Kneifer, Kahlkopf und Koteletten: Der Look russischer Dichter

Wenn von russischen Dichtern oder Schriftstellern die Rede ist, drängt sich sofort das Bild eines bärtigen, bebrillten Menschen auf. Tatsächlich hatte jeder berühmte Autor ein spezielles Accessoire, das ihn einzigartig machte.

Bild: Ekaterina Wenediktowa

Im 19. Jahrhundert trug man in Russland Koteletten in den verschiedensten Formen. Es gab die korrekt gestutzte Variante oder echten Wildwuchs wie beim Dichter Alexander Puschkin. Der trug

seinen dichten Backenbart gelockt, ein Erbe seines aus Afrika stammenden Großvaters. Noch heute steht man in Russland unter dem Verdacht, dem Dichter nacheifern zu wollen, wenn man sich die Koteletten wachsen lässt.

Ob man aber gleich Böses im Sinn hat, wie die Protagonisten des im Jahr 1990 erschienen Films „Bakenbardy“, zu Deutsch „Die Backenbärte“, von Yuri Mamin, ist doch eher unwahrscheinlich. Im Film tauchen in einer von zwei rivalisierenden Gangs beherrschten  Kleinstadt eines Tages zwei Männer auf, die aussehen wie Puschkin. Nach und nach gewinnen sie immer mehr Anhänger, die sich ebenfalls Backenbärte wachsen lassen. Unablässig den großen Dichter rezitierend, übernehmen sie schließlich gewaltsam die Kontrolle über die Stadt. Am Schluss werden sie allerdings besiegt und kahl geschoren. Das führt uns zu einem anderen großen russischen Dichter.

 

Majakowski und die nackte Angst

Bild: Ekaterina Wenediktowa

 Wladimir Majakowski gilt als einer der führenden Vertreter des russischen Futurismus. Sein kahlgeschorenes Haupt wurde zu einem Symbol für den Radikalismus dieser avantgardistischen Kunstbewegung.

Dabei waren die Motive für die Nacktheit auf dem Kopf ganz anderer Natur. Der Vater des Dichters war an einer Blutvergiftung gestorben, nachdem er sich mit einer Nadel in den Finger gestochen hatte. Zudem grassierte zwischen 1917 und 1921 in Russland das Fleckfieber, das unter anderem durch Läuse übertragen wird. Der junge Majakowski entwickelte eine panische Angst vor Krankheiten und einen fast schon manischen Hang zur Körperhygiene. Vor diesem Hintergrund ist wohl auch sein Entschluss zu sehen, sich den Schädel seit seiner Jugend zu rasieren. Aber zurück zu den Bärten.

 

Gorki und der Riesenschnauzer

Bild: Ekaterina Wenediktowa

 Dem Schriftsteller Maxim Gorki, der als Begründer des russischen Surrealismus gilt, wird nachgesagt, ein Anhänger des deutschen Philosophen Friedrich Nietzsche gewesen zu sein. Nietzsches Schriften waren in der Sowjetunion in öffentlichen Bibliotheken verboten. Das beeindruckte Gorki nicht, wohl aber Nietzsches Schnauzbart. Gorkis Gesicht zierte ein ebenso üppiges Exemplar, dessen Pflege der produktive Schriftsteller mindestens so viel Zeit gewidmet haben soll wie dem Schreiben.   

 

Solschenizyn und der Bart des Propheten

Bild: Ekaterina Wenediktowa

 Der Schriftsteller, Dramatiker und Literaturnobelpreisträger Alexander Solschenizyn trug keinen Schnauzbart. Er ließ sich einen – nicht weniger üppigen – Vollbart stehen, zwischenzeitlich wie ein Seemann mit rasierter Oberlippe. Der Bart verlieh ihm das Aussehen eines russischen Patriarchen oder eines biblischen Propheten. In den USA, wohin Solschenizyn 1976 emigrierte, fand er viele Freunde, aber auch Kritiker. Denn wer erwartet hatte, dass Solschenizyn in den Vereinigten Staaten nun liberale Werte predigte, wurde enttäuscht. Die westliche Lebensweise gefiel ihm nicht, er blieb ein russischer Patriot.

 

Tolstoi und das einfache Leben

Bild: Ekaterina Wenediktowa

 Im Alter trug auch Lew Tolstoi einen beeindruckenden Bart, doch um den geht es an dieser Stelle gar nicht. Tolstoi setzte Trends auf einem anderen Gebiet. Der Autor von „Krieg und Frieden“ und „Anna Karenina“ trug stets ein traditionelles Bauernhemd mit seitlich versetztem Kragen, eine

sogenannte Kossoworotka.  

Tolstoi hielt sich oft unter Bauern auf, er lehrte ihre Kinder das Lesen und Schreiben und zuweilen ging er auch selbst hinter dem Pflug über die Felder. Für Tolstoi galt: Je einfacher, desto besser; je ärmer, desto edler. Später hielt er zu dieser Lebenseinstellung Predigten auf dem Familiengut Jasnaja Poljana. Seine Anhänger versammelten sich in der dörflichen Gemeinde und predigten Pazifismus, vegetarisches Leben und die Rückkehr zu urchristlichen Werten. Ganz nach dem Vorbild Tolstois trugen auch sie bevorzugt die Kossoworotka, die längst zur Tolstowka geworden war. Angehörige der Oberschicht zeigten damit, dass sie sich mit dem einfachen Volk identifizierten, was vielfach sicher nicht ernsthaft ihre Absicht war.

 

Tschechow und der Durchblick

Bild: Ekaterina Wenediktowa

 Anton Tschechow war Arzt und Schriftsteller und reformierte zu seiner Zeit das russische Theater. Alle gebildeten Leute in Russland kannten sein Werk. Tschechow war übrigens auch ein Bartträger. Er ist zudem kaum vorstellbar ohne den Kneifer auf seiner Nase, durch den er einen klugen Blick auf die Welt warf.

Sehhilfen, ob nun Brille oder Kneifer, wurden daher in der russischen Kultur zu einem Sinnbild für Intelligenz. Noch heute wird einem Brillenträger oft unterstellt, dass er ein Intellektueller sein müsse. Und wer einen Kneifer aufsetzt, der muss ein Intellektueller aus dem vorigen Jahrhundert sein.

 

Dowlatow und seine Schreibmaschine

Bild: Ekaterina Wenediktowa

 Der Bart des Schriftstellers Sergei Dowlatow war vergleichsweise bescheiden. Sein wichtigstes Accessoire trug er nicht am Körper, aber doch immer bei sich: seine Schreibmaschine, ein Fabrikat der Marke „Underwood“, der er mit seinem Werk „Solo auf Underwood“ ein Denkmal setzte. Was im Westen einfach nur ein Schreibgerät war, war in Russland mit Gold nicht aufzuwiegen. Verbotene Literatur wurde heimlich unter anderem auf Matrize zum Hektographieren, wie man das Kopieren damals nannte, abgetippt. Die letzten Kopien waren kaum noch lesbar und hießen daher „Blindkopien“. Ungeachtet der schlechten Qualität wurden die Texte dennoch gelesen, ja gar verschlungen. Nachdem Dowlatow 1978 in die USA emigriert war, kaufte er sich einen Computer und schrieb einen neuen Zyklus von Erzählungen mit dem Titel „Solo auf IBM“. Von seiner Schreibmaschine hat er sich dennoch nie getrennt.

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