Russische Schuluniformen im Wandel der Zeit

Kinder posieren in Schuluniformen im Kinderkaufhaus Detskij Mir in Moskau.

Kinder posieren in Schuluniformen im Kinderkaufhaus Detskij Mir in Moskau.

Sergej Bobylew / TASS
Kurz vor Beginn des Schuljahres unterhielt sich RBTH mit der Modehistorikerin Natalja Koslowa über die Veränderungen der russischen Schuluniformen in den vergangenen 200 Jahren. Meist sollten sie nicht nur für einen identischen Kleidungsstil sorgen, sondern spiegelten die Interessen der jeweiligen Machthaber wider.

Die allererste russische Schule wurde kurz nach der Christianisierung der Kiewer Rus im Jahr 988 eröffnet. Fürst Wladimir ließ in einem russischen Kloster eine Kinderschule errichten. Großflächig durchsetzen konnten sich diese Schulen jedoch erst im 14. Jahrhundert. Schuluniformen im eigentlichen Sinne gab es zu der Zeit noch nicht. Diese wurden in Russland erst im 19. Jahrhundert auf Initiative Zar Alexanders I. eingeführt. Seiner Persönlichkeit entsprechend waren seine Bemühungen vornehmlich auf die innere Entwicklung Russlands ausgerichtet. Insbesondere war Alexander eifrig bestrebt, die geistige Bildung im Reich zu fördern. Er wollte in Russland einen professionellen Beamtenstand schaffen. Diese Ausbildung sollte bereits in den Schulen beginnen.

Am 19. Oktober 1811 wurde das berühmte Gymnasium in Zarskoje Selo nahe Sankt Petersburg eröffnet. Die Uniform der ersten Gymnasialschüler, Jungen im Alter zwischen zehn und 14 Jahren, ähnelte einem Waffenrock: blauer Wams mit rotem silberbesticktem Kragen, dazu weiße Beinlinge und hohe Stiefel. Die gleiche Uniform, in roter Ausführung, trugen die Zarensprösslinge. Im Laufe der nächsten 20 Jahre blieb die Uniform unverändert. 1834 ließ der neue Zar Nikolaus I. alle, die mit dem Staatsdienst zu tun hatten, in eine neue, einheitliche Uniform kleiden – von Gymnasiasten bis zu hohen Staatsbeamten. Demnach mussten die Gymnasialschüler gemäß der russischen Rangtafel, einem von Peter dem Großen eingeführtem Verzeichnis der Dienstgrade im russischen Militär- und Staatsdienst, eine Militäruniform tragen: einen Gehrock mit Stehkragen, goldenen Schmuckelementen und vergoldeten Knöpfen, gegürtet mit einem Schnallenriemen. Nach den Unterrichtsstunden wurde der Gürtel meist abgelegt und die Uniform als ein gewöhnlicher Tagesanzug getragen. Außerdem trugen die Gymnasiasten einen Doppelreihermantel mit silbernen Knöpfen – auch hier stark an die Uniform der Militärs angelehnt.

Der 14-jährige russische Dichter Alexander Puschkin, damals Schüler des Gymnasium in Zarskoje Selo, deklamiert Gedichte während der Prüfung. Gemälde von Ilja Repin.

Ab 1862 wurde die Lackschirmmütze durch eine Kapuze ergänzt. Diese war mit einem grauen Kamelfell abgesetzt und sollte besonders gut gegen Kälte schützen. Um die Kapuze wurde üblicherweise ein Tuch gebunden. Ein wichtiges Attribut der Gymnasialschüler war jahrzehntelang der Ranzen. Die Jungen waren für gewöhnlich stolz auf ihre Uniform und trugen diese von früh bis abends, auch an Feiertagen.

Der Freiheit entgegen

In den 1860er-Jahren wurde der strenge Gehrock durch eine Feldbluse ersetzt – ein legeres Hemd, gegürtet mit einem Riemen, auf dessen Schnalle das Wappen des Gymnasiums aufgeprägt war. Im Laufe der Zeit wurde die Feldbluse zur Standarduniform, nicht nur an Bildungseinrichtungen, sondern auch bei der russischen Armee. Im Sommer trugen die Jungen eine helle Feldbluse aus Leinen und im Winter eine aus Tuch, gegürtet mit einem schwarzen Ledergurt mit Silberschnalle. Der Gehrock gehörte zwar nach wie vor zur Uniform der Gymnasialschüler, wurde allerdings nur noch zu festlichen Anlässen getragen.

Gymnasiasten. 1913. Foto: Karl Bulla / RIA Novosti

1860 wurde in Kiew das erste Mädchengymnasium eröffnet. Zu diesem Anlass wurde auch eine Mädchenuniform eingeführt: ein geschlossenes braunes Wollkleid, um das eine schwarze Schürze gebunden war. Im Laufe der darauffolgenden 20 Jahre entstanden in Russland mehrere Mädchengymnasien. Die Uniform war für alle Schülerinnen verpflichtend. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts bekamen Gymnasialschülerinnen eine Paradeuniform: eine weiße Schürze mit Rüschenkragen und Manschetten. Zu besonderen Anlässen trugen die Mädchen außerdem Pelerinen und Ärmelschoner.

Lange vergessenes Altes

Die Oktoberrevolution 1917 beseitigte den Uniformzwang an Schulen. Gymnasien wurden abgeschafft und an den neuen sowjetischen Schulen wurde die Schulkleidung nicht weiter reglementiert. Bereits 1922 wurde jedoch die Pionierorganisation gegründet und infolgedessen die Pionieruniform eingeführt. Sie wurde nach dem Muster der Matrosenbluse entworfen, wie sie Ende des 19. Jahrhunderts von allen Kindern getragen wurde: weißes Oberteil, dunkles Unterteil und gestreifter Kragen. Fortan waren alle Pioniere so gekleidet, nur dass der blaugestreifte Kragen durch ein rotes Halstuch ersetzt wurde. In der von Nöten gezeichneten Kriegs- und Nachkriegszeit war an Schuluniformen nicht zu denken. Die erste sowjetische Schuluniform entstand erst 1948/49. Jungen trugen Feldblusen mit einem Haifischkragen und einer Brustleiste. Durch den Schnallengurt und die Schirmmütze ähnelten die Schüler den Soldaten. Für Mädchen nähte man Kleider aus braunem Wollstoff mit schwarzen Schürzen, wie auch die Gymnasialschülerinnen sie einst trugen. Für besondere Anlässe waren eine weiße Schürze, ein Rüschenkragen und Manschetten vorgesehen.

Joseph Stalin mit einer Pionierin. Foto: Iwan Schagin / RIA Novosti

Niemand dachte damals daran, dass diese Uniform sehr umständlich in der Pflege sein würde: das Kleid musste sehr oft gewaschen werden und es gab nur eine Uniform pro Person. Für die Eltern der Schüler war es eine Qual, die Rockfalten zu bügeln, auch weil es zur damaligen Zeit noch keine chemischen Mittel gab, um ein Plissee zu formen. Trotzdem hielt sich die Uniform bis in die späten 1950er-Jahre, dem sogenannten „Tauwetter“ unter Nikita Chruschtschow. Die sowjetischen Machthaber beschlossen, dass Schuluniformen nicht mehr der Militäruniform ähneln sollten.

Vorwärts in die friedliche Zukunft

1962 wurden die militärähnlichen Feldblusen durch graue Flanellblazer ersetzt. Das Mädchenkleid blieb unverändert. Der Kleidungsstoff war von schlechter Qualität, da für die Herstellung der Schuluniformen Stoffreste verwendet wurden. Dabei hatten die meisten sowjetischen Kinder nur eine Uniform im Kleiderschrank, sodass diese so lange getragen wurde, bis sie ihnen buchstäblich vom Leib fiel. 1973 bekamen Jungen eine neue Uniform aus blauer Wolle. Die Jacke und die Hosen erinnerten in ihrer Form an die damals modernen Jeansanzüge mit Brusttaschen und Schulterklappen, auf die Ärmel wurde das Schulwappen gestickt.

Sowjetische Schülerinnen und Schüler. 1978.  Foto: Alexander Gratschenkow / RIA Novosti

1983 wurde schließlich ein neuer Anzug von guter Qualität eingeführt: dunkelblau aus einer Wolle-Lavsan-Mischung (einem sowjetischen Kunststoff auf Polyesterbasis). Mädchen trugen von nun an eine Dreier-Kombi ebenfalls in blau: einen Blazer mit aufgesetzten Taschen, eine Weste und einen Trapezrock. Die Mädchen in der Grundschule kleidete man in Trägerröcke und weiße Blusen.

Im Frühling 1994 wurde die Uniformpflicht an russischen Schulen abgeschafft. Einzelne Schulen kreierten ihre eigene Uniform – in den meisten Fällen handelte es sich um Schulkleidung im englischen Stil, bestehend aus Karoröcken und Blazern. Heutzutage entscheiden die einzelnen Schulen selbst über Schuluniformen, und die Uniformpflicht wird vom jedem Schulrat einzeln beschlossen.

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