Die Todsünden der Online-Welt: Welche Internet-Fauxpas verärgern Russen?

Im Büro, beim Date oder in der Familie: Im russischen Internetozean kann ihr Account-Schiffchen schnell an dem einen oder anderen Riff zerschellen.

Büro- und Dienst-Messages

"Ich kann nicht verstehen, warum Russen in Arbeitsmails Klammern verwenden. Was bedeutet das überhaupt ?! ", wundert sich der Brite John Galloway, der seit Kurzem bei einer russischen Firma arbeitet.

Oft verwenden Russen sogenannte Emojis bzw. deren verkürzte Symbolvarianten – auch in Geschäftskorrespondenzen. Die am weitesten verbreitete Praxis ist dabei die Verwendung von offenen Klammern anstelle von Smileys. Diese weniger hervorstechende Version erscheint häufig in privaten als auch geschäftlichen E-Mails.

Mancher möchte die Unterhaltung damit beleben, andere Kritik abschwächen.  Aber in jedem Fall sind diese Klammern ein typisches Merkmal der russischen Unternehmensetikette.

"Der Gebrauch von Smileys oder Emojis muss im Einklang mit den Standards der Unternehmenskultur stehen, die vom Chef festgelegt werden", sagt dazu Larissa Kraschkina, Leiterin der Etikette-Schule in Moskau. Weiter empfiehlt sie, Telefonate mit Geschäftspartnern im Voraus per SMS oder Online-Chats zu planen. Anrufen und schreiben sollte man derweil nie vor 9 Uhr morgens und nie später als 15 bis 30 Minuten nach Feierabend.

Liebe und Familie

Russische Internetnutzer sind sehr aktiv in vielen Netzwerken: Facebook, VKontakte, Instagram, Viber, Whatsapp, Telegram… Da tun oder denken sie sich auch gern Dinge aus, die ihre Eltern oder das Umfeld stören oder verärgern könnten. Nichts ist dabei so verlockend wie…  Online-Liebesaffären!

"Mein Ex-Freund hatte damals einfach seinen Beziehungsstatus auf ‚Single‘ geändert. Da konnte nicht anders, als einen höhnischen Kommentar drunter zu schreiben ", erzählt Elena Slobina aus St. Petersburg.  "Alle, meine Freunde und seine Freunde, haben diese Online-Szene gesehen. Erst jetzt merke ich, wie peinlich das war. "

Auch Etikette-Expertin Kraschkina warnt, dass eine Änderung des Beziehungsstatus im sozialen Netzwerk in der Öffentlichkeit und im Bekanntenkreis oft weitere Kreise zieht, als man meinen möchte, und einen wesentlichen Verstoß gegen ein allgemeine Prinzipien darstellt.

"Die Änderung des Beziehungsstatus mit der Öffentlichkeit zu teilen, ohne die Erlaubnis des Partners zu sichern, ist eine grobe Verletzung der Privatsphäre", so Kraschkina. Sie empfiehlt, den Beziehungsstatus gar nicht zu verändern, es sei denn, Sie heiraten.

Es wird noch komplizierter, wenn ein Paar Kinder hat. Fotos von Neugeborenen rufen bei vielen Russen Zweifel und Skrupel hervor.

"Ich verstehe, dass die Leute glücklich sind und sie ihre Gefühle mit dem Rest der Welt teilen wollen, aber ich erschauere immer, wenn ich Bilder dieser zerknitterter Neugeborener sehe. Das macht mich krank ", sagt die 25-jährige Moskauerin Swjetlana Schukowa.

"Es nervt mich, wenn ich in meinem Newsfeed zu viele Neugeborene sehe. Es macht mir nichts aus, diese Bilder von Neugeborenen zu sehen, aber nur, wenn sie vernünftig dosiert sind ", meint derweil die 28-jährige Walerija Sawina aus Moskau.

Es verschlimmert sich noch, wenn Eltern die Gesichter ihrer Babys mit Emoji bedecken, um sie vor „dem bösen Blick“ zu schützen – ein weit verbreiteter russischer Aberglaube besagt, dass man ein neugeborenes Baby in den ersten 40 Lebenstagen niemandem zeigen sollte.

Die Regeln des Online-Verhaltens ändern sich jedoch, wenn es um Verlobung und Hochzeit geht. "In einer langjährigen Tradition kann ein Paar seinen Verlobten und später auch deren Hochzeit über einen neutralen Beitrag in sozialen Netzwerken ihren Online-Freunden mitteilen, wenn sie dabei einen offen emotionalen Ton vermeiden", meint Kraschkina.

Freundschaft on- und off-line

Die Regeln einer  Online-Freundschaft sind meist einfacher. Fordern Sie Ihre Freunde nicht auf, Ihre Posts zu liken, bombardieren Sie sie nicht mit unzähligen Nachrichten und klagenden Beiträgen, die darauf abzielen, noch eine süße Katze zu retten. Stören Sie nicht mit Bildern ihrer dritten Piña Colada am Strand auf den Malediven. Wer gerade im stickigen Büro steckt, teilt Ihre Urlaubsbegeisterung vielleicht nicht.

Auch von der Veröffentlichung zu vieler Details über Gesundheit, private Probleme und Emotionen rät die Expertin ab. Wenigstens russische Freunde könnten Sie mit den realgetreuen Posts aus Ihrem Achterbahn-Leben durchaus verärgern.

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