Milchkanne und Gemüsewaage: Alltag in der Sowjetunion

Foto: Bart Everson/flickr.com

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Die Mangelwirtschaft war charakteristisch für die Sowjetunion. Und doch gab es damals einiges zu kaufen, was heute fehlt. RBTH hat Menschen auf der Straße gefragt, was sie aus jener Zeit am meisten vermissen.

Frischmilch aus der Kanne

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"Am meisten vermisse ich die frische Milch, die man damals bekam", erzählt die Rentnerin Polina Maslowskaja. Um frische Milch zu kaufen, musste Maslowskaja früh aufstehen: „Man musste schon vor der Arbeit im Laden sein, am besten schon um sieben Uhr morgens. Gegen Mittag war die frische Milch meist schon ausverkauft. Die Milch wurde sehr schnell sauer, sodass meine Mutter sie meist sofort verbrauchte und Pfannkuchen zubereitete." Heute ist die Milch viel länger haltbar: „Man kann sie einen ganzen Monat lang im Kühlschrank stehen lassen und sie auch dann noch trinken, wenn das Haltbarkeitsdatum abgelaufen ist", sagt Maslowskaja. „Früher haben wir die Milch zu Hause in Glasflaschen abgefüllt, die wir zuerst sorgfältig sterilisierten und dann am Heizkörper trocknen ließen", erinnert sich die Rentnerin. Mehrere Liter Milch in Flaschen waren schwer zu tragen, weswegen Maslowskaja und ihre Familie spezielle Milchkrüge und Fässer hatten.

 

Trojnoj – ein vielseitiger Duft

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„Der russische Schriftsteller Iwan Bunin schrieb einmal, dass nichts den Menschen so gut in die Vergangenheit zurückversetzen kann wie Gerüche. Aus diesem Grund fällt mir dazu auch das Eau de Cologne Trojnoj ein", berichtet Irina Dubzowa, Fachärztin für Pädiatrie. „Mit diesem Duft assoziiere ich nämlich meine Kindheit. Damals hieß es, Trojnoj sei auch der Lieblingsduft Stalins. Mein Großvater, mein Vater, mein erster Freund, der Professor an der Universität oder der Taxifahrer, jeder trug damals Trojnoj. Es kostete nicht viel und man bekam es in einem recht großen Flakon", erinnert sich Dubzowa und erzählt, dass Trojnoj ein echter Alleskönner gewesen sei: „Meine Mutter verwendete es, um Wunden zu reinigen, und mein Vater, um die Schere zu säubern. In der Sowjetunion duftete wirklich alles nach Trojnoj", lacht sie.

 

Sammeln mit Leidenschaft

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„Was mir am meisten fehlt, ist das Sammeln", sagt der Journalist Jurij Krawtschenko. „Ich habe früher Briefmarken und Anhänger zum Thema Eishockey gesammelt. Später sammelte ich dann Feuerzeuge. Ich erinnere mich auch daran, dass ich einmal bei einem Freund eine äußerst seltene Briefmarke gesehen habe. Damals war es so unrealistisch, diese Marke zu finden. Ein Lottogewinn wäre wahrscheinlicher gewesen", erzählt er. „Heute hat es keinen Sinn mehr, etwas zu sammeln, denn man kann alles ohne Weiteres kaufen", bedauert Krawtschenko.

 

„Nu, pogodi!" – ein verheißungsvolles Videospiel

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„Als ich ein Kind war, gab es noch keine Computer oder Spielkonsolen. Heute spielt mein Sohn irgendwelche Counter- oder Craft-Spiele und meine Tochter füttert auf ihrem Smartphone Tiere auf dem Bauernhof", sagt der Ingenieur Aleksej Belewitsch. „Wir haben früher viel interessantere Dinge als heute getan. Wir richteten uns Geheimverstecke im Haus ein, spielten im Hof oder in der Garage meines Vaters." Aber auch Belewitsch erinnert sich an ein ganz besonderes Videospiel, das es schon zu seiner Zeit gab: „‚Nu, pogodi!' war den Nintendo-Spielen sehr ähnlich. Es hieß, wenn man dabei 1 000 Punkte gesammelt hat, würde ein Zeichentrickfilm gezeigt werden. Ich habe mir die Finger wund gespielt und auch tatsächlich 1 000 Punkte gesammelt. Aber es gab keinen Film", erinnert er sich und fügt hinzu: „Ich war damals wirklich traurig."

 

Mit der eigenen Waage in die Gemüseabteilung

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"Wir sind immer mit einer analogen Haushaltswaage zum Markt einkaufen gegangen. Das war sehr praktisch, da man sich so immer sicher sein konnte, dass man beim Abwiegen nicht vom Verkäufer betrogen wurde", erzählt die Rentnerin Larisa Egorowa. „Heute verwendet niemand mehr diese tragbaren Waagen. Ich kann mir vorstellen, wie die Menschen staunen würden, wenn ich so eine Waage in der Warteschlange auspacken und anfangen würde, jede einzelne Packung mit Gemüse abzuwiegen", sagt Egorowa amüsiert.

 

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