Russische Kulturszene: Wachsender Druck durch Politik und Religion

"Zensur": Moderne Kulturschaffende werden in Russland oft angegriffen.  Foto: TASS

"Zensur": Moderne Kulturschaffende werden in Russland oft angegriffen. Foto: TASS

In Russland häufen sich Proteste gegen avantgardistische Kunst und Kulturveranstaltungen. Verbote werden verhängt, eine Ausstellung prangert gar moderne Kunst an. Russlands Kulturschaffende sorgen sich um die Freiheit der Kunst. Sie fürchten zunehmende Zensur.

In der UdSSR war klar definiert, was Kunst ist und was die Grenzen des Zulässigen überschritt. Aufführungen sowjetischer Stücke und russischer Klassik waren begrüßenswert und als einzig richtiges galt das System von Konstantin Stanislawski. Die Schaubühnen Andersdenkender wurden geschlossen, einige Regisseure – man denke an Wsewolod Meyerhold – einfach erschossen. Auch während des Tauwetters in der Chruschtschow-Ära wurden Aufführungen des weltberühmten Theaters an der Taganka verboten. Der Regisseur Juri Ljubimow wurde als antisowjetisch gebrandmarkt und ausgebürgert.

Während der Perestroika wehte der Geist der Freiheit in Russland: ausländische Theater gaben Gastspiele, Regisseure interpretierten westliche Literatur und zeitgenössische Dramaturgie, die szenische Sprache wurde modernisiert. Aktuell streben herrschende konservative Kräfte in der Gegenwartspolitik, so scheint es, nach einer Rückkehr zur Stagnationsepoche. Staatliche Kulturstellen werden ideologisch auf Linie gebracht. Und auch wenn Zensur laut Verfassung nicht stattfindet, sieht die Praxis anders aus.

Ein prominentes Beispiel für politischen Druck ist die Verfolgung der unabhängigen Moskauer Schaubühne Teatr.doc. Ihre Inszenierungen waren durchaus polarisierend: der Fall des im Gefängnis verstorbenen Sergej Magnizkij oder das satirische Pamphlet „BerlusPutin" von Dario Fo. Ende vergangenen Jahres musste das Theater aus seinem winzigen Kellerloch ausziehen. Auch die Appelle der Fangemeinde, unter den Anhängern der britische Dramaturg Tom Stoppard, brachten keine Abhilfe. Das Theater gab nicht auf: Es fand eine neue Bleibe und führte das Dokumentarstück „Bolotnaja-Prozess" über die verurteilten Protestdemonstranten in Moskau im Jahr 2012 auf. Die Premiere zog die Aufmerksamkeit der Polizei auf sich, die überraschend Überprüfungen durchführte.

Spielszene aus dem Theaterstück „Otmoroski" (zu Deutsch „Die Mistkerle"). Foto: Pressebild

Nicht minder interessant für die Polizei ist das Gogol-Zentrum unter der Leitung des europaweit berühmten Kirill Serebrennikow. Das Schauspiel „Otmoroski" (zu Deutsch „Die Mistkerle") nach einer Erzählung von Sachar Prilepin über revolutionäre Jugendgruppierungen prüften die Sicherheitsorgane auf Elemente des Extremismus. Etwas später verboten die Sicherheitsbehörden, den britischen Dokumentarfilm über „Pussy Riot" in den Theaterräumlichkeiten vorzuführen.

 

Vorsicht, Religion!

In der atheistischen UdSSR waren Bücher, Filme und Theateraufführungen zu religiösen Themen ein Tabu. Andrei Tarkowskijs Film „Andrej Rublew" blieb mehr als 20 Jahre im Regal. Im gegenwärtigen Russland hat sich die Situation um 180 Grad gedreht: Wegen „Beleidigung religiöser Gefühle" kann einem Künstler gar eine Freiheitsstrafe drohen.

Der neueste Skandal sind die Ereignisse um die Tannhäuser-Aufführung im Nowosibirsker Operntheater. Der Regisseur, Timofej Kuljabin, transferierte die Handlung der Wagner-Oper in unsere Zeit und interpretierte den Ritter Tannhäuser als einen Kinoregisseur, der einen Film über Jesus in der Grotte der Venus drehte. Der orthodoxe Metropolit Tichon verklagte die Urheber des Stücks wegen der „unsachgemäßen Verwendung religiöser Symbole". Das Gericht sprach die Angeklagten frei. Dennoch beschloss das Kultusministerium, den Theaterdirektor Boris Mesdritsch, ungeachtet der Einwände renommierter Vertreter aus Kunst und Kultur, zu entlassen. Der Leviathan-Regisseur Andrej Swjaginzew erklärte damals: „Der Status Russlands als eines säkularisierten Staates ist durch seine Verfassung festgelegt. Bei uns ist die Kirche vom Staat getrennt und kann sich nicht in Angelegenheiten einmischen, die mit ihrer unmittelbaren Verantwortung gegenüber dem Menschen nichts zu tun haben."

Der Skandal um den Tannhäuser war nur der Auftakt zu einer Welle religiöser Proteste. In Ischewsk zürnte ein Geistlicher über die groteske Gestalt eines Popen in der Inszenierung des Schneesturms von Puschkin und beschwerte sich bei der Stadtverwaltung. In Moskau attackierten orthodoxe Aktivisten Konstantin Bogomolows Aufführung „Der ideale Ehemann" im Tschechow-Theater: An die Türen des Theaters wurde ein Schweinekopf geworfen.

 

Öffentlicher und finanzieller Druck auf Andersdenkende

Vor Kurzem wurde in Moskau eine eintägige Ausstellung unter dem Titel „Szenen aus der Tiefe" veranstaltet, die provozierende Bilder aus den Theateraufführungen zeigte. Ziel war es, das moderne Theater zu diskreditieren. Das Augenmerk der Besucher sollte insbesondere auf die Höhe der Budgets, die diesen Inszenierungen zur Verfügung standen, gelenkt werden.

Regisseur Kirill Serebrennikow: "Von ihrer Sprache her ähnelt die Aktion „Szenen aus der Tiefe" der Ausstellung „Entartete Kunst" im Nazi-Deutschland". Foto: Pressebild

Das weckte bei manchem ungute Erinnerungen: „Dies ist als eine Rote-Garde-Aktion zu werten. Von ihrer Sprache her ähnelt sie (die Ausstellung „Szenen aus der Tiefe", Anm. d. Red.) der Ausstellung „Entartete Kunst" im nationalsozialistischen Deutschland. Sie weist die gleiche Semantik auf – die Diffamierung von angeblich Krankem. Die systematische Diskreditierung verläuft wie im faschistischen Deutschland", kommentierte der russische Regisseur Kirill Serebrennikow. „Zuerst ein vernichtender Artikel in der Presse, danach öffentliche Agitation – Plakate und Aufschriften „jüdische Propaganda" an Theatern und Universitäten – dann die Ausstellung „Entartete Kunst" und danach Lagerhaft und Erschießung. Das passiert auch bei uns: ein Artikel, ein TV-Bericht, eine Ausstellung. Sie begreifen einfach nicht, dass sie sich selbst bloßstellen. Sie gehen nach dem gleichem Muster vor, wie diejenigen, die sie in Nürnberg verurteilten."

Der Gedanke, dass der Staat, der den Kulturbetrieb finanziert, das Recht habe, „zu bestimmen, was gespielt wird", ist unter Staatsdienern heute weit verbreitet. Vom Theater wird wieder verlangt, dass es mit der Ideologie korrespondiert. Ausgespielt wird dabei die Karte der Finanzierung. Experimente? Kein Problem, das verbietet ja niemand. Aber bitte nur auf eigene Kosten. Wie die Kunst an die aktuelle Lage anpassen wird, bleibt eine offene Frage.

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