Jekaterinburg: Willkommen im Mekka für Graffiti-Künstler

In Jekaterinburg fand zum fünften Mal das internationale Festival „Stenograffia“ statt. Graffiti-Künstler aus aller Welt hinterließen, ganz legal, ihre künstlerischen Spuren an Wänden und Mauern in Russlands „Hauptstadt der Straßenkunst“.

Foto: Darja Kesina

In Jekaterinburg sind Graffiti-Künstler willkommen. An vielen Orten werden extra Flächen für sie bereitgestellt. Jekaterinburg gilt daher als die „russische Hauptstadt der Straßenkunst". Hier entstand Russlands erste Galerie für Straßenkunst, hier lebte und arbeitete mit Starik Bukaschkin einer ihrer Pioniere. Bukaschkins Werke werden in der Abteilung für seltene Bücher in der British Library in London aufbewahrt.

In diesem Jahr fand dort zum fünften Mal das älteste und größte Festival für Straßenkunst in Russland statt, das internationale Festival „Stenograffia". In diesem Jahr stand das Festival im Zeichen der Fußball-WM 2018. Jekaterinburg ist einer der Austragungsorte.

Viele bekannte Künstler aus ganz Russland und aus der ganzen Welt kommen nach Jekaterinburg, um ihre Spur auf den Straßen des Industrie- und Kulturzentrums des Urals zu hinterlassen. Dem einheimischen Künstler Slava PTRK ist das mit seinem Werk „gegenseitige Hilfe" besonders gelungen. Zwei gigantische Hände bewegen sich aufeinander zu. Das Werk wurde im Juni in die Liste der weltweit besten Graffitis aufgenommen.

 

Friedensbote Gagarin

Ein mit Spannung erwarteter Gast in Jekaterinburg war der in der Graffiti-Szene legendäre Künstler Sam3 aus Madrid. Der spanische Künstler begeisterte bereits in Argentinien, Frankreich, Portugal und den USA mit seinen monochromen Arbeiten. In diesem Jahr kam er zum ersten Mal nach Russland, wo ihn strömender Regen erwartete. Jekaterinburg ist ihm dennoch in guter Erinnerung geblieben: „Es ist eine Stadt der Paradoxe und der Kontraste. Ultramoderne Gebäude stehen Seite an Seite mit altertümlichen Villen des 19. Jahrhunderts", sagte er und gab zu, so etwas noch nie zuvor gesehen zu haben. Die Menschen in Jekaterinburg fand er „freundlich und teilnahmsvoll". Sam3 hinterließ vier Graffitis in Form von rätselhaften „Schatten" auf den Fassaden der Arbeitervororte von Jekaterinburg, am Museum darstellender Künste und auf dem Gelände des Bezirkskinderkrankenhauses.

Andrej Palwal, Graffiti-Künstler aus Charkow in der Ukraine, kommt regelmäßig zum Festival. Die aktuelle politische Situation konnte in nicht abschrecken. Auf der Fassade eines fünfstöckigen Wohngebäudes im Zentrum von Jekaterinburg verewigte er sich mit einer 15 Meter großen Abbildung des ersten Astronauten Juri Gagarin, der eine Taube in den

Händen hält. Inspiriert wurde er durch ein Foto, das Gagarin mit einer weißen Taube zeigt, die ihm bulgarische Pioniere 1961 in Plowdiwa geschenkt hatten. Für Palwal hat sein Bild Symbolkraft. Mit seinem Graffito möchte er mit Blick auf sein Heimatland ausdrücken, dass sich das Schicksal der Welt in den Händen der Militärs befindet. Juri Gagarin war nicht nur Astronaut, sondern auch Militärpilot. Juri Gagarin findet sich auch in einem weiteren Graffito Palwals in Charkow. Dort hat er mit einer Fläche von 451,5 Quadratmeter eines der größten Straßenkunstobjekte geschaffen. Auch Palwal lobte die tolle Atmosphäre des Festivals.

 

In Jekaterinburg ist Graffiti legal

Es gibt theoretisch drei große Gruppen von Graffitikünstlern in Russland. Die meisten orientieren sich an den westlichen Graffitikünstlern. Andere haben einen ganz eigenen und unverwechselbaren Stil entwickelt. Und dann gibt es noch die, die fremde Entwürfe kopieren.

Graffiti ist in der Kultur Russlands noch ungewöhnlich. Doch die jungen Künstler der bekannten Gruppe VGA („Visualisierung grafischer Assoziationen") aus Samara ist sich sicher, dass Graffiti weit weniger

Ablehnung hervorruft, als noch vor einigen Jahren. Es gibt sogar schon „Auftragsgraffiti". Ein Rentner bat einmal um ein Porträt von Barack Obama und Angela Merkel.

In Samara, wo VGA aktiv ist, ist Graffiti, ebenso wie in vielen anderen russischen Städten, illegal, erklärt Aleksandr Poljakow von VGA. Damit es keine Konflikte mit der Polizei gibt, sprühen die Künstler oft im Verbogenen. „In Jekaterinburg hingegen sind die Plätze, an denen wir im Rahmen des Festivals Graffitis malen, sind mit den örtlichen Behörden vereinbart", sagt Poljakow. Deshalb würden die Werke auch nicht übermalt, sondern blieben oft jahrelang bestehen.

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland