Kreativer Protest: Antikriegskunst in Russland

Foto: Street Art Museum Sankt Petersburg

Foto: Street Art Museum Sankt Petersburg

Von AES-F bis hin zu Dmitri Wrubel gibt es in der russischen Kunstszene so einige Künstler und Künstlergruppen, die sich politisch engagieren. Mit ihrer Kunst machen sie mobil gegen den Krieg.

In Russland gibt es wenig Antikriegskunst. Die Künstler, die sich dem Thema Krieg widmen, kann man beinahe an einer Hand abzählen. Doch einige Ausstellungen und Aktionen haben in den vergangenen Jahren für Aufsehen gesorgt – die besten stellt RBTH vor.

 

Kunst gegen die Gehirnwäsche

Die Künstlergruppe AES-F, eine der bekanntesten russischen Künstlergruppen, hat das ambitionierte Fotoprojekt „Action Half-Life“ ins Leben gerufen. Es zeigt Bilder von Kindern, die mit Waffen spielen. Das Fotoprojekt nimmt Bezug auf das Computerspiel „Half-Life“, einem Ego-Shooter – die Aussage lautet: Gewöhnt Kinder nicht an Waffen.

Der 30-jährige Künstler Arseni Schiljajew und seine Kollegen in der Russischen Sozialistischen Bewegung führen die Tradition der Antikriegsplakate fort. Die Bewegung tritt nach eigener Aussage „gegen Krieg in der Ukraine und gegen den Chauvinismus, der von den Medien auf beiden Seiten angeheizt wird“, ein. Die Gruppe erregte größere Aufmerksamkeit, als sie in einer Juninacht, im Schutz der Dunkelheit, Antikriegsplakate im Zentrum von Sankt Petersburg aufhängten. Damit wollten die Aktivisten zeigen, dass die Massenmedien sowohl in Russland als auch in der Ukraine „Gehirnwäsche“ betreiben. 

Das Fotoprojekt „Action Half-Life“ zeigt Bilder von Kindern, die mit Waffen spielen. Foto: Street Art Museum Sankt Petersburg

Im Rahmen der Biennale der modernen Kunst in Sankt Petersburg wurde die Ausstellung „Casus Pacis“ („Anlass für Frieden“) gegen die kriegerischen Auseinandersetzungen in der Ukraine gezeigt. 60 Künstler stellten ihre Bilder aus, darunter waren mehr als 200 Landschaftsdarstellungen, Graffitis und monumentale Zeichnungen. Bemerkenswert ist dabei, dass die Hälfte der Künstler aus der Ukraine

stammte. Viele dieser Arbeiten könnten auch auf jeder beliebigen Ausstellung von moderner Kunst gezeigt werden. Skulpturen halb zerstörter Gebäude, Kompositionen, bestehend aus industriellen Spulen, monumentale Leinwände an Fabrikwänden – was macht diese Kunstwerke zu einem Statement gegen den Krieg? „Die Einstellung des Künstlers“, meint Anna Nistratowa, die Kuratorin der Ausstellung. „Wenn ein Künstler gegen den Krieg ist, dann sind es seine Werke auch.“ 

 

„Kein Ton nach dem orangen Tod“

Studenten des Kunstinstituts Basa haben die alte sowjetische Tradition der Agitpropgruppen wiederbelebt. Dabei handelte es sich um kleine Theatergruppen, die in der Sowjetunion von Fabrik zu Fabrik und Kolchose zu Kolchose gefahren sind und Stücke zu aktuellen politischen Themen aufführten. Anfang dieses Jahres realisierten die Studenten die aufsehenerregende Aktion „Woj“ auf dem Platz Krasnopresnenskaja Sastawa in Moskau. Der Platz ist bekannt für seine Kundgebungen von Kommunisten und radikalen linken Parteien, daher haben die Künstler einen ähnlichen Stil gewählt: Sie schrieben ihre Parolen auf rote Transparente und skandierten diese ebenso aggressiv wie die Kommunisten. Nur dass ihre Parolen eher einen absurden Charakter hatten, beispielsweise riefen sie Parolen wie „Kein Ton nach dem orangen Tod!“ oder „Vorwärts, strebe nicht dem Abgrund entgegen!“

Studenten des Kunstinstituts Basa haben die Tradition der Agitpropgruppen wiederbelebt. Ihre Parolen haben einen absurden Charakter: „Kein Ton nach dem orangen Tod!“ steht es auf dem Plakat. Foto: Iwan Onoprienko

Als Außenstehender erkennt man nicht gleich, dass es sich dabei um eine Kunstaktion handelt. Alles sieht sehr authentisch aus, als wäre einfach eine weitere politische Partei mit einem unklaren Programm gegründet worden. „Die Grenze zwischen politischen Kundgebungen und Kunstaktionen ist fast nicht mehr vorhanden“, sagt Dmitri Wrubel, der Maler des berühmten Porträts Berschnjews und Honeckers an der Berliner Mauer. Dies sei eine

Besonderheit in Russland: Eine Kunstaktion werde dort politisch und umgekehrt. „In Berlin habe ich eine politische Demonstration gesehen, bei der die Menschen außergewöhnlich angezogen waren und merkwürdige Parolen auf Transparenten getragen haben. Aber Kunst hat das dort niemand genannt. In Moskau hingegen hätte man das vermutlich als Kunstaktion bezeichnet.“

Ja, in Russland gibt es wenig Antikriegskunst. Doch gerade deshalb hat die Antikriegskunst auch eine Chance, sich in der Öffentlichkeit Gehör zu verschaffen. Denn wenn alle schweigen und einer spricht, hört man dem einen zu.

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland