Survial Guide: Wie Sie einen echten Moskauer erkennen

Acht Dinge, die einen Zugezogenen von einem Einheimischen unterscheiden.

Acht Dinge, die einen Zugezogenen von einem Einheimischen unterscheiden.

AP
In Moskau, wo rund 16 Millionen Menschen leben, trifft man nicht gerade oft auf gebürtige Einheimische. Touristen, Zugezogene und die Abwanderung der Moskauer ins Ausland sind nur einige Gründe dafür. Umso leichter ist es, so zu tun, als wäre man ein Einheimischer – mit diesen Tipps schaffen Sie es.

1. Fangen wir beim Lenin-Mausoleum an. Die überwältigende Mehrheit der Moskauer hat diesen Ort, wenn überhaupt, im Rahmen eines Schulausflugs besucht. Einheimische zieht es aus welchen Gründen auch immer nicht allzu sehr zum Führer der Weltrevolution. Dafür wissen alle, wo er liegt. Durchaus möglich also, dass Sie sich bei der Besichtigung der Kultstätte in der Gesellschaft von Moskauern befinden.

2. Echte Moskauer aber werden Sie eher nicht vor dem Mausoleum und auch nicht auf dem Roten Platz finden. Einheimische betrachten diesen Bezirk vor allem als Umsteigeknoten. Einen Moskauer erkennt man dort recht leicht. Wahrscheinlich schlängelt er sich etwas angespannt durch die mit Selfies beschäftigten Touristenmengen, weil er gerade spät dran ist.

3. Echte Moskauer reagieren mit einem müden Lächeln, wenn Bewohner anderer europäischer Metropolen über Staus klagen. In London oder Paris gilt es als ärgerlicher Zeitverlust, wenn der Weg zur Arbeit statt der üblichen 15 Minuten eine halbe Stunde in Anspruch nimmt. In der russischen Hauptstadt haben Autofahrer schon lange aufgehört, die in Staus zugebrachte Zeit in Stunden zu messen. Als Größen dienen ihnen heute die Zahl der gehörten Hörbücher, der getätigten Telefonate oder auch Geschäftskonferenzen per Skype. Oder sie steigen in die Metro um.

4. Der Autor dieses Beitrags war mehrfach Zeuge der folgenden Szene. Wenn Moskauer Polizeibeamte die Aufenthaltsgenehmigung und Registrierung von Personen mit offensichtlich „nicht-slawischem“ Äußeren kontrollieren – was sie häufig tun –, greifen sie manchmal zu einem Trick: Sie fragen einfach, ob die betreffende Person weiß, wo sich in Moskau der „zweite Zirkus“ befindet. Aus irgendeinem Grund glauben die Beamten, dass sich mit dieser Frage ein rechtmäßiger Einwohner der Stadt ermitteln lässt. Davon konnte sich der Autor jedoch nicht überzeugen – viele Moskauer wissen nicht einmal, was der sogenannte „zweite Zirkus“ überhaupt ist. Sie kennen ihn unter einem anderen Namen: den Nikulin-Zirkus. Oder als Zirkus am Zwetnoj Boulevar. Jetzt wissen zumindest Sie, was unter dem „zweiten Zirkus“ zu verstehen ist. In Gesprächen dürften Sie sich künftig also unschwer als „Ur-Moskauer“ zu erkennen geben.

5. Ist Ihr Nachbar im Haus ein Moskauer, kennt er Sie wahrscheinlich nicht. Oder er kennt Sie als „die seltsame Person, die immer grüßt“. In Moskau ist es nicht üblich, nachbarschaftliche Beziehungen zu pflegen. Das Bild aus Hollywood-Filmen, das Mr. Johnson und Mr. Smith zeigt, die gleichzeitig morgens die Vortreppen ihrer Häuser betreten, um ihre Zeitung zu holen, und dabei ins Gespräch kommen, bildet die Moskauer Wirklichkeit in keinster Weise ab.

6. Moskauer fühlen sich dem großen Europa stärker zugehörig als die sonstige russische Bevölkerung. Das betrifft vor allem junge Leute, die Wert darauf legen, vom Strom der Zeit nicht abgehängt zu werden. „Wir möchten im Trend sein und andere beeindrucken können. Über alles Bescheid wissen, was in der Welt passiert. Vielleicht sogar immer im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen“, klärt Anastassija, PR-Managerin eines Moskauer Museums, auf. Informationsquellen gibt es in der russischen Hauptstadt, wie auch in anderen Großstädten, im Übermaß. Werbung, Nachrichten, Gespräche und Kontakte mit vielen Menschen – an Input mangelt es den Moskauern mit Sicherheit nicht. Im Gegenteil, wie Nikita glaubt, der in einer Rechtskanzlei arbeitet: „Uns kann kaum noch etwas überraschen. Um einen Moskauer zu beeindrucken, muss man schon mit etwas wirklich Sensationellem aufwarten. Ich habe den Eindruck, wir sind eher darauf bedacht, uns vor der Informationsflut abzuschirmen.“

7. Moskauer interessieren sich, im Unterschied zu Einwohnern kleinerer Städte, immer sehr für das Wetter. Ganz egal, ob jemand studiert oder arbeitet – beim Verlassen des Hauses ist ihm klar, dass es keine Gelegenheit geben wird, sich umzuziehen. Die Fahrtzeit zum Ziel beträgt schließlich im Durchschnitt mindestens eine Stunde. Zwei weitere Stunden hat in Moskau niemand übrig. „Mitten am Tag durchnässt oder durchfroren nach Hause zu fahren und sich umzuziehen, ist einfach nicht drin. Daher sollte man lieber gleich einen Schirm mitnehmen oder eine wärmere Jacke anziehen. Oder einen Kleiderkoffer hinter sich herziehen“, rät der Journalist Juri.

8. Die Zeit ist zwar knapp, doch die russische Gastfreundschaft haben sich die Moskauer erhalten. „Ich bewirte immer alle, die bei mir zu Hause vorbeikommen. Selbst dem Elektriker oder Klempner biete ich unbedingt eine Tasse Tee an“, erzählt Julia, Angestellte einer Moskauer Bank. „Wenn Gäste kommen, decke ich auf jeden Fall den Tisch. Auch wenn sie schon gegessen haben oder nur ein paar Minuten bleiben wollen“, ergänzt sie.

Übrigens: Moskauer haben große Ehrfurcht vor ihrer Stadt. Selbst wenn Sie wissen, wo der Unterschied zwischen der hellblauen und der dunkelblauen „Arbatskaja“-Linie liegt und keine große Lust haben, das Lenin-Mausoleum zu besuchen, bedeutet das noch lange nicht, dass Sie sich zu den Einheimischen zählen können. Auch wenn Sie ihnen in diesem Fall natürlich schon sehr nahe gekommen sind.

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