Zaren auf der Schulbank

Foto: RIA Novosti

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Im 19. Jahrhundert erwartete man von russischen Zaren eine gute Bildung. Dementsprechend wurde viel Wert auf eine hervorragende Ausbildung am Hof gelegt. Unterrichtet wurden die anstrebenden Herrscher dabei hauptsächlich von hohen Beamten und Vertretern des Militärs.

Die Napoleonischen Kriege, der Aufstand auf dem Senatsplatz, der Krimkrieg, die Abschaffung der Leibeigenschaft, die Erschließung Sibiriens und des Fernen Ostens – das sind nur einige der Herausforderungen und Ereignisse des 19. Jahrhunderts, die von den Monarchen der Zeit eine kompetente und professionelle Reaktion erforderten. Wie so eine Reaktion ausfiel, hing nicht zuletzt von der Bildung ab.

Mit einer „Professionalisierung" der Monarchie begann bereits Katharina die Große, die fast die gesamte zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts hindurch herrschte und die Grundlagen für die Bildung der Thronfolger und großen Fürsten des folgenden 19. Jahrhunderts schuf.

Seit der Regierungszeit Katharinas der Großen glich die Schulung der Thronfolger einer gymnasialen und universitären Ausbildung, die aber weniger grundlegende Disziplinen als vielmehr besondere Kurse umfasste. Dabei standen vor allem die Bereiche Finanzen, Staatswesen, Recht und Kriegswesen im Vordergrund. Die Ausbildung umfasste alles, was von einem „professionellen" Monarchen erfordert wurde.

Für die Erzieher und Lehrer wurden keine Kosten gescheut. Sie waren jedoch nicht an strikte Vorgaben gebunden, sondern konnten ihre Arbeit so ausführen, wie sie es für notwendig hielten. So stellte zum Beispiel Katharina die Große den Schweizer General Frédéric-César de la Harpe ein, ein Mensch, der den Idealen der Französischen Revolution verbunden war und dem zukünftigen Zaren Alexander I. die Ansichten Jean-Jaques Rousseaus vermittelte. Ihm sagte die Zarin: „Seien Sie ein Jakobiner, ein Republikaner, ganz wie Sie wollen. Bleiben Sie bei meinen Enkeln, genießen Sie mein volles Vertrauen und kümmern Sie sich mit dem Ihnen charakteristischen Eifer um sie."

 

Wer lehrte die jungen Fürsten?

Im 19. Jahrhundert setzte sich die Gruppe der Lehrer zu etwa gleichen Teilen aus den höchsten Offiziers- und Beamtenrängen zusammen. Der Vorsitzende der pharmazeutischen Gesellschaft in Sankt Petersburg, der Apotheker Alexander Kemmerer, lehrte Alexander II. Physik und Chemie. Er leitete seit 1825 die Glawnaja gornaja apteka (zu Deutsch: „Bergapotheke"). Nikolaj Beketow, einer der Begründer der physikalischen Chemie, unterrichtete Nikolaus II. in eben diesem Fach. Wolfgang Ludwig Krafft,

Mitglied der Petersburger Akademie der Wissenschaften, lehrte den Sohn und die Töchter Nikolaus II. im Fach Mathematik. Einer der ersten russischen Trainer der Fechtkunst, Iwan Siwerbrik, der in Russland eine Fechtschule einrichtete, gab Alexander II. und Nikolaus I. Unterricht. Gemeinsam mit seinem Sohn schrieb Siwerbrik ein Buch über die Ausbildung im Fechten mit Degen und Pallaschen.

Einige Lehrer unterrichteten gleich mehrere Herrschergenerationen. So war beispielsweise Konstantin Pobedonozew, Zensor und über mehrere Jahrzehnte einer der einflussreichsten Persönlichkeiten des Russischen Reiches, der Lehrmeister von Alexander III. sowie Bruder Wladimir und Sohn Nikolaus II.

 

Schwerpunkt: Krieg führen

Ein verpflichtendes Fach für alle Herrscher war das Kriegswesen, das jedem zukünftigen Monarchen auf individuelle Weise gelehrt wurde.

Der Unterricht Nikolaus I. wurde zum Beispiel auf spezielle Kurse in der Ingenieurskunst, dem Ingenieurwesen und der Kartografie begrenzt. Um den Unterricht effizienter zu gestalten, nutzte der Ingenieur-General Karl Oppermann bei seiner Arbeit mit Nikolaus die Projektarbeit: Der General gab

dem Fürsten ein Thema zur selbstständigen Erarbeitung und besprach es anschließend mit ihm. Heute gilt sie als eine der effektivsten Bildungsformen.

Alexander I. wiederum wurde ausschließlich in der Errichtung militärischer Festungen, der Artillerie und der Kriegsstrategie unterrichtet. Letztere lehrte Antoine-Henri Jomini, General in französischen Diensten unter Napoleon und in russischen Diensten unter Alexander I. Er war nicht nur der Stabschef der Armee von Marschall Michel Ney, sondern auch der Gründer der Russischen Akademie des Generalstabs, französisch- und russischsprachiger Schriftsteller sowie Militärgouverneur von Smolensk im Jahr 1812.

Der Unterricht der großen Fürsten des 19. Jahrhunderts war im Vergleich zu der gewöhnlichen Hochschulbildung durch ein hohes pädagogisches Niveau der Lehrer geprägt und erwies sich vor allem aufgrund von speziellen Kursen und Projektarbeiten als vielfältiger und moderner. Die Ausbildung der Zaren war den Traditionen der staatlichen Hochschulbildung nicht nur voraus, sondern ebnete ihnen in vielen Fällen den Weg.

Olga Dudnikowa ist promovierte Pädagogin, Dozentin an der Smolensker Staatlichen Universität und Expertin für Bildungsgeschichte.