Wie ein russischer Oligarch den Krieg der Neuzeit vorhersagte

Der Eisenbahner Johann von Blochs beschrieb die Schrecken des ersten Weltkriegs schon im Jahr 1899. Foto: Wikipedia.org

Der Eisenbahner Johann von Blochs beschrieb die Schrecken des ersten Weltkriegs schon im Jahr 1899. Foto: Wikipedia.org

Zwei Jahrzehnte vor dem Kriegsjahr 1914 wurde mit dem Geld des Oligarchen und Eisenbahnmagnaten Johann von Bloch eine umfassende Studie erstellt. Sie befasste sich mit der Zukunft des Krieges in technischer, wirtschaftlicher und politischer Relation. Hätten die Heerführer auf von Blochs Rat gehört, wäre es eventuell nicht zum millionenfachen Blutvergießen gekommen.

Ende des 19. Jahrhunderts, als das Flugzeug, das Radio und der Benzinmotor gerade aus dem Experimentierstadium herausgekommen waren und der Krieg sich noch nicht endgültig von der Taktik aus Napoleons Zeiten verabschiedet hatte, prophezeite die Expertengruppe um Johann von Bloch den Verlauf eines Krieges im zukünftigen 20. Jahrhundert. Der Mann, der dieser Gruppe vorstand, war der polnische Jude, deutsche Katholik und russische Beamte, ein Pionier des russischen Kapitalismus, der ein unvorstellbares Vermögen für den Bau der Eisenbahn angesammelt hatte. In seiner „Prophezeiung", der Studie „Die Zukunft des Krieges in technischer, wirtschaftlicher und politischer Relation", kam fast alles vor, mit Ausnahme vielleicht der Atombombe: Maschinengewehre aus einer Legierung neuer Metalle, Zielfernrohre, Nachtsichtgeräte und kugelsichere Westen, millionenstarke Heere, die sich an von Stacheldraht umgebenen Fronten gegenüberstehen, welche sich über Tausende Kilometer erstrecken.

Noch gab es nicht einmal das Wort „Panzer", aber in der Studie des sogenannten „Eisenbahnkönigs" tauchten bereits selbstfahrende, mit Kanonen bestückte „Panzerlafetten, undurchdringlich für Kugeln, Splitter und leichte Granaten" auf. Bis zum ersten Flug des weltweit ersten Flugzeugs der Brüder Wright verging noch fast ein Jahrzehnt, aber in der Prophezeiung hieß es bereits: „Wer in der Luft den Herrn spielen kann, der hat den Feind in seiner Hand, beraubt ihn durch Zerstörung von Brücken und Wegen der Verkehrsmittel, legt seine Magazine in Asche, versenkt seine Flotte, bedroht seine Städte, setzt seine Regierung ab, trägt Verwirrung in die Reihen seiner Armee und vernichtet diese in der offenen Schlacht und auf dem Rückzuge." Das Resümee dieser Vorhersagen deutete darauf hin, dass im Verlauf eines neuen, noch nie dagewesenen Weltkriegs „die neuen Theorien des gesellschaftlichen Umschwungs" die bestehende „Kulturordnung" hinwegfegen würden – also alles in eine Revolution münden wird.

 

Sechs Bände der Prophezeiung

Bloch konnte für seine Arbeit Ökonomen, Statistiker, Ingenieure und vor allem Militärangehörige aus den Generalstäben der europäischen Staaten gewinnen, insbesondere aus Russland und Deutschland. In der Folge gelang ihm und seinen Mitautoren in sechs Bänden eine realistische Vorhersage des Ersten Weltkriegs. Der erste Band mit dem Titel „Der zukünftige Krieg in seiner technischen, volkswirtschaftlichen und politischen Bedeutung" kam 1898 in Sankt Petersburg auf Russisch und 1899 in Berlin auf Deutsch heraus. Später wurde das Buch auf Englisch, Französisch und Polnisch veröffentlicht.

Während sich die Generäle aller Staaten immer noch auf Bajonettangriffe verließen, sah von Bloch bereits die durchgängige Bewaffnung der Infanterie mit Automatikwaffen voraus. In den Heeren der großen Staaten gab es noch eine leistungsstarke Kavallerie, in die die Generäle große Hoffnungen setzten. Bloch aber sagte voraus, dass die Kavallerie nur noch für Aufklärungsdienste erhalten bliebe, die ungestümen Attacken zu Pferd aber ganz der Vergangenheit angehören würden.

Das Werk von Blochs sagte eine 1898 noch nicht existierende „eigene Art von Schiffen, welche in der Luft dahinschweben" voraus. Die Begriffe „Fliegender Apparat" und „Aeroplan" existierten bereits im Buch. Es enthält tatsächlich die fantastische Abbildung mit dem Titel „Vernichtung einer Armee vom Luftballon aus", die einen seltsamen Apparat zeigte, ähnlich einer fliegenden Untertasse mit Masten, der, begleitet von Ballons, durch den Himmel fliegt und die feindlichen Truppen von oben aus mit Kanonen beschießt.

 

Stellungskrieg, Luftschlacht und U-Boot-Waffen

Im Krieg der Zukunft würden Millionen von Soldaten agieren, die eine Front von bis zu 1 000 Werst einnähmen. Es würde keinen Angriff ohne schreckliche Verluste geben: „Angriffe zur Einnahme von feindlichen

Stellungen werden im Krieg der Zukunft so schwer und verlustreich sein, dass keine einzige Seite in der Lage sein wird, den Sieg zu feiern." Im Krieg der Zukunft müssten die Armeen „vielleicht einen ganzen Winter oder sogar zwei durchhalten", prophezeite Bloch – er sagte einen langjährigen Krieg voraus. Zu der Zeit, Ende des 19. Jahrhunderts, rechneten selbst die Generäle des deutschen Generalstabs nicht damit, mehr als ein halbes Jahr zu kämpfen.

Der dritte Band ist dem Seekrieg gewidmet: „Man kann für die nächste Zukunft den Einsatz von Unterwasserbooten voraussagen." Wie von Bloch prophezeit, würden riesige Panzer- und Schlachtschiffe schutzlos gegenüber den Schwärmen von U-Booten sein, „ganze Schiffe können in die Luft gesprengt werden", warnte von Bloch. „Die von uns durchgeführten Berechnungen", heißt es, „zeigen, dass einzig England bei einem andauernden Krieg seine Herrschaft über die See behaupten könnte. Andererseits aber wird die kriegsbedingten Aussetzung der Handelsschifffahrt England großen Nachteil bringen." Der Krieg von 1914 bis 1918 bestätigte diese Prognose.

 

Der Prophet zählte nichts im eigenen Land

Leider wurde dem Buch keine internationale Anerkennung zuteil. Man sah von Bloch als exzentrischen Milliardär an. Der Autor des „Zukünftigen Krieges" selbst hatte gehofft, dass die Mächtigen, wenn sie sein Buch lesen, die Sinnlosigkeit und Verderblichkeit eines weltweiten bewaffneten Konflikts erkennen würden. Aber die Politiker schenkten seinen Einschätzungen kein Gehör.

Nichtsdestoweniger nahm von Bloch an der ersten Haager Friedenskonferenz 1899 teil. Er gehörte zwar nicht der offiziellen Delegation an, aber die Konferenz der 26 Staaten verabschiedete zum

ersten Mal militärische Beschränkungen, wie sie von Bloch auf den Weg gebracht wurden: „Das Werfen von Geschossen und Sprengstoffen aus Luftschiffen oder auf anderen ähnlichen neuen Wegen" sollte verboten werden sowie die Verwendung von Geschossen, „deren einziger Zweck ist, erstickende oder giftige Gase zu verbreiten". Überflüssig zu erwähnen, dass im kommenden Krieg niemand auf diese Beschränkungen Rücksicht nahm.

1901 wurde Johann von Bloch für den gerade eingeführten Nobelpreis nominiert, erhielt die Auszeichnung jedoch nicht. Ihm kam der Schweizer Henry Dunant zuvor, der Begründer des Internationalen Roten Kreuzes.

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