Kunstschätze und Katzenhaar: Samtpfoten in der Eremitage

Die Museumswächter der Eremitage kommen auf Samtpfoten daher. Foto: Alamy/Legion Media

Die Museumswächter der Eremitage kommen auf Samtpfoten daher. Foto: Alamy/Legion Media

An den Feierlichkeiten zum 250. Jahrestag der Sankt Petersburger Eremitage nehmen auch zahlreichen Katzen teil, die im Keller des Museums ein Zuhause gefunden haben. Katharina die Große erhob sie einst zu tierischen Museumswächtern. Begleiten Sie die Samtpfoten auf ihrem Streifzug durch die Geschichte des Kunstpalastes.

Die Sankt Petersburger Eremitage gilt als Russlands Schatzkammer. Hinter den Gemäuern des von Zarin Katharina der Großen gebauten türkisfarbenen Palastes an den Ufern der Newa wird eine der weltweit berühmtesten Kunstsammlungen ausgestellt.

Verborgen von den normalen Besuchern der Kunstausstellung, erstreckt sich in den Kellern des barocken Prachtbaus eine riesige Unterwelt an Heizungskanälen und Lagerräumen. Hier hängen keine Werke von Rembrandt und Caravaggio an den Wänden, sondern Katzenfotos. Die Katzen sind eng mit der Geschichte der Ermitage verbunden, welche sie über die Jahrhunderte hinweg bewacht haben. Die Katzen der Eremitage haben in Person von Maria Haltunen, Assistentin der Museumsleitung, sogar eine eigene Pressesprecherin. Diese lobt die Symbiose von Tier und Mensch im Museum.

 

Über Mäuse und Meisterwerke

Katharina die Große verwandelte den Palast in eines der weltweit größten Kunsthäuser. „Schon sehr früh begriff sie, dass [Kunst] bei den Herrschern Europas ein Statussymbol war”, behauptet Geraldine Norman, Autorin des Buches „The Hermitage: Biography of a Great Museum” und Beraterin der Museumsleitung.

Im Jahr 1771 brachte Katharina die Große das erste Gemälde von Raphael von einer Reise mit nach Russland. Acht Jahre später kaufte sie eine beinahe zweihundert Kunstwerke umfassende Sammlung des britischen Premierministers Robert Walpole. Diese umfasste unter anderem Arbeiten von Rubens und Velazquez. Während ihrer gesamten Regentschaft erwarb Katharina rund 4 000 Gemälde alter Meister und eine beeindruckende Sammlung von 10 000 gravierten Edelsteinen, die laut Norman ihre „große Liebe“ waren. Mit ihren Kunstkäufen machte die Zarin Politik. Damit konkurrierte sie mit den Franzosen, den Deutschen und den Briten und konnte sie immer wieder übertreffen. Ab 1852 konnte die auch die Öffentlichkeit Katharinas Sammlung bestaunen. Russlands erstes Museum war entstanden.

Von Anfang an waren Katzen Dauergäste in der Eremitage. Schon im Jahr 1747 erließ Katharina I. den Befehl, „jagdwillige Hauskatzen“ in ihre Residenz bringen zu lassen. Daraufhin wurde eiligst eine ganze Kutsche voller Katzen der Rasse Russisch Blau aus dem fernen Kasan zum Zarensitz in Sankt Petersburg gebracht. Auch unter Katharina der Großen durften diese in der Zarenresidenz bleiben. Die Zarin führte zudem die Unterscheidung zwischen Hauskatze und Hofkatze ein. Letztere durften sich in den Ausstellungssälen der Ermitage frei bewegen. Sie wurden tierische Museumswächter.

 

Als Kunst und Katzen verschwanden

Die Katzen waren daraufhin ein fester Bestandteil des höfischen Lebens. Auch der letzte Herrscher der Romanow-Dynastie hatte ein großes Herz für Tiere, erzählt Maria Haltunen. In seiner Familie lebten mehrere Hunde und Katzen. Die Hunde wurden bei der Hinrichtung ihrer Halter ebenfalls erschossen. Die Katzen aber wurden im Palast zurückgelassen.

Die Bolschewiki verstaatlichten die Eremitage. Das war der Beginn einer traumatischen Ära für das Museum, die drei Jahrzehnte währen sollte. In den 1930er Jahren begann Stalin, Kunstwerke aus dem Museumsbestand zu veräußern. Die Mittel flossen in die sowjetische Industrialisierung. Die von dem amerikanischen Industriellen Andrew Mellon erworbenen Werke alter

Meister legten beispielsweise den Grundstein der National Gallery of Art in Washington.

Ihre dunkelsten Tage erlebte die Eremitage im Zweiten Weltkrieg. Während der 872 Tage andauernden Belagerung des damaligen Leningrads kamen rund 1,5 Millionen Menschen ums Leben. Die Kunstsammlung der Eremitage wurde in den Ural evakuiert, nur die leeren Rahmen blieben im Palast zurück. Die Stadtbevölkerung litt derweil Hunger und machte deshalb auch vor den Katzen der Eremitage nicht halt. Am Ende des Zweiten Weltkriegs waren keine Katzen mehr am Leben.

Kurz nach dem Krieg wurden neue Katzen in der Eremitage angesiedelt. Sie kamen aus Städten wie Nowgorod oder Pskow. Als sich die Situation in der UdSSR wieder stabilisierte, wuchs die Katzenpopulation des Museums wieder deutlich an – parallel zu der Anzahl der Gemälde. Nach Stalins Tod konnte man im Museum wieder Post-Impressionisten und Gemälde der Moderne bestaunen.

 

Ein Keller als Katzenparadies

Der Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 stellte die Eremitage vor eine finanzielle Katastrophe. In der Dokumentation „Hermitage Revealed” (zu Deutsch: Eremitage neu entdeckt) erinnert sich Museumsdirektor Michail Piotrowski, dass nicht einmal für die Reparatur des Daches genug Geld vorhanden gewesen sei.

Maria Haltunen arbeitet seit 1995 in der Eremitage. An einem ihrer ersten Arbeitstage ging sie einmal in den Keller des Gebäudes. Dort bot sich ihr ein schockierender Anblick: Dutzende Katzen, zumeist in miserabler Verfassung, hungrig und vernachlässigt.

Foto: ITAR-TASS

Haltunen und eine Freundin brachten von nun an regelmäßig Brei aus der Cafeteria in den Keller, um die Tiere zu füttern. Sie starteten die Kampagne „Ein Rubel für eine Katze“, um Geld für Futter und eine medizinische Versorgung zu sammeln. Schließlich bekamen sie auch die Unterstützung von Museumsdirektor Piotrowski, der ihnen einen bestimmten Bereich des Kellers für die Pflege und Haltung der Katzen zuwies. Heute stehen dort jede Menge Kratzbäume, auf den Heizungsrohren sind Futternäpfe platziert und Wolldecken liegen aus.

Das Museum ist Mitte der 1990er Jahre unter der Leitung Piotrowskis zu neuem Leben erwacht. Vor zwei Jahren eröffnete es eine innovative Abteilung für zeitgenössische Kunst, in diesem Sommer richtete das Haus zudem die Biennale Manifesta, eine Ausstellung zeitgenössischer Kunst aus. Nachdem der holländische Künstler Erik van Lieshout während der Produktion seiner Video-Installation „Basement” neun Monate mit den

Katzen im Keller des Museum verbrachte, sagte er: „Die Katzen sind die Seele des Gebäudes, sie gehören für mich zur Subkultur“.

Die Katzen durchstreifen zwar die Säle nicht wie zu Katharinas Zeiten, die geselligen unter ihnen machen jedoch manchmal Ausflüge in die Innenhöfe des Museums oder hinab an das Ufer der Newa. Heute haben sie „Pässe” und versammeln stolz eine ganze Heerschar von Freiwilligen und Tierärzten um sich herum. Ihnen zu Ehren gibt es einen jährlichen Festtag, an dem Besucher Schlange stehen für die Möglichkeit, die Katzengemächer zu besichtigen und deren Bewohner zu adoptieren.

In unseren Tagen sind sie weniger Jäger denn Kulturattachés – oder aber „verwöhnte Hauskatzen”, wie sie Direktor Haltunen scherzhaft nennt. Ihre Präsenz wirkt sich zudem abschreckend auf die Mäuse aus. Die Katzen sind aus der Eremitage nicht wegzudenken, ebenso wenig wie die Gemälde Monets oder idas Gold und die prunkvollen Säle des Winterpalastes.

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