Von der Wolga an den Rhein

Figaro von der Wolga, Rosina aus Sibirien: In der Düsseldorfer Inszenierung des „Barbier von Sevilla“ stehen Maria Kataeva und ihr Mann Dmitry erstmals gemeinsam auf der Bühne.

Maria Kataeva im Kostüm der Rosina

aus Rossinis „Barbier von Sevilla"

zusammen mit ihrem Mann Dmitry Lavrov.

Foto aus dem persönlichem Archiv

Eine wunderschöne Baritonstimme übertönt den Chor der russischen Maria-Obhut-Kirche in Düsseldorf. Wieso kommt sie mir so bekannt vor? Das ist doch der Silvio aus Leoncavallos „Pagliacci", den ich neulich in der Deutschen Oper am Rhein sah!

 

Russkij Rock oder Mathe?

Dass ich den 31-jährigen Opernsänger Dmitry Lavrov in der Kirche kennenlerne, ist kein Zufall. Lange Zeit konnte sich der Junge aus Jaroslawl an der Wolga nicht zwischen Mathematik, Priesteramt und einer Karriere als Opernsänger entscheiden. Alles begann mit der Musikschule, wo der kleine Dima im Chor sang. „Seit meinem dreizehnten Lebensjahr sang ich auch in einem Kirchenchor. Mein Vorbild war unser Ober
diakon Vater Georgij – ein ganz hervorragender Bariton. Jedes Mal, wenn ich ihn singen hörte, dachte ich: ‚So will ich es auch können.'" Doch seine große Leidenschaft gehörte der Mathematik, und so schrieb sich Dmitry in diesem Fach an der Uni ein. Als Student entdeckte er dann den „Russkij Rock" und gründete eine eigene Band. „Manchmal haben wir abends einRockkonzert gegeben, und am nächsten Morgen sang ich in der Kirche." Am Ende siegte die Musik. Zur Entrüstung der Professoren schmiss Dmitry die Mathematik und begann ein Gesangsstudium.


Maria setzt alles auf eine Karte

 Für seine Frau Maria Kataeva war von Anfang an klar: „Ich werde Sängerin." Schon mit vier Jahren stand die Tochter einer Musikerin auf der Bühne: „Ich sang nicht nur im Kinderchor, ich erledigte auch ‚Verwaltungsaufgaben'. Meine Freundin drehte sich vor lauter Angst ständig weg vom Mikrofon, also nahm ich ihren Kopf in die Hände und drehte ihn zur großen Belustigung des Publikums zurück. Ich verstand nicht, wie man Lampenfieber haben kann", erzählt die zierliche 26-Jährige, die eher wie eine Ballerina als eine Mezzosopranistin aussieht.

Wir sitzen in der Wohnung des Sängerpaares im Düsseldorfer Zentrum. „Wenn mir jemand vor zwei Jahren gesagt hätte, du wirst auf einer der besten Bühnen Deutschlands singen, hätte ich es nicht geglaubt", sagt Maria. Sie stammt aus dem sibirischen Nowokusnezk, einer Großstadt mit viel Industrie, aber ohne Oper. Wer trotzdem Opern sehen will, schaltet den Fernseher ein oder fährt ins 400 Kilometer entfernte Nowosibirsk. Aber ihr Wunsch, Opernsängerin zu werden, war so stark, dass sie mit 19 alles auf eine Karte setzte: Sie flog die 4000 Kilometer nach St. Petersburg, um ihr Glück am besten Konservatorium Russlands zu versuchen. Im ersten Jahr scheiterte sie, dann klappte es.

Und hier traf sie ihre große Liebe. „Kennengelernt haben wir uns beim ‚Barbier von Sevilla', aber nicht auf der Bühne, sondern im Publikum", erinnert sich Dmitry, der damals ebenfalls in Petersburg studierte. Der Umzug nach Deutschland kam zufällig: Bei einem Casting hörte der Intendant der Deutschen Oper am Rhein den russischen Bariton und engagierte ihn. Ein Jahr später folgte Maria ihrem Mann. Die Leitung der Rheinoper war von der jungen Sängerin so begeistert, dass sie noch vor dem Abschluss des Konservatoriums für das Opernstudio engagiert wurde. „Dabei wusste die Jury bei meinem Vorsingen nicht, dass wir verheiratet sind", sagt sie.


Der Rhein? „Eher niedlich ..."

 Das Engagement am Rhein sehen sie als große Chance. „In Russland gibt es keine richtige Talentförderung", erzählt Lavrov, „deshalb ist es sehr schwer, nach oben zu kommen." Russische Opernstars wie Anna Netrebko hätten sich erst im Westen einen Namen gemacht, sagt er. Aber sie wollen hier auch viel lernen. „Die russische Gesangsschule ist zwar eine der besten der Welt, aber wir haben leider keine Tradition, ein Musikstück in der jeweiligen Sprache zu singen", erzählt Lavrov. Stattdessen werde alles auf Russisch einstudiert.

Die Sänger haben sich sofort in die Düsseldorfer Altstadt verliebt. Den Rhein haben sie sich allerdings anders vorgestellt: „Im Vergleich zur Wolga oder zu sibirischen Flüssen ist er eher niedlich." Besonders gut gefällt ihnen der ungezwungene Umgang der Menschen. „Es ist hier ganz üblich, dass sich der Intendant in der Kantine zu dir setzt und mit dir wie mit einem Kollegen spricht. In Russland würde eine Berühmtheit nicht mal deine Begrüßung erwidern", erzählen sie.


Familie vor Erfolg

 Das deutsche Publikum ist begeistert von dem Sängerpaar. „Die Deutschen reagieren sehr emotional und haben keine Angst, ihre Gefühle zu zeigen. Vielleicht hat dies mit einer lockeren Lebenseinstellung des westlichen Menschen zu tun."
Allerdings vermissen sie das russische Repertoire. „Leider sind im Westen nur zwei russische Opern richtig bekannt: ‚Eugen Onegin' und ‚Boris Godunow'", beklagt Dmitry. Deswegen hatten sie sich gefreut, im Sommer 2012 bei einem russischen Liederabend im Foyer der Rheinoper Werke von Tschaikowski und Rachmaninow vorstellen zu dürfen.

Träumen sie davon, irgendwann berühmt nach Russland zurückzukehren? „Der große Traum ist, unser Leben lang zu singen", sagt Maria lachend. „Und wir wollen eine Familie sein. Was nützt eine große Karriere, wenn die Liebe daran scheitert?", sagt Dmitry und schaut seine Frau zärtlich an. Im Juli geht ein großer Traum des „singenden Ehepaares" in Erfüllung: Dann stehen sie als Rosina und Figaro in Rossinis „Barbier von Sevilla" zusammen auf der Bühne, jener Oper, bei der ihre Liebe begann.

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland