Italienischkurse und Charity statt Glühwein und Wurst

Pawel Smertin / Tass
Seit einigen Jahren erobern Weihnachtsmärkte nach europäischem Vorbild Russlands Innenstädte. Viele Märkte erinnern dabei nur entfernt an das Original.

In der russischen Hauptstadt weihnachtet es sehr. Obwohl die Jahresendfeiertage in Russland eine Woche später beginnen als in Europa, ist die Weihnachtsmarktsaison in Moskau schon in vollem Gange. Beliebt sind thematische, oft von mitteleuropä­ischen Traditionen inspirierte Märkte, die jeweils ein Wochenende lang stattfinden. 

Das Fest wird nach dem christlich-orthodoxen Kirchenkalender zwar eigentlich erst eine Woche nach Neujahr gefeiert, dennoch halten europäische Traditionen in der vorweihnachtlichen Zeit zunehmend Einzug. Wer in die noch junge Moskauer Weihnachtsmarktkultur eintaucht, der kann vier Typen erleben.

Der Klassische

Wer kennt dieses Bild nicht? Das GUM-Kaufhaus am Roten Platz mit Lichterketten geschmückt, innen und außen Weihnachtsbäume, Eislaufbahn und Stände mit süßen und würzigen Leckereien, heißen Getränken und Geschenken. Hier werden vor allem russisch-traditionelles Handwerk, Speisen und ein abwechslungsreiches Kulturprogramm präsentiert. 

Besonders für Touristen und Expats in der russischen Hauptstadt ist der im Lichtermeer bunt und liebevoll ins­zenierte russische Kitsch vor historisch bedeutender Kulisse ein Erlebnis. Einige Moskauer wie Viktor Timofeev, sehen das aber eher nüchtern: „Was wir in Russland machen, ist sicher hübsch, aber nicht authentisch. Es sieht aus wie eine nicht so richtig gelungene Kopie des Westens.“ Viktor arbeitet im internationalen Jugendaustausch und würde eher den deutschen Weihnachtsmarkt empfehlen.

Der Europäische

Besondere Momente bietet ferner auch ein italienischer Weihnachts- und Neujahrsmarkt im Rahmen der Italienischen Woche vom 11. bis 13. Dezember in der Moskauer Design-Fabrik Flacon. Außer kulinarischen und dekorativen Kleinigkeiten für die Feiertage stehen die „Nacht mit dem Chef“, ein großes italienisches Abendessen mit einem Star-Chefkoch, weihnachtliche Italienischkurse und eine professionelle Weinverkostung auf dem Programm. 

Auch die Mitarbeiter der Deutschen Botschaft haben sich für die Vorweihnachtszeit etwas Besonderes ausgedacht. Am 21. November begrüßten Thüringer Blechbläser die zahlreichen – wohl um die 2500 – Gäste auf dem Botschaftsgelände an der Mosfilmowskaja uliza mit Weihnachtsliedern und typischen Basteleien und Süßigkeiten: Stollen, Adventskalendern, Holzschnitzereien. Ein schönes Geschenk sind die von Botschaftsangehörigen gebackenen Lebkuchenhäuser.

Der Wohltätige

Da Weihnachten auch in Russland ein Fest der Nächstenliebe ist, dienen einige Märkte wohltätigen Zwecken. Das Projekt „Seasons“ veranstaltete kürzlich im Eremitage-Garten zum siebten Mal einen Benefiz-Weihnachtsmarkt, der in diesem Jahr unter dem Motto „Russische Motive“ stand. Besucher konnten traditionelle Schal­tücher, Walenki – die berühmten Filzstiefel –, Leder- oder Pelzmäntel sowie Wollfäustlinge erstehen. 

Der Erlös ging an den Wohltätigkeitsfonds Nuschna pomosch („Es wird Hilfe gebraucht“), um die Publikation eines Magazins für seh- und hörbehinderte Menschen auch künftig zu ermöglichen. Neben dem Verkauf von Designer-Souvenirs im Mamin Sad wurden Weihnachtslieder vom Chor der „Seasons“-Schule vorgetragen. Und eine Theatergruppe ließ einen ­„antiken Zirkus“ auf dem Marktgelände aufleben.

Der Kleinteilige

Apropos antik: Bei der Suche nach Geschenken mit Geschichte ist der weihnachtliche Flohmarkt Na Tischinke auf dem Ausstellungsgelände T-Modul eine feste Adresse. Dort laden Sammler aus aller Welt zum Stöbern zwischen Schmuck, Postkarten, Fotografien, Schallplatten, Büchern, Porzellan und anderen Accessoires ein. 
„Kurz: entzückende Einzelstücke mit eigener Historie“,beschreibt Soja Glasatschowa den von ihr bevorzugten Weihnachtsmarkt. 

Zu Sowjetzeiten habe es wenige solcher schönen Dinge gegeben, „darum haben wir zum Beispiel nicht von deutschem Porzellan gegessen, sondern es in die Schrankwand gestellt und uns vor ihm verneigt“, sagt die Journalistin und PR-Frau mit einem Augenzwinkern. Der Flohmarkt findet mittlerweile auch außerhalb der Weihnachtszeit statt, insgesamt viermal im Jahr immer am selben Ort.Und hält stets neue Stücke aus allen Ecken der Welt für seine Besucher bereit.
Der Straßburger Markt auf dem Manegeplatz war einer der beliebtesten der letzten Jahre. Zu Straßenmusik und Schattentheater werden an den Ständen Holzspielzeug, Lebkuchen, Honig und Weihnachtsengel verkauft.

Kleine Häuschen als Christbaumschmuck: Weihnachten im Miniaturformat