„Apparatschik“: Pioniere der Russendisko

Olaf Opitz. Bild: Pressebild

Olaf Opitz. Bild: Pressebild

„Apparatschik“ – das ist „Taiga Tunes & Soviet Grooves“. So beschreibt sich die Berliner Kultband um Gründer Olaf Opitz selbst. Seit 25 Jahren begeistern die vier Musiker ihr Publikum mit russischer Musik, der sie einen modernen Sound verpassen.

Um bei einem Konzert der legendären Berliner Band „Apparatschik“ dabei zu sein, ist den Fans kein Weg zu weit und kein Umstand zu widrig. Sie fahren hunderte von Kilometern und auch noch so schlechtes Wetter kann sie nicht abhalten. Kein Wunder: „Apparatschik“ sind legendär. Die Musiker um Bandgründer und Sänger Olaf Opitz sind zudem Pioniere: Lange bevor der Begriff Russendisko in der Szene populär wurde und lange bevor aus den Lautsprechern in den Clubs Balkan-Beats hämmerten, haben sie „Taiga Tunes & Soviet Grooves“ erfunden. So nennen sie ihre moderne Interpretation russischer Musik auf ihrer Homepage.

In diesem Jahr wird „Apparatschik“ 25 Jahre alt. Gegründet wurde die Band also im Jahr der deutschen Wiedervereinigung. Das ist ein guter Anlass zu feiern, findet Olaf Opitz. Wenn er über „Apparatschik“ spricht, steht Stolz ins Gesicht des hochgewachsenen Mannes mit den dunklen Haaren geschrieben. Nur ein paar graue Haare deuten darauf hin, dass Opitz in diesem Jahr noch ein weiteres Jubiläum begeht: Er wird 50 Jahre alt. Er wirkt sympathisch mit seinem offenen Blick und dem herzlichen Lachen. Das macht ihn ebenso besonders, wie seine warme und dennoch energiegeladene Stimme. Er sprüht vor Lebensfreude und das sieht man auch auf der Bühne. „Apparatschik“ ist sein Lebenswerk, bei jedem Auftritt kann man das spüren.

Seine Geschichte und die der Band sind unzertrennlich. Eine „Ost-West-Geschichte“ nennt Opitz es schmunzelnd. Gegründet wurde die Band in Berlin-Kreuzberg. Alles begann jedoch in Opitz‘ Heimatstadt Dresden. Opitz war ein Punk und systemkritisch. „Die Russen waren für uns damals die Besatzer, ich mochte sie und ihre Politik nicht.“ Dennoch begeisterte er sich für russische Sprache und Kultur.

Mit drei russischen Schallplatten im Gepäck in den Westen

Info:

 Die Band Apparatschik wurde 1989 von Olaf Oppitz in Berlin-Kreuzberg gegründet.

Die Band besteht heute aus:

Olaf Oppitz – Gesang, Balalika

Paul Milmeister - Kontrabass-Balaika, Back Vocals

Mischa Saposchnikow – Akkordeon, Back Vocals

Alf Schulze – Schlagzeug

Annonce:

Am 7. März 2015 spielt Apparatschik ihr Record-Release und Jubiläumskonzert in Berlin, im Ballhaus an der Chausseestrasse 102. Gemeinsam präsentieren sie mit der dort außerdem einen Teil der Zukunftspläne mit der ebenfalls legendären Berliner Bläserkapelle „Schnaftel-Ufftschik“!

Opitz hat keine Probleme, Russisch zu verstehen. Er singt die Texte in einwandfreiem Russisch, während er die Sprache tatsächlich nur ein wenig sprechen kann. „In meiner Jugend habe ich immer schon gerne „Podmoskovnye vechera“ (zu Deutsch: „Moskauer Nächte“)gespielt, den Text dazu aber noch auf Deutsch gesungen“, erinnert er sich. Russische Musik hat ihn schon immer gepackt: „Ich war fasziniert von ihrer Tiefe und Melancholie. Das hat mich auch mit der damaligen Realität versöhnt.“ Damals schon hatte Opitz eine Band, die er überreden konnte, am Ende ihrer Auftritte immer eine viertel Stunde „Russenmusik“ zu spielen, wie sie es nannten. Musiker und Publikum waren begeistert.

Opitz reichte das nicht. Er wollte raus aus dem Sozialismus und in den Westen, in die Freiheit. Dort lebte eine Cousine von ihm, die er heiratete, um ausreisen zu dürfen. Zwei Jahre sollte es dauern, bis sein Antrag genehmigt wurde. „Jeden Tag habe ich bei der Abteilung ‚Inneres‘ vorgesprochen. Ich trug Lederjacke und Irokesenschnitt, aber auch einen Pionierstern. Das hat die Beamten sichtlich verwirrt“, lacht er.

Am Tag seiner Ausreise war Opitz 20 Jahre alt. Er nahm einen kleinen Koffer und drei Schallplatten mit nach Westberlin: „Pjatnizkij Chor“, „Kuban Kosaken Chor“ und „Tabur uhodit w nebo“ (zu Deutsch: „Der Zigeunerwagen zieht in den Himmel“). Im Westen war nicht alles so perfekt, wie er gedacht hatte: „Es ging zwar nicht um Ideologie, dafür drehte sich immer alles um Geld“, sagt Opitz. Und im Radio lief nur Phil Collins. Opitz hörte nächtelang seine russischen Schallplatten und gründete schließlich seine eigene Band „Apparatschik“, um den Menschen russische, ukrainische und Zigeunerlieder vorzustellen.

„Ich habe mir vor unserem ersten Konzert im Versandhandel eine Balalaika bestellt“, erzählt er. Erst zwei  Wochen vorher wurde sie geliefert und Opitz hielt dieses Instrument das erste Mal in den Händen. „Das Konzert lief trotzdem sehr gut“, sagt er erleichtert. Heute ist er ein Virtuose an der Balalaika. Auch alle weiteren Konzerte von „Apparatschik“ wurden ein Erfolg, daran hat sich bis heute nichts geändert. „Apparatschik“ ist in Deutschland und der Schweiz ein Begriff. In der Ukraine hatte die Band ebenfalls schon einen Auftritt, in Russland noch nicht. Opitz hofft, dass sich das bald ändern wird. Er möchte sehr gerne nach Russland reisen.

Wie kommt aber nun ein systemkritischer Mensch dazu, seine Band ausgerechnet „Apparatschik“ (zu Deutsch: „Funktionär“) zu nennen, ein im Westen sehr negativ besetztes Synonym für einen opportunistischen Bürokraten. Opitz erklärt: „In der Gorbatschow-Ära gab es keine Nachrichtensendung, in der nicht Russland Thema war. Und Apparatschik war dabei eines der am meisten verwendeten Worte.“ Der Bandname sei mehr augenzwinkernd gemeint: „Ein Apparatschik ist ein Rädchen im Getriebe. Und wir sind eben ein Rädchen im musikalischen Getriebe“, sagt Opitz.  Ohne dieses Rädchen würde der Musik etwas fehlen.

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