Russen in der Schweiz: Infanterie, Schriftsteller und Studenten

Im Nobelhotel „Les Bergues“ residierte 1857 Leo Tolstoi, dessen Namen heute eine Straße in Genf trägt. Foto: Alamy/Legion Media

Im Nobelhotel „Les Bergues“ residierte 1857 Leo Tolstoi, dessen Namen heute eine Straße in Genf trägt. Foto: Alamy/Legion Media

Heute sind es Millionäre und Touristen, die aus Russland in die Schweiz kommen. Früher waren es Studenten, Querdenker und Literaten, die in der Alpenrepublik Ruhe und schöpferische Kraft fanden. Auch Napoleon wurde mithilfe von zaristischen Divisionen aus den Tälern Helvetiens gejagt. RBTH besuchte die Schweiz und fand russische Spuren an vielen Orten.

Die Schweiz hat, oft wenig beachtet, eine entscheidende Rolle in der russischen Geschichte gespielt. Kommunistische Revolutionäre sammelten dort ihre Kräfte, russische Schriftsteller arbeiteten an späteren Klassikern der Weltliteratur und Tausende junge Russen büffelten an Schweizer Universitäten und brachten neue Ideen mit in ihr Heimatland. Auch umgekehrt hat Russland die Alpenrepublik nicht nur mit Geld seiner Oberschicht gespeist – und tut dies immer noch –, sondern dem Land auch seine Unabhängigkeit bewahrt. Heute gibt es im ganzen Land zwischen Genfer See und Bodensee zahlreiche Plätze, die von der gemeinsamen schweizerisch-russischen Geschichte zeugen.

 

Suworow-Denkmal im Kanton Uri

Kaum ein Russe in der Schweiz ist bekannter als General Alexander Suworow, der Napoleon aus dem Alpenland vertrieb.

Ende des 18. Jahrhunderts herrschte Krieg in Europa. Die alten Monarchien, darunter Österreich, Großbritannien und Russland, versuchten, die Eroberungen des revolutionären Frankreichs einzudämmen. Im Sommer 1799 befreite die russische Armee Italien von den französischen Truppen und sollte sich, so war der Plan der Alliierten, durch die Schweiz Richtung Norden durchkämpfen, um dort Frankreichs Soldaten aus Belgien zu vertreiben. Mit 21 000 Mann marschierte die russische Armee in die von Napoleon frisch gegründete helvetische Republik ein. Ein Jahr zuvor hatten die Franzosen die Alpenrepublik besetzt und die alte Ordnung hinweggefegt. Mit über 500 Maultieren und 1 500 Pferden zogen die Russen damals ohne sicheren Nachschub und mit nur ungenauen Karten über die Alpen.

Das Suworow-Denkmal in der Schöllenenschlucht. Foto: Alamy/Legion Media

Am 24. September 1799 kam es schließlich zur Schlacht in der Schöllenenschlucht bei Andermatt gegen den zahlenmäßig überlegenen Franzosen. Mit großen Verlusten siegte Russlands Armee, doch die Franzosen beschädigten auf ihrem Rückzug die wichtige Teufelsbrücke, ein verkehrstechnisches Nadelöhr. Suworow ließ am Tag darauf Holzbanken mit den Schals seiner Soldaten zusammenbinden und

errichtete so eine Notbrücke, die den Weitermarsch nach Österreich ermöglichte. Bis zu 10 000 russische Soldaten starben während des Feldzugs. Auch die Zivilbevölkerung musste leiden, schließlich hatten die Soldaten keine Wahl, als sich Essen und Kleidung von der Schweizer Bevölkerung zu holen. Dennoch gilt Suworow im Land als Held und Befreier und überall auf seinem Weg erinnern Gedenktafeln an seinen Gewaltmarsch.

Zum 100. Jahrestag der Schlacht schenkte die Schweiz Russland ein 500 Quadratmeter großes Gelände in der Schöllenenschlucht, auf dem sich heute das Suworow-Denkmal befindet. Entgegen einer weit verbreiteten Legende handelt es sich dabei allerdings nicht um russisches Hoheitsgebiet. Das Gelände befindet sich nur rein zivilrechtlich in russischem Staatsbesitz.

 

Das Lenin-Haus: Spiegelgasse 14, Zürich  

Es war ein Züricher Arbeiterviertel mit schmalen Gassen und engstehenden, schmucklosen Häusern, das sich der künftige Anführer des Weltproletariats als Zufluchtsort ausgesucht hat. In Europa tobte derzeit der Erste Weltkrieg, und Wladimir Uljanow, besser bekannt unter dem Pseudonym Lenin, musste sein vorübergehendes Exil Österreich verlassen – Wien verdächtigte Lenin der Spionage für Russland, wo er wegen seines revolutionären Engagements allerdings ebenfalls unerwünscht war.

Das Haus in der Spiegelgasse 14, wo Lenin und seine Frau ein kleines Zimmer mieteten. Foto: Alamy/Legion Media

1914 kam Lenin zunächst nach Genf und später nach Bern, doch die gutbürgerliche Stadt schien nicht gerade der beste Ort für kommunistische Agitations- und Untergrundarbeit zu sein. Später schrieb Lenins Frau Nadeschda Krupskaja, in Zürich lebe eine revolutionär gesinnte Jugend, die Sozialdemokraten stünden weiter links und der kleinbürgerliche Geist mache sich nicht so sehr bemerkbar. Anfang 1916 erhielt Lenin die Erlaubnis, nach Zürich umzusiedeln. Das Ehepaar quartierte sich zunächst

in der Geigergasse 7 ein, einer billigen Unterkunft, in der auch Prostituierte und Kriminelle Unterschlupf fanden. Nach knapp zwei Monaten zog das Ehepaar dann in die Spiegelgasse 14. Dort mieteten sie für 24 Franken ein kleines Zimmer bei der Familie eines Schusters. In der Wohnung wohnten auch die Frau eines deutschen Soldaten, österreichische Schauspieler und ein Italiener. Der ungarische Schriftsteller Arthur Holitscher beschrieb das Viertel, das er später nach Ende des Ersten Weltkriegs besuchte: „Es sind Häuser, wie man sie in italienischen Hafenstädten antrifft. Arme-Leute-Häuser, man sieht es gleich. Das Viertel beherbergt Arbeiter und arme Leute. Im schmalen Gässchen ein dumpfes Geratter, Tag und Nacht – eine Wurstfabrik arbeitet dort und stößt den Lärm ihrer Maschinen gegen die engen Mauern; die Häuser erschüttern davon.“

Während seiner Zeit in Zürich verbrachte Lenin viel Zeit in Bibliotheken, traf sich mit anderen Kommunisten aus Russland und vollendete sein Werk „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“. Im April 1917, nach der Februarrevolution in Russland, durfte Lenin mit deutscher Unterstützung in seine russische Heimat ausreisen.

 

Genf, die russischste Stadt der Schweiz

Noch im 19. Jahrhundert, als in Russland der Zar die Zügel der Macht fest in der Hand hielt, war die Schweiz bereits eines der beliebtesten Reiseländer für Russlands Adel und Elite. Dort tummelten sich aber nicht nur die Noblesse und politische Emigranten. Insbesondere Genf hat es den russischen Schriftstellern angetan, auch wenn die Briefe, die sie in die Heimat schickten, etwas anderes vermuten lassen. So schimpfte Dostojewski darüber, wie grimmig und grau Genf sei und dass dort mehr getrunken werde als in London. Gogol beschwerte sich vor allem über das windige und kühle Klima.

Dennoch wuchs die Popularität der Stadt am gleichnamigen See, auch weil Paris in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zunehmend unter Russen als verpönt galt. Neben Dostojewski und Gogol weilte der Dichter Turgenjew einige Zeit in Genf. Aus seiner Feder stammt der zum Bonmot gewordene Vers: „Russland ist nicht mit dem Hirn zu verstehen und nicht mit der Elle zu messen“. Russlands Schriftsteller kamen nicht nur zur Erholung in die Schweiz. Dostojewski schrieb hier seinen Roman „Der Idiot“ und Gogol arbeitete am Genfer See an den „Toten Seelen“.

Einer der wichtigsten Anlaufpunkte für russische Gäste war das Nobelhotel „Les Bergues“. Hier residierte 1857 Leo Tolstoi, dessen Namen heute eine Straße in Genf trägt. Das „Les Bergues“ diente auch dem Dichter Tjutschew und dem Philosophen Alexander Herzen als Unterkunft. In den 1860er-Jahren zog Herzen von London nach Genf, wo er Russlands erstes

Revolutionsblatt „Kolokol“, übersetzt „Die Glocke“, herausgab. Ein anderes Hotel am Genfer See, das stolz auf seine russischen Gäste sein kann, ist das „Palace“ in Montreux. Hier lebte von 1961 in einer eigenen Suite Vladimir Nabokov, Autor des berühmten Romans „Lolita“, der ihm in seiner Wahlheimat USA großen Erfolg einbrachte. Das erlöste Geld erlaubte es Nabokov, seine Lehrtätigkeit in den USA aufzugeben und wegen der Sängerkarriere seines Sohnes nach Europa zu ziehen. Das Hotelzimmer mit Seeblick blieb Nabokovs letzte Heimstätte bis zu seinem Tod 1977.

 

Palais de Rumine in Lausanne

Russische Historiker bezeichnen die Schweiz auch gerne als die eigentliche Wiege der russischen Revolution, noch eher als die einstige Hauptstadt des Zarenreiches Sankt Petersburg. Der Grund dafür ist, dass die Schweiz neben Deutschland nicht nur der wichtigste Anlaufpunkt für Revolutionäre aller Couleur, sondern auch für russische Studenten gewesen ist. Viele von ihnen waren Frauen, denen höhere Bildung in Russland Ende des 19. Jahrhunderts größtenteils noch nicht zugänglich war. Auch Juden konnten so die Einschränkungen an russischen Hochschulen umgehen. Seit den 1860er-Jahren wuchs die Zahl russischer Studenten, bis sie schließlich im Jahr 1909 mit einem Anteil von etwa 40 Prozent aller Studierenden den Höhepunkt erreichte. An den Universitäten in Lausanne und Genf waren Russen sogar in der Überzahl.

Die Universität von Lausanne ist historisch mit dem Namen des russischen Großgrundbesitzers, Gabriel Rjumin verbunden. Foto: Alamy/Legion Media

Die Universität von Lausanne ist historisch eng mit dem Namen Gabriel Rjumins, dem Nachkommen eines 1840 in die Schweiz ausgewanderten russischen Großgrundbesitzers, verbunden. Nachdem die Eltern Rjumins beide verstorben waren, widmete sich der junge Aristokrat ausgedehnten Reisen. Vor seiner Abfahrt nach Istanbul, im Alter von 29 Jahren, verfasste

er ein Testament, das sein Vermögen von 1,5 Millionen Franken nach seinem Tode für den Bau einer gemeinnützigen Einrichtung bestimmte. Kurze Zeit später verstarb Rjumin in Budapest an Typhus, und Lausanne baute von seinem Geld ein opulentes Universitätsgebäude. Dort befand sich der Campus der Universität bis 1970 und zog später in einen modernen Bau direkt am See. Das „Palais de Rumine“, beherbergt heute mehrere Museen und ist eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt.

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