Detskij mir: Europas größtes Kinderkaufhaus wiedereröffnet

Das legendäre Moskauer Kinderkaufhaus Detskij mir erwacht zu neuem Leben. Foto: Sergej Fadeitschew/TASS

Das legendäre Moskauer Kinderkaufhaus Detskij mir erwacht zu neuem Leben. Foto: Sergej Fadeitschew/TASS

Nach jahrelangen Renovierungsarbeiten öffnete das Moskauer Kinderkaufhaus Detskij mir am Lubjanka-Platz wieder seine Pforten. Kritik hagelt es wegen der radikalen Umgestaltung des Innenbereichs. Die kleinen Kunden dürfte das nicht stören – auf über 70 000 Quadratmetern finden sie alles, was Kinderaugen leuchten lässt.

Das Kinderkaufhaus Detskij mir („Kinderwelt") am Moskauer Lubjanka-Platz wurde im Sommer 1957 kurz vor den Weltjugendfestspielen eröffnet. Als Symbol der glorreichen sowjetischen Nachkriegszeit war das größte Kinderkaufhaus in Europa Teil des Stalinschen Generalplans zur Rekonstruktion Moskaus. Fertiggestellt wurde es jedoch erst nach Stalins Tod.

Mit dem Projekt wurde der Architekt Alexej Duschkin, der auch eines der berühmten Stalin-Hochhäuser neben dem Roten Tor (Krasnyje worota) entworfen hat, beauftragt. Mit den Bauarbeiten wurde 1954 an der Stelle der Lubjanka-Passage aus dem 19. Jahrhundert begonnen. Die Passage wurde dafür nicht vollständig abgerissen, das Fundament und die Gewölberäume im Unterbau blieben erhalten. Darauf wurde das riesengroße doppelgeschossige Atrium errichtet, das an die prunkvollen Hallen der Moskauer Metro erinnerte. Kein Zufall, war doch Duschkin ebenfalls Architekt der prächtigen U-Bahn-Stationen Majakowskaja, Komsomolskaja, Nowoslobodskaja und Revolutionsplatz. Davon profitierte der Neubau des Kinderkaufhauses. Dort wurden die ersten Rolltreppen in der UdSSR, die für öffentliche Gebäude bestimmt waren, installiert.

Foto: Alexander Neweschin/RIA Novosti

Nachdem Nikita Chruschtschow 1955 die Verordnung „Über die Beseitigung der Übermäßigkeit im Planen und Bauen" erlassen hatte, wurde auf die ursprünglich im Entwurf vorgesehene üppige Fassadengestaltung verzichtet. So wurden die Fassaden weder mit Mosaiken von Pawel Korin noch mit anderen zunächst geplanten dekorativen Elementen verziert. Immerhin durften große Buntglasfenster eingebaut werden, die sich über drei Stockwerke erstreckten. Sie sind auch nach der Renovierung erhalten geblieben. Verloren gegangen ist dagegen ein Fries mit Tieren unterhalb der Kuppel im Atrium.

Foto: N.Rachmanow/RIA Novosti

Die Fassaden wurden mit hohlen Keramikblöcken und mit poliertem Granit verkleidet. Das Tragwerk für das Gebäude war vollständig aus Metall gefertigt, wie damals in den weltweit fortschrittlichsten Bauwerken üblich. Jedes Traggerüst ruhte neben dem gemeinsamen, als Plattform ausgelegten Fundament auf einem eigenen separaten Sockel. Wegen des Reliefgefälles wurde eine zusätzliche Befestigung benötigt. Allerdings war auch das nicht ausreichend genug. Der Zeitdruck beim Bau und der Einsatz von nicht immer hochwertigen Baustoffen machten sich bemerkbar: Anfang der 2000er-Jahre galt das Kaufhaus als baufällig; in einer Mauer wurde ein großer Riss festgestellt, der durch mehrere Traggerüste verlief.

 

Am neuen Entwurf scheiden sich die Geister

2008 wurde das Kinderkaufhaus für umfangreiche Renovierungsarbeiten geschlossen. Im ursprünglichen Entwurf war der Bau von drei Tiefgeschossen vorgesehen, aber nach einem erneuten Investorenwechsel wurde diese Idee verworfen. Architekt Pawel Andrejew, der die Renovierungsarbeiten leitete, entschloss sich, das Atrium nach dem Entwurf von Duschkin nachzubilden: Er wollte dessen Form bewahren, es jedoch bis auf sechs Etagen aufstocken. Dafür wurde er von Denkmalschützern und Architekten heftig kritisiert. Die berühmte Bogenfassade des Gebäudes wurde auch in der Innengestaltung nachvollzogen.

Foto: Sergej Michejew/Rossijskaja Gaseta

In der Raummitte ist die weltweit größte Pendeluhr installiert, die bei Raketa, der ältesten russischen Uhrfabrik, gefertigt worden ist. Mindestens einhundert Jahre soll das Uhrwerk laufen, das zumindest versprachen die Uhrmachermeister. An der Stelle, an der früher das Karussell, ein weiteres Symbol des Kinderkaufhauses, stand, befindet sich heute eine Bühne für Veranstaltungen. Ein Großteil der Inneneinrichtung, unter anderem die berühmten Bronzeleuchter, die Mehrzahl der Treppengeländerpfosten und Gitter sind verloren gegangen. Es konnten lediglich acht Leuchter, die restauriert und im zentralen Atrium aufgestellt worden sind, sowie etwa hundert der Geländerpfosten bewahrt werden. Die Glaskuppel über dem Innenhof mit Restaurant – das eindrucksvollste Detail der Inneneinrichtung – zieren Moskauer Motive, die Werken des Malers Aristarch Lentulow entlehnt sind. Die Kuppel des Hauptatriums besteht aus Buntglasfenstern, die Buchillustrationen von Iwan Bilibin nachbilden.

Foto: Sergej Michejew/Rossijskaja Gaseta

„Die Tragwerke wurden vollständig erneuert. Vom Duschkin-Entwurf sind lediglich die Konturen der Außenmauern geblieben", weiß der Heimatkundler

und Koordinator der Bewegung „Archnadsor", Rustam Rachmatullin. Er kann sich mit dem neuen Kinderkaufhaus nicht anfreunden: „Früher war das Atrium wesentlich niedriger. Selbst die Balustrade ist nur sehr vage nachgebildet worden, von anderen Details ganz zu schweigen." Ihn stört es sehr, dass von Duschkins ursprünglichem Entwurf nicht mehr viel zu sehen ist. „Die Höhe des Bauwerks wurde verändert, weil ihm eine Glaskuppel aufgesetzt worden ist. Das ist nicht Pawel Andrejews Schuld. Er stieg erst in dieses Projekt ein, als bereits alles abgetragen war. Er hat praktisch einen neuen Entwurf aus dem Nichts geschaffen." Für die Baumeister findet Rachmatullin sehr kritische Worte: „Diejenigen, die das Atrium mit ihren Baumaschinen vernichtet haben, sind Vandalen."

 

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