Das Wappen der UdSSR: Arbeiter, Bauern und der Triumph des Bösen

Hammer und Sichel werden vordergründig mit dem Freimaurerzeichen „Hammer und Meißel“ assoziiert. Diese Gegenstände bezeichnen das klar formulierte Ziel (Meißel) und dessen unbeugsame Umsetzung (Hammer). Foto: Lori / Legion Media

Hammer und Sichel werden vordergründig mit dem Freimaurerzeichen „Hammer und Meißel“ assoziiert. Diese Gegenstände bezeichnen das klar formulierte Ziel (Meißel) und dessen unbeugsame Umsetzung (Hammer). Foto: Lori / Legion Media

Hammer und Sichel – diese Symbole sind untrennbar mit der Sowjetunion verbunden und stehen für den Arbeiter- und Bauernstaat. Oder hatte ihr Schöpfer, Ewgeni Kamzolkin, etwas ganz anderes im Sinn? Kommunist war er jedenfalls nicht.

Die Herkunft des sowjetischen Staatswappens ist nicht eindeutig. Anfänglich gab es mehrere Varianten: Hammer und Sichel, Hammer und Harke, Hammer und Strohgabel, Hammer und Pflug. Der Hammer war in den europäischen Ländern traditionell das Symbol der Arbeiterschaft. Zusammen mit einem Werkzeug oder Arbeitsgerät aus der Landwirtschaft sollte er nun zur Illustration für die allbekannte Losung Lenins von der Vereinigung des Industrieproletariats und der werktätigen Bauernschaft

werden. Im April des Jahres 1918 wurde die endgültige Variante für das Emblem abgesegnet, entworfen von dem Moskauer Künstler Ewgeni Kamzolkin. Im Sommer 1918 stimmte der Fünfte Sowjetkongress offiziell für das Symbol von Hammer und Sichel.

Für den russischen Philosophen Alexej Losew steht das Staatssymbol der UdSSR für die Einheit von Arbeitern und Bauern. Es sei „ein Zeichen, das die Volksmassen bewegt“, findet er. Es unterstreiche seiner Meinung nach das konstruktiv-technische Prinzip für die Handlungen der Menschen und für ihr willensmäßiges Streben.

Der bekannte Moskauer Historiker und Bibliothekar Juri Got'e schrieb 1921 in seinem Tagebuch: „Seit einigen Tagen macht in Moskau eine Pointe die Runde: Wie soll das bloß enden? Die Antwort: Sichel, Hammer.“ In dieser umgekehrten Reihenfolge klingen die zwei Worte wie das russische Wort für „Thron“, was wohl eine Anspielung auf die diktatorischen Methoden der Bolschewiki sein sollte, die sich nach Meinung der Bevölkerung in ihrem Machtanspruch nicht sehr vom Zaren unterschieden.

 

Symbol von Kraft, Zerstörung, Tod

Dabei war Ewgeni Kamzolkin nicht nur kein Kommunist, sondern zudem ein zutiefst gläubiger Mensch aus einer wohlsituierten Familie. Mehr als zehn

Jahre lang war er Mitglied im mystisch-künstlerischen Verband „Leonardo da Vinci“ und verstand sich hervorragend auf die Bedeutung von Symbolen. Hammer und Sichel werden vordergründig mit dem Freimaurerzeichen „Hammer und Meißel“ assoziiert. Diese Gegenstände bezeichnen das klar formulierte Ziel (Meißel) und dessen unbeugsame Umsetzung (Hammer). In der europäischen religiösen Symbolik wird der Hammer mit aggressiver männlicher Kraft assoziiert, sowohl mit körperlicher Kraft wie in der griechischen Mythologie mit Hephaistos, dem Gott des Feuers und der Schmiede, als auch mit der Kraft von Tod und Verderben. Götter halten ihn in der Hand – wie der slawische Donnergott Swarog oder der skandinavische Thor. In China und Indien ist er Symbol für den destruktiven Triumph der Kräfte des Bösen.

Hintergrund

 

„Hammer und Sichel" ist ein weit verbreiteter Name von Ansiedlungen, Gemeinden und Bahnsteigen der Eisenbahn auf dem Gebiet des heutigen Russlands, in der Ukraine, in Belarus und in Kasachstan. Eines der größten Stahl- und Metallurgiewerke in Moskau, das vor der Revolution dem russischen Unternehmer mit französischen Wurzeln Jules Goujon (Yulij Guzhon) gehörte, wurde umbenannt in „Hammer und Sichel". „Hammer und Sichel" hieß auch eine Auszeichnung in Form einer goldenen Medaille, die von Miron Merzhanov, Stalins persönlichem Architekten und Gestalter, entworfen wurde. Die Medaille wurde Helden der sozialistischen Arbeit und Trägern des Leninordens überreicht. Es war eine der höchsten Auszeichnungen der UdSSR. Sie wurde an 19 000 Personen verliehen.

Es ist heute schwer zu sagen, welche Bedeutung Kamzolkin der Schöpfung dieses Symbols zugrunde gelegt hat. Hat er lediglich den Auftrag ausgeführt, ein Bildnis für den Bund der Bauernschaft mit den Arbeitern zu schaffen, oder hat er in diesem Symbol seine eigene Haltung zur Revolutionsmacht zum Ausdruck gebracht, indem er ausgerechnet Symbole wählte, die für Tod, Krieg und den Triumph des Bösen stehen?

In diversen Religionen wird auch die Sichel als Zeichen des Todes interpretiert. Mahd und Ährengarbe stehen im Christentum symbolisch für die menschliche Seele, die der Schnitter, der Tod, am Ende aller Zeiten ernten wird. Im Mittelalter wurde der Tod als Figur mit einer Sichel dargestellt, nicht wie später mit einer Sense. Im Heidentum der verschiedenen indoeuropäischen und slawischen Völker gibt es eine Göttin mit Namen Mara, auch Morana genannt. Sie steht für Winter, Nacht und Tod. Traditionell hält auch sie eine Sichel in ihrer linken Hand. Im Hinduismus ist Kali die Göttin des Todes. Sie ist die Schwester von Shiva und hält ebenfalls eine Sichel in ihrer Linken. Es fällt weiterhin auf, dass der Adler auf dem Wappen des revolutionären Österreich eine Sichel hält, ebenfalls auf der linken Seite. Und auch auf dem sowjetischen Wappen ist die Sichel nach links ausgerichtet.

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland