Die Romanow-Trauung: Warum es keine „erste königliche Hochzeit in Russland seit 120 Jahren“ war

Legion Media
Am 1. Oktober 2021 heirateten Georg Romanow und Rebecca Bettarini in St. Petersburg. Die russischen und ausländischen Medien haben sich beeilt, die „Hochzeit des Jahrhunderts“ zu verkünden: Der russische Thronfolger heiratet! Wir erklären, warum dies die Hochzeit von zwei Bürgern war, die keine Erben des Zaren-Hauses Romanow sind.

„Das russische Zarenhaus beendete seine Existenz 2007, als das letzte Mitglied der Romanow-Familie mit dem Status eines Mitglieds der Zaren-Familie in Montevideo verstarb, was absolut niemand bestreitet. Das war die Herzogin kaiserlichen Geblüts, Katharina Iwanowna. Es existiert kein Zarenhaus mehr“, erklärt Jewgenij Ptscholow, promovierter Historiker und einer der führenden Experten für die Geschichte der Romanow-Dynastie, in einem Interview.

Es gibt jedoch immer noch Menschen, die den Status als „Erbe der Romanows“ beanspruchen. Ihren Bemühungen ist es zu verdanken, dass die Hochzeit in St. Petersburg am 1. Oktober in den russischen und westlichen Medien als „Hochzeit des russischen Thronfolgers“ bezeichnet wurde.

Warum gibt es den Zarenthron in Russland nicht mehr?

„Ich liebe das Land Russland sehr“, sagte Rebecca Bettarini (oder Viktoria, wie sie nach ihrem Übertritt zum orthodoxen Glauben genannt wird) nach ihrer Verlobung mit Georg Romanow  in einem Interview. „Wir hoffen, dass wir Russland noch öfter gemeinsam besuchen werden“, fügte Georg hinzu.

Diese Sätze in gebrochenem Russisch sind nicht überraschend, da das zukünftige Paar in Familien aufwuchs, die kein Russisch sprechen. Trotzdem wurden sie während ihres Besuchs in Russland von vielen russischen und ausländischen Medienkorrespondenten als „Majestäten“ und Georg Michailowitsch als „Großfürst“ und „Erbe“ bezeichnet.

Georg und seiner Mutter Maria Wladimirowna wurde 1991 vom damaligen Präsidenten Boris Jelzin die russische Staatsbürgerschaft verliehen. Bevor er einen russischen Pass erhielt, trug Georg den Nachnamen Hohenzollern, da er als Sohn des Prinzen Franz Wilhelm von Preußen aus diesem  Fürstenhaus stammt. Sein Ururgroßvater war der deutsche Kaiser Wilhelm II. Sein Großvater väterlicherseits, Prinz Karl Franz von Preußen, diente im Zweiten Weltkrieg in der Wehrmacht und wurde mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet.

Prinz Karl Franz von Preußen (in Nazi-Uniform und mit einem Eisernen Kreuz) und Prinzessin Henriette von Schönaich-Carolath.

Alexander Sakatow, Leiter des Büros der gemeinnützigen Organisation Russisches Zarenhaus (der Nachkommen des Cousins von Nikolaus II. Kyrill Wladimirowitsch, wie Georg und dessen Mutter Maria, angehören) erklärte gegenüber Rossia24: „Die Erbfolge besteht nicht im Sinne eines Machtanspruchs fort, sondern in dem Sinne, dass das Volk, wenn es jemals die Monarchie wiederherstellen möchte, dies in Übereinstimmung mit allen Traditionen, dem ganzen historischen Weg tun kann. Das größte Problem ist hier jedoch die Tradition.“       

Iwan Matwejew, Historiker für die Romanow-Dynastie, weist darauf hin, dass es keine Thronfolger und keinen Thron mehr gibt: „All das ist Geschichte. Wir müssen sie jetzt untersuchen und analysieren – aber sie ist bereits Vergangenheit. Weder das Gesetz von 1797 über die Thronfolge, noch andere Gesetze des Russischen Reiches haben seit über 100 Jahren Rechtskraft.“

Außerdem dankte Zaren Nikolaus II. am 2. März 1917 zugunsten seines Bruders, des Großfürsten Michail Alexandrowitsch, ab. Am nächsten Tag, nach Beratungen mit seinem Gefolge, unterzeichnete Michail Alexandrowitsch den Akt der Nichtannahme des Throns. Diesem Dokument zufolge hätte die Romanow-Dynastie erst dann wiederhergestellt werden können, nachdem eine Verfassungsgebende Versammlung gebildet worden wäre, die der Restauration der Monarchie zugestimmt hätte. Am 4. März 1917 ging die Macht an die Provisorische Regierung über. Und die Verfassungsgebende Versammlung wurde nie einberufen. Dann fand die Oktoberrevolution statt und die Macht ging an die Bolschewiki unter der Führung von Wladimir Lenin über. Den Begriff  eines „Zarenthrons“ gibt es in Russland seit dem 3. März 1917 nicht mehr.

Mit einer falschen Krone auf seinem Haupt

Warum nennt sich Georg Michailowitsch dann Großfürst und Thronfolger? Seine Mutter ist die Enkelin des Großfürsten Kyrill Wladimirowitsch, eines Cousins von Nikolaus II. Kyrill unterstützte die Revolution im Februar 1917 und stellte die ihm unterstellte Gardeeinheit dem Vorsitzenden der Staatsduma, Michail Rodsjanko, zur Verfügung. Anschließend besetzten die Matrosen der Garde die Bahnhöfe Zarskoselskij und Nikolajewskij, um zu verhindern, dass die Truppen von Nikolaus II. in die Hauptstadt gelangten, und beschleunigten so indirekt den Sturz der Monarchie in Russland.

Großfürst Kyrill Wladimirowitsch, der Urgroßvater mütterlicherseits von Georg Romanow.

Am 31. August 1924 erklärte sich Kyrill Wladimirowitsch unter dem Namen Kyrill I. zum Zaren von ganz Russland. Diese Tatsache wurde von den meisten der überlebenden Nachkommen der Romanow-Dynastie angefochten. Trotzdem benutzte Kyrills Sohn, Fürst kaiserlichen Geblüts Wladimir Kyrillowitsch, auch wenn er sich nicht zum Zaren erklärte, den Titel „Seine kaiserliche Hoheit der Großfürst“ und betrachtete sich als Oberhaupt des Hauses Romanow.

1948 heiratete Wladimir Kyrillowitsch Leonida Georgewna, die Tochter des Fürsten Georg Bagration-Muchranskij, einem Vertreter der Georgischen Dynastie, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts dem Russischen Reich angegliedert wurde. Die Tochter aus dieser Ehe, Maria Wladimirowna, heiratete 1976 in Madrid Prinz Franz Wilhelm von Preußen (der nach seinem Übertritt zum russisch-orthodoxen Glauben Michail Pawlowitsch hieß). 1981 entsprang dieser Ehe Georg Michailowitsch.

Die Hochzeit von Maria Wladimirowna mit Prinz Franz Wilhelm von Preußen am 22. September 1976 in Madrid.

Im Jahr 1989 ernannte Wladimir Kyrillowitsch seine Tochter Maria zur russischen Thronfolgerin. Nach dem Tod ihres Vaters im Jahr 1992 gab Maria Wladimirowna ein „Manifest über die Annahme der Vorherrschaft im russischen Zarenhaus“ heraus, in dem sie ihren Sohn Georg Zesarjewitsch zum Erben erklärte. Maria Wladimirownas Handeln rief bei den Nachkommen des russischen Adels wiederholt empörte Reaktionen hervor. So äußerte sich beispielsweise Pjotr Scheremetjew, ein Nachfahre der berühmten Grafenfamilie, in einem Interview mit dem Sender Rossia24 unverblümt: „Sie läuft an manchen Abenden mit einer ,Zarenkroneʻ auf dem Kopf herum! Das ist so hässlich und vulgär! Wie kann man mit einer gefälschten Krone auf einen Ball gehen? Das sind Betrüger.“

„Die Hochzeit des Jahrhunderts“

Georg und Rebecca Bettarini heirateten am 1. Oktober in der St. Isaakskathedrale in St. Petersburg. Eine solche Zeremonie kostet ab 20.000 Rubel (ca. 240 Euro) und erfordert keinerlei Genehmigungen. Dazu sei bemerkt, dass die Romanows nie in der Isaakskathedrale geheiratet haben – früher stand an dieser Stelle die Kirche des Heiligen Isaak von Dalmatien, in der Peter der Große die spätere Katharina I. heiratete, aber das war vor dem Bau der Kathedrale im Jahr 1712. Später fanden die Hochzeiten der Zarenfamilie in der Großen Kirche des Winterpalastes statt.

Maria Wladimirowna während der Trauung ihres Sohnes.

Die Presseartikel über die Hochzeit von Georg und Rebecca sind voller Fehler – vor allem die Formulierung „die erste Hochzeit von Nachkommen der Romanows in ihrem Heimatland seit 120 Jahren“. Selbst eine Publikation wie die New York Times konnte diesen peinlichen Ausrutscher nicht vermeiden. Wie Iwan Matwejew feststellt, wurden zwischen der Revolution im Februar 1917 und der Emigration des letzten Mitglieds der Zarenfamilie im Juli 1920 sechs Ehen in Russland geschlossen. Mehr noch: Georg und Rebecca waren nicht einmal die ersten Nachkommen der Romanows, die nach dem Zusammenbruch der UdSSR in Russland heirateten. Der erste war Fürst Dimitri Romanowitsch (1926 – 2016), der am 28. Juli 1993 in Kostroma Gräfin Dorrit Reventlow (geb. 1942) ehelichte. Fürst Dimitri Romanowitsch selbst, der letzte Vertreter des „Nikolajewitsch“-Zweiges, war ein Gegner der Restauration der Monarchie und vertrat die Ansicht, dass Russland „einen demokratisch gewählten Präsidenten haben sollte“. Die von Jewgenij Ptscholow erwähnte letzte Vertreterin der Zarenfamilie, Herzogin Katharina Iwanowna, verzichtete übrigens 1937 auf jegliche Ansprüche auf den russischen Thron, bevor sie den italienischen Marquis Ruggero Farace di Villaforesta heiratete.

An der Hochzeit von Georg und Rebecca nahmen keine offiziellen Vertreter teil – weder der Gouverneur von St. Petersburg, Alexander Beglow, noch die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa. Vom russischen Präsidenten Wladimir Putin gab es keine Glückwunschbotschaft. Kein russischer Fernsehsender übertrug die Zeremonie – nicht einmal der patriotisch-orthodoxe Sender Zargrad, dessen Gründer, der Geschäftsmann Konstantin Malofejew, mit der Kyrillowitsch-Bewegung sympathisiert und ihre Bestrebungen aktiv unterstützt.

Auffallend war die Abwesenheit des eigenen Vaters des Bräutigams, Prinz Franz Wilhelm von Preußen, bei der Hochzeit. Von den mehr als 400 Bischöfen der Russisch-orthodoxen Kirche waren sieben anwesend. Noch bezeichnender ist, dass bei der Hochzeit selbst die Namen des Brautpaares mit der üblichen Formel verkündet wurden: „der Diener Gottes, Georg, und die Dienerin Gottes, Viktoria“, ohne jegliche Titel! So wurde den Zuhörern vor Augen geführt, dass die Russisch-orthodoxe Kirche, die das Andenken der als Märtyrer heiliggesprochen Familie des Zaren Nikolaus II.  ehrt, es nicht für möglich hielt, die vermeintlichen Titel des Brautpaares zu verkünden.

Bei der Hochzeit kam es zu einigen völlig unerklärlichen Vorfällen. Am seltsamsten war vielleicht die Tatsache, dass der Brautschleier das Bild eines doppelköpfigen Adlers trug, der während der Zeremonie über den Boden der Isaakskathedrale schleifte – ein unerhörter Affront gegen die Würde und das Andenken sowohl des russischen Reiches als auch der Romanow-Dynastie.

Beim anschließenden Stehbankett tranken Braut und Bräutigam vor den Augen der Kameras eifrig und ostentativ Wodka. So etwas hat es in der russischen Geschichte noch bei keiner kaiserlichen Hochzeit gegeben und könnte es auch nicht geben. Eine Prinzessin, die Wodka getrunken hätte, wäre sofort als Angehörige des einfachen Volkes entlarvt worden, während ein Prinz wahrscheinlich zwar getrunken hätte, aber im Kreise von Männern und sicherlich nicht unmittelbar nach der Hochzeitszeremonie. Diese Momente zeigen, wie wenig die Teilnehmer und Organisatoren der Zeremonie über die Traditionen des zaristischen Russlands wissen.

Nach der Trauung wurde das Paar beim Verlassen der Isaakskathedrale von einer Ehrengarde mit erhobenen Säbeln empfangen. Dieses als „Säbelbogen“ bezeichnete Spalier ist eine Hochzeitstradition, die von der britischen und amerikanischen Armee bei militärischen Hochzeiten übernommen wurde. Aber Georg Michailowitsch hat nie gedient und verfügt auch nicht über einen militärischen Rang. Nach Angaben des St. Petersburger Fernsehsenders Mashna Mojke prüft die russische Militärstaatsanwaltschaft derzeit die Rechtmäßigkeit der Beteiligung des Militärs am „Säbelbogen“ und an der Ehrenwache: Die Soldaten seien „schnell und fast zufällig“ dorthin beordert worden.

Die Feier kann nur als Farce bezeichnet werden, als ein Sammelsurium von Hochzeits- und Monarchentraditionen, die selbst von denjenigen, die an der Hochzeit teilnahmen und sich als Erben dieser Traditionen betrachten, vergessen und entstellt wurden.

„Das Traurigste ist“, so der Historiker Jewgenij Ptscholow, „dass diese Leute kein angemessenes Selbstwertgefühl haben und mit ihrem Aussehen und Verhalten alle um sie herum nur zum Lachen bringen und so die Romanows und das historische Russland, in dessen Namen sie zu sprechen versuchen, in ein anstößiges Licht rücken.“

GeorgijManajew hat am Institut für russische Geschichte der Russischen Akademie der Wissenschaften in Geschichte promoviert (2010).

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