedomosti" veröffentlichten Studie zufolge trinken 74,6 Prozent der Russen Kaffee. Dieses Niveau hält sich in etwa seit 2007. Im Zeitraum 2003 bis 2004 erlebte das belebende Getränk eine Konjunktur. Damals bezeichneten sich etwa 80 Prozent der russischen Bevölkerung als Kaffeetrinker. Zahlen von Kaffeeerzeugern zufolge nimmt die Nachfrage nach diesem Getränk in Russland seit sechs bis sieben Jahren zu. 

Nach Angaben der offiziellen Webseite des Ministeriums für Gesundheitsschutz der Russischen Föderation trinken 30,3 Prozent der Russen täglich zwischen einer und drei Tassen Kaffee. 20,2 Prozent der Befragten verzichten ganz auf Kaffee, 15,2 Prozent trinken ihn mehrmals in der Woche. Einige Male im Monat nehmen 14,6 Prozent der Russen dieses Getränk zu sich. Entkoffeinierten Kaffee trinken 9,6 Prozent der Befragten gelegentlich.

 Unter den verschiedenen Berufsgruppen ist der Kaffee am wenigsten unter den Ingenieuren, Architekten und Ökologen gefragt. Die häufigsten Kaffeetrinker finden sich unter den Krankenschwestern, Fahrern und Spediteuren. Offensichtlich hilft ihnen der Kaffee, wach zu bleiben.

 Die meisten Russen (69 Prozent) trinken Instantkaffee, Bohnenkaffee dagegen nur 36 Prozent. In Israel ist der lösliche Kaffee noch beliebter, dort geben ihm 80 Prozent der Befragten den Vorzug. Den zweiten Platz in diesem Rating nimmt Griechenland ein (76 Prozent), gefolgt von Saudi-Arabien auf Platz drei.

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