Nebenjob Weihnachtsmann: O du Fröhliche!

Zur Bescherung kann man den Weihnachtsmann oder Väterchen Frost mieten.  Foto: Olga Schtyrkina

Zur Bescherung kann man den Weihnachtsmann oder Väterchen Frost mieten. Foto: Olga Schtyrkina

Die Vorweihnachtszeit ist eine anstrengende Zeit für Weihnachtsmann-Agenturen. Die Kinder möchten beschert werden und vor allem ein wahres Märchen erleben. In Deutschland kann man sich den Weihnachtsmann nach Hause bestellen, in Russland Väterchen Frost. Geschenke bringen beide.

Zwischen dem deutschen Weihnachtsmann und dem russischem Väterchen Frost gibt es keine prinzipiellen Unterschiede: Beide mögen alle Kinder zwischen null und 100 Jahren, strahlen Güte aus und sind großzügig und freundlich zu allen. So gibt es der Ehrenkodex des Weihnachtsmanns vor, den deutsche Berufsvertreter im Jahr 2008 vereinbart haben. Trotz vieler Gemeinsamkeiten findet man aber bei genauer Betrachtung historische und mentalitätsbedingte Besonderheiten.

Väterchen Frost hat kein goldenes Buch und erscheint ohne Engel, Christkind oder Knecht Ruprecht, sondern mit dem Schneemädchen Snegurotschka. Seit der Sowjetzeit fällt seine beschäftigungsreichste Nacht des Jahres auf die Silvesterfeier am 31. Dezember, wenn die Spieluhr auf dem Spasskaja-Turm im Kreml Mitternacht schlägt.

„Väterchen Frost präsentiert sich stärker, im blauen oder roten Kaftan und mit reichem Bart", sagt Andrej Bondarev, der Bereichsleiter des Moskauer Unternehmens Russkije Tradizii ist. Die Agentur existiert seit dem Jahr 2000 und verfügt über 70 Paare von Väterchen Frost und Snegurotschka, die studierte Schauspieler sind. Zwischen dem 20. Dezember und dem russischen Neujahr am 14. Januar führt das Büro jährlich bis zu 5 000 Aufträge aus.

 

Nebenjob oder Herzensangelegenheit?

„Jeder von unseren Väterchen Frost macht eine Schulung", erzählt Bondarev. „Wichtig ist, dass sie mit Kindern leicht in Kontakt treten können und sich auch bei unangenehmen Fragen zu erklären wissen. Beim Besuch werden im dreißigminutigen Standardprogramm die Weihnachtslieder gesungen, die Kinder im Spiel miteinbezogen und natürlich beschert." Große Agenturen bieten die Möglichkeit an, ergänzend auch Märchenhelden wie einen Schneemann oder Harry Potter mitzubestellen. Für Firmenfeiern wird manchmal zudem nach englischsprachigen oder dunkelhäutigen Väterchen Frost gefragt.

In der Vorweihnachtszeit sprießen die Weihnachtsmann-Agenturen aus der Erde. Der Standardbesuch von Väterchen Frost kostet zwischen 2 000 und 10 000 Rubel (25 bis 125 Euro). Wer sich das Geld sparen will, engagiert den Vater oder Nachbarn als Geschenkträger in der Neujahrsnacht. Wenn das scharfäugige Kind den verkleideten Bekannten enttarnt, helfen sich manche Familien mit einem „Vatertausch" gegenseitig aus.

Einige Weihnachtsmann-Agenturen in Russland rekrutieren junge Leute, die einen Nebenjob suchen. Die gleiche Strategie befolgen auch Agenturen in Deutschland. Ein solcher Nebenjob kann aber mit vollem Einsatz ausgeübt werden, berichten Angestellte von ihrer Arbeit im Weihnachtsmannbüro des Berliner Studentenwerks. Dieses existiert seit 65 Jahren und eröffnet eine attraktive Arbeitsmöglichkeit für Studierende aus allen Ländern.

 

Der Spaß steht im Vordergrund

„Wir legen großen Wert darauf, dass die Studenten, die bei uns tätig sind, aus vielen Nationen kommen. So kann auch von russischstämmigen Familien Väterchen Frost bestellt werden", erzählt der Oberweihnachtsmann Hu-Ping Chen, der im Büro seit mehr als 20 Jahren tätig ist und den klassischen barttragenden Geschenketräger sogar ohne „Uniform" verkörpert.

Bei der Agentur sind etwa 250 bis 350 Studenten registriert, die am 24. Dezember bis zu 3 500 Aufträge erfüllen. Oleksandr Veprytskiy aus Charkow studiert Volkswirtschaftslehre an der Technischen Universität Berlin und ist seit drei Jahren an Heiligabend als Weihnachtsmann unterwegs. 2012 kam er zum Weihnachtsbüro mit einem anderen russischen Freund aus Kasan und war von dem Ansatz begeistert. „Ich erlebe zehn Mal Weihnachten an einem Abend", sagt er.

Die Bestellung eines Weihnachtsmanns beim Studentenwerk ist ab 40 Euro möglich. Das Glänzen in den Augen der Kinder aber ist unbezahlbar, wenn sie den wahren Weihnachtsmann treffen, beschert werden und mit der

ganzen Familie Weihnachtslieder singen. Neu beim Studentenwerk ist auch die Möglichkeit, den Geschenkträger für den 31. Dezember oder 6. Januar einzuladen. Sicher kann dann statt eines deutschen ein russisches Weihnachtslied gesungen werden.

Oleksandr kam mit seiner Familie nach Deutschland, als er in der achten Klasse war. Er spricht nicht akzentfrei, was von Vorteil sein kann, da der Weihnachtsmann selbst Ausländer ist. Was braucht man eigentlich noch, um den Geist von Weihnachten zu verkörpern? Weihnachtsmann-Doppelgänger müssen Bräuche kennen, wenigstens ein Lied singen können und ein entsprechendes Gespür für den Umgang mit Kindern entwickeln. Hauptsächlich aber – egal ob als deutscher Weihnachtsmann oder russisches Väterchen Frost – muss man Spaß daran haben.

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