Regungsloses Ritual: Die Ehrenwache am Kreml

Das Moskauer Grabmal des Unbekannten Soldaten befindet sich im Alexandergarten am Kreml. Seit 1997 gibt es hier eine Ehrenwache, die jede Stunde gewechselt wird. In dieser Ehrenwache zu dienen gilt gemeinhin als großes Privileg.

Foto: Nikolaj Korowjow, RBTH

Zwei Soldaten stehen bewegungslos in Hab-Acht-Stellung an den Mauern des Kremls und bewachen das Grabmal des Unbekannten Soldaten. Kinder, die mit ihren Eltern an dem Denkmal vorbeispazieren, halten diese Wachen für Zinnsoldaten aus einem Märchen und fragen: „Mama! Leben sie überhaupt?" oder „Mama! Sind das Roboter?". Die Kreml-Wachen haben gegenüber RBTH unter anderem verraten, wie sie es schaffen, während des Dienstes nicht zu husten, und wie sich chinesische Touristen bei einem Besuch verhalten.

Die Kreml-Wachen sind junge Männer, die aus allen Teilen des Landes hierher versetzt wurden. Dabei schaffte es bei Weitem nicht jeder in dieses Regiment aufgenommen zu werden. Die Aufnahmekriterien sind äußerst streng: Man muss motiviert sein, mindestens einen Mittelschulabschluss vorweisen, keine Vorstrafe haben und über eine gesunde psychische Verfassung verfügen. Gleichzeitig muss man gewisse körperliche Voraussetzungen mitbringen: Dazu zählen gerade Gesichtszüge, eine Größe zwischen 175 bis 190 Zentimetern und eine von Tätowierungen und Narben freie Haut. Aus der Masse an Bewerben werden deshalb nur wenige Männer ausgewählt.

 

Dienst nach Vorschrift

Alexander Makarzew dient in der ersten Kompanie der Kreml-Ehrenwache und marschierte in seinen neun Dienstmonaten 150 Mal im Exerzierschritt zu seinem Posten am Denkmal. Beim Exerzierschritt wird das Bein beim

Das Grabmal des Unbekannten Soldaten wurde 1966 zum 25. Jubiläum der Abwehr der deutschen Truppen vor Moskau errichtet. Es befindet sich im Alexander-Garten an der Kreml-Mauer.

Dieses Denkmal ist zudem allen im Großen Vaterländischen Krieg gefallenen sowjetischen Soldaten gewidmet und wird auch als Wachposten Nr. 1 oder als „Landeshauptwachposten“ bezeichnet.

Gehen in einem 90 Grad Winkel angehoben. Umgerechnet hat Makarzew damit eine ganze Woche seines Lebens in der Hab-Acht-Stellung verbracht.

Während des eigentlichen Dienstes ist den jungen Soldaten so ziemlich alles untersagt. Makarzew erklärt, dass es als ein schwerer Verstoß aufgefasst wird, wenn man einem Mädchen nachschaut oder seinen Blick auf andere Soldaten richtet. Durch seinen Dienst hat Makarzew jedoch gelernt, russische Besucher von internationalen Touristen zu unterscheiden: „Russen haben ein viel runderes Gesicht, wohingegen Europäer viel symmetrischere Gesichtszüge und flach ausgerichtete Mundwinkel haben. Betrachtet man die Lippen von russischen Touristen, so stellt man zudem fest, dass diese immer ein wenig lächeln".

Doch woran denkt ein Wachsoldat während seiner Schicht? Ewgenij Ryndin, ein Kamerad von Makarzew, klärt uns auf: „Man denkt an die Wachen, die hier früher gestanden sind. Und einem wird klar, was man da eigentlich bewacht: das Grabmal des Unbekannten Soldaten. Dort ist nämlich ein Mensch begraben, der sein Leben für uns alle geopfert hat. Unter diesen Umständen, kann man es nicht übers Herz bringen, seine Schicht nicht zu beenden, und nicht durchzuhalten".

 

Ein Selfie am Ewigen Feuer

„Ich freue mich immer, wenn Familien mit Kindern kommen", erzählt Makarzew weiter. „Einige Menschen kommen vorbei, um sich vor dem

Grabmal zu verbeugen. Manche weinen dabei sogar. Ältere Menschen bekreuzigen sich in der Regel vor dem Denkmal und legen Blumen nieder. Ein äußerst ehrenvolles und angenehmes Verhalten zeigen auch chinesische Touristen. Denn sie kennen die Bräuche der Russen und verneigen sich drei Mal tief vor dem Grab. Es kommen auch junge Menschen vorbei, um Selfies vor dem Denkmal zu schießen. Diese versuchen uns manchmal auch zu reizen und rufen uns beispielsweise zu: ‚Komm mit uns'! Doch Makarzew hat mittlerweile gelernt, mit solchen Situationen richtig umzugehen: „In solchen Momenten versuche ich, immer nach oben zu blicken, um mich von der Menge loszulösen. Ich bemerke so, was um mich herum passiert und ich höre alles, was gesagt wird – aber ich lasse mich nicht darauf ein".

 

Geheime Empfänge

Alexander Makarzew zeigt uns seine sonnengebräunten Handrücken. Dann streift er sein Hemd bis zu den Ellenbogen hoch, wo seine Haut komplett weiß ist. „Neulich herrschte in Moskau eine abnormale Hitze: Im Schatten wurden 38 Grad gemessen. Hier beim Grabmal heizt sich zudem der Granit auf und die Wärme des Feuers kommt auch noch hinzu. So hatten wir gestern um die 50 Grad. Doch man kann nichts machen und muss durchhalten". Der Wachsoldat gibt allerdings einige seiner Tricks preis: „Wenn sich eine Wespe auf einen setzt, darf man auf keinen Fall Panik bekommen, denn sie fliegt von alleine wieder weg. Wenn man husten muss, drückt man einfach die Zunge gegen den Gaumen, wodurch der Hustenreiz schwindet." Streng verboten ist es auch zu gähnen oder sich zu kratzen.

Im Notfall kann sich der Wachsoldat jedoch auf die Hilfe eines Kameraden verlassen. Dieser steht ein Stück abseits des Grabmals. Sollte es wirklich

dazu kommen, dass sich jemand unbefugt dem Denkmal nähert, gibt eben dieser ein Warnsignal ab. Unter den Wachsoldaten gibt es zudem geheime Zeichen, die dazu dienen, einen weiteren Soldaten zu sich zu rufen: So klopft man beispielsweise mit dem Zeigefinger und Daumen, die am Gewehrstock liegen, auf den Lauf. Daraufhin kommt der zweite Soldat zu einem, um zum Beispiel die Uniform gerade zu rücken oder um einem das Gesicht abzuwischen. Bei dem Gewehr der Wachen handelt es sich übrigens um ein Simonow SKS-45, ein Selbstlader mit einer Schussweite von bis zu eineinhalb Kilometern. Doch sollte es wirklich einmal zum Einsatz dieser Waffe kommen, würden die Wachsoldaten selbstverständlich auf die Sicherheit der Zivilbevölkerung achten – ein Blutvergießen soll auf jeden Fall vermieden werden.

 

19 Jahre alt, Friseur und Künstler

Allgemein herrscht die Meinung vor, dass der Dienst in der Ehrenwache leichter wäre als in anderen Teilen des russischen Heeres. Doch dem ist nicht so. In den Kasernen der Ehrenwache verfügen die Soldaten zwar über einen eigenen Kinosaal, wo moderne russische Filme mit patriotischem Charakter gezeigt werden sowie ein Orchester mit dem Namen Optimisty (zu Deutsch: die Optimisten). Jedoch ist es ansonsten so, wie in jedem anderen Regiment der russischen Armee: Aus uns Kindern werden Männer gemacht. „Wenn man dich nämlich vom Komfort und den Freuden des gewohnten Lebens trennt, spielt es keine Rolle mehr, wer du früher warst und wie viel Geld du hattest", meint Makarzew. Des Weiteren erzählt er, dass am Anfang alle Wehrpflichtigen versuchen, ihre schlechten Charakterzüge zu verheimlichen. Vergeblich, denn der wahre Charakter kommt sowieso relativ bald zum Vorschein.

Die Soldaten sind alle verschieden. Manche beherrschen eine Kampfsportart wie Win-Tsu. Makarzew selbst ist beispielsweise ein begeisterter Künstler und zeichnet sehr gern. So ist das Motiv eines seiner Bilder eigens der Ehrenwache gewidmet. Dieses Bild wird der junge Gardist entweder seiner Mutter oder einem seiner Kameraden schenken. Zudem ist Makarzew auch gelernter Friseur. Seine „Kunden" haben dabei die Möglichkeit, sich in der Kaserne auf jenen riesigen Friseursessel zu

setzen, auf dem früher auch der erste Präsident Russlands frisiert wurde: Boris Jelzin. Dieser hatte seinen Friseursessel seinerzeit der Ehrenwache geschenkt.

Der Wehrdienst in der Ehrenwache bringt nichtsdestotrotz auch einige Vorteile mit sich. So erhält jeder Gardist nach seinem Wehrdienst gewisse Privilegien, die ihm später die Arbeitssuche wesentlich erleichtern können. Jeder Soldat der Garde wird beispielsweise bei der Bewerbung für einen Studienplatz bevorzugt behandelt. Auch russische Elite-Universitäten, wie die Moskauer Staatliche Universität MGU, gehören zu jenen Bildungseinrichtungen, auf denen sich die Gardisten praktisch ohne Aufnahmeprüfungen einschreiben können. Von diesem Privileg möchte auch Alexander Makarzew bald Gebrauch machen. Im nächsten Jahr will er an der MGU studieren.

Makarzew bleibt noch drei Monate in der Ehrenwache. „Durch meinen Dienst hier habe ich begriffen, dass man es sich niemals auch nur vorstellen kann, wozu ein Mensch überhaupt imstande ist", erklärt der junge Soldat abschließend.

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