Drei Tage Volksfeststimmung in Berlin

„Smyslovye Gallyutsinatsii“ aus Ekaterinburg begeisterten das Publikum am Samstagabend.  Foto: DRF e.V./ Johannes Koschorreck

„Smyslovye Gallyutsinatsii“ aus Ekaterinburg begeisterten das Publikum am Samstagabend. Foto: DRF e.V./ Johannes Koschorreck

Drei Tage lang feierten Berlinerinnen und Berliner, Deutsche und Russen gemeinsam im Stadtteil Berlin-Karlshorst die neunten Deutsch-Russischen Festtage. Drei Tage Volksfest – der politischen Eiszeit zum Trotze.

"Hauptsache weg von der Großstadt-Hitze", dachten wohl viele Berliner, als sie ihre S-Bahn nach Karlshorst nahmen, wo vom 12. bis 14. Juni wieder die Deutsch-Russischen Festtage stattfanden. Nach kurzer Zeit auf dem Gelände des digibet Pferdesportparks mussten sie wohl feststellen: Das Fest hat mehr zu bieten, als eine geräumige Grünfläche mit einem Bierzelt. Auch in diesem Jahr haben sich Vereine, Kleinunternehmer, Restaurant-Betreiber, Bürgerinitiativen, Sportler und Künstler - alle, die irgendeinen Bezug zu Russland haben - versammelt um gemeinsam zu feiern. Und - wenn es klappt - auch neue Kontakte zu knüpfen. 

Der Besuch dieses Festes ist für manche ein Zeichen der Solidarität mit Russland, ein politisches Statement. Zum Beispiel für eine Berlinerin mit einem Putin-Tattoo auf dem Oberarm, die in einem Babuschka-T-Shirt stolz von Stand zu Stand flaniert. Für viele Gäste  ist es ein Stadtteilfest mit einer mitreißenden Feuerwerkshow zum Abschluss des ersten Tages. Für die Berliner "Russen" aus allen Teilen der ehemaligen Sowjetunion ist es "ihr Fest", wo man unterhalten wird und Schaschlik essen kann. Für den einen oder anderen  aus den Ostberliner Stadtbezirken ist es eine nostalgische Veranstaltung, die an die Zeiten der  großen "Druschba-Feste" zu DDR-Zeiten erinnert.

Peter, den ich in einem Bierzelt anspreche - ein großer tätowierter Mann - ist wohl dieser Kategorie zuzuordnen. Von der Politik hält er nicht viel, sympathisiert irgendwie mit Russland - wohl aus dem Wunsch heraus gegen den Strom zu schwimmen - und ist gekommen, weil er "Rockhaus" cool findet. Und tatsächlich haben die Organisatoren am ersten Abend des Festes eine Reihe bekannter deutscher Bands eingeladen. Es ging los mit den "Flashback Monkeys", gefolgt von Ausschnitten aus der Kult-Show "Stars in Concert",  "Rustalgia" und zum krönenden Abschluss sang "Rockhaus".

 

Moskau glaubt den Tränen nicht

Rockpoet Tino Eisbrenner unterlegt populäre russische Lieder mit deutschen Texten. Foto: RBTH/ Dmitry Vachedin

"Moskau glaubte nie den Tränen, es sei denn, denen vor Glück", singt Tino Eisbrenner auf Deutsch das Lied aus dem Oscar-prämierten sowjetischen Film der 1980er Jahre "Moskau glaubt den Tränen nicht". Das Kult-Lied kennen alle, die zu jener Zeit in Russland lebten,  noch immer auswendig. Um das deutsche Publikum mit diesem Song - und mit vielen anderen russischen Hits - bekannt zu machen wurde von dem Rock-Musiker Pavel Gaida das Projekt "Rustalgia" ins Leben gerufen. Fürs Singen ist heute Tino Eisbrenner zuständig, der schon 1986 mit dem Lied "Ich beobachte dich" in der DDR zum Star wurde und seitdem in zahlreichen Musik- und Theater-Projekten aktiv ist. "Glaubt ihr, dass die Russen wirklich Krieg wollen, wie uns hier und da ganz gerne eingeredet wird?", fragt Tino bevor er die "Rustalgia"-Show mit einer brillanten Interpretation des Songs "Russians" von Sting abschließt.

Nach der Show begegne ich den Studentinnen Inna, Oksana und Swetlana. Für die drei ist das Konzertprogramm auf der Hauptbühne Grund genug, Karlshorst zu besuchen. Am späten Abend entsteht hier eine Art Familientreffen-Volksfest-Disko-Atmosphäre: Gefeiert wird überall. Bei einem Glas Krim-Sekt sprechen die drei jungen Frauen über ihre Tageseindrücke. Das Feuerwerk, das Konzert und Schaschlik haben ihnen einen erlebnisreichen Tag beschert, meint Swetlana. "Das Wichtigste aber ist, dass wir drei endlich Zeit gefunden haben etwas gemeinsam zu unternehmen", so Oksana. Prost!

 

Drachenreiter als Reiseführer

Junge Karate-Sportler bewiesen ihre Kampfqualitäten. Foto: DRF e.V./ Torsten Woitera

Nicht so hochkarätig wie auf der Hauptbühne, doch nicht weniger spannend ging es in diesen Tagen auf der kleineren "Gorodok"-Bühne zu. Mehr als 100 Artistinnen und Artisten im Alter von fünf bis 80 präsentierten hier ihre Talente in einem beispiellosen Non-Stopp-Programm. Egal wie unerfahren die Künstler waren, mit der Unterstützung des Publikums konnten sie rechnen.

Wer es ein bisschen ruhiger mag, ging zu den Literaturlesungen. Da stellte zum Beispiel die Autorin Carola Jürchott ihre ungewöhnliche Fantasy-Geschichte "Mit einem Drachentöter durch Moskau" vor. Der Drachentöter zeigt dem kleinen Konstantin Moskau und gibt ihm wertvolle Tipps: Wenn man in der Moskauer U-Bahn die Rolltreppe benutzt, soll man rechts stehen, denn links wird gelaufen. Schon bald, so die Autorin, kommt der zweite Teil: "Bärengrüße aus Berlin". Der Bär höchstpersönlich führt den kleinen Konstantin durch die Berliner Straßen.

Nicht weit von der Literaturbühne ist der Informationsstand der Polizei, an dem mir die freundliche Frau Köhler erzählt, warum sie hier steht: "Die Polizei braucht neue Mitarbeiter mit Migrationshintergrund", sagt sie, "und hier kann man sie vielleicht auch finden". Ein paar zukünftige Polizisten sind sicherlich im Sportareal des Festes zu treffen, wo sich die Karatekämpfer und Boxer nur so tummeln. Zur Freude des Publikums werden hier zahlreiche Kämpfe veranstaltet. Dazu gehört auch ein Fußballturnier unter dem Motto „Ein Ball verbindet“. Hauptsponsor Gazprom hat seinen Energy Cube aufgebaut, der große und kleine Sportler zum Austesten der eigenen Kräfte einlädt. 

Ein Ausrufezeichen im umfangreichen Show-Programm des Samstags setzten schließlich die russischen Stars von "Smyslovye Gallyutsinatsii". In ihren Liedern balanciert die Band zwischen Gitarrenklängen und elektronischen Elementen. Schon zweimal erhielt sie den russischen Musikpreis „Goldenes Grammophon“. Nach drei erlebnisreichen Tagen klingen die neunten  Deutsch-Russischen Festtage am Sonntagabend aus.