Keine Alibi-Tante für Russland

Seit Jahren plädiert sie für eine differenzierte Darstellung Russlands. Dass manche sie deshalb beschuldigen, vom Kreml bezahlt zu werden, verletzt Gabriele Krone-Schmalz zutiefst.
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Kaum ein deutscher Fernsehzuschauer, der sich nicht erinnert: Zwischen 1987 und 1991, in dieser spannenden Zeit, war die Journalistin mit der markanten Frisur fast täglich in der ARD mit Berichten aus Moskau zu sehen.

Doch nach dem Ende ihrer Korrespondentenzeit ging Gabriele Krone-Schmalz einen ungewöhnlichen Weg. Sie trat nicht eine neue Stelle in Washington an, um danach einen netten Führungsposten bei der ARD zu beziehen. Nein, Krone-Schmalz nahm sich eine Auszeit, und ... kündigte. Viele haben ihr das übel genommen – man tut so was nicht bei öffentlich-rechtlichen Sendern, man bleibt im Betrieb und steht zur Verfügung.

„Ich habe eine historische Zeit in der Sowjetunion erlebt und fand es damals schade, sich sofort auf ein anderes Thema zu schmeißen. Ich habe mich fast verpflichtet gefühlt, mich weiter um Russland zu ‚kümmern'", erklärt die Journalistin ihre Entscheidung. Die sie im Übrigen nie bereute.

Seitdem „tingelt" sie durch die Republik, hält Vorträge, nimmt an Konferenzen teil, macht Filme, schreibt Bücher und moderiert Sendungen. Schon immer ist die 1949 im bayrischen Lam geborene Journalistin ihren eigenen Weg gegangen. Als sie 1997 das Bundesverdienstkreuz für ihre journalistische Arbeit bekam, entschied sie sich für die männliche Variante des Ordens. „Der Orden für Frauen hatte so eine Riesenschleife, das war mir zu aufdringlich."

Heute sind Frauen in politischen Talkshows keine Seltenheit. Doch damals war das anders. „Wenn unser Kamerateam irgendwo ankam, hörte ich immer schon die Frage: ‚Wer ist denn der Zuständige der Herren?'" Sie war auch die erste Frau auf dem Korrespon
dentenposten in Moskau. Womit die Russen nie ein Problem gehabt haben.

In der letzten Zeit hat sich Krone-Schmalz in der deutschen Medienlandschaft rar gemacht. Mit Absicht? „Bestimmte Positionen sind heute nicht gefragt und unbequem. Ein Beispiel: Während der Syrienkriese war eine Talkshow zu diesem Thema geplant, in der ich die russische

Position erklären sollte. Über Nacht kam dann der Vorschlag des russischen Außenministers Lawrow, und die Verhandlungslösung war auf einmal greifbar nah. Am nächsten Morgen rief mich der Sender an, das Thema sei geändert worden, weil die Luft raus sei. Natürlich, denn bei der Sendung hätten die Russen gut aussehen können, und das passte nicht ins Konzept."

Von den Medien als unbequem empfunden und fast gemieden, wird Krone-Schmalz von vielen Menschen vermisst. Dank ihrer markanten Frisur wird sie überall erkannt, die Leute gehen auf sie zu, fragen, warum sie im Fernsehen so selten zu sehen sei. „Ich habe keine Lust, als Alibi-Tante in Talkshows zu sitzen, um die Pro-Russland-Facette abzudecken", sagt sie. „Und dann muss ich mir noch anhören, dass ich mich an Russland verkauft habe."

Es gibt Dinge, die die 64-Jährige gelassen sieht. Etwa die Frage nach ihrer Frisur. „Da ist diese Erwartungshaltung, dass die Menschen das wissen wollen, und wenn man als Interviewer nicht danach fragt, hat man journalistisch was falsch gemacht", antwortet sie mit einem Schmunzeln. „Die Frisur hat mein Mann entwickelt, und er schneidet mir noch immer die Haare. Ich traue keinem Friseur."

Es gibt aber auch Dinge, die sie verletzen. Als das Buch „Was passiert in Russland?" 2007 erschien, wurde sie mit dankbaren Leserbriefen überschüttet. In den Medien jedoch wurde das Buch entweder totgeschwiegen oder vernichtend rezensiert: Insbesondere warf man Krone-Schmalz eine Beschönigung der Lage in Russland vor. Michail Gorbatschow fühlte sich menschlich verpflichtet, einen offenen Brief an die deutsche Öffentlichkeit zu schreiben: Die Autorin werde mit Anschuldigungen angegriffen, „die an die Kritik aus der Zeit des Kalten Krieges erinnern".

„Mir wurde vorgeworfen, ich stünde auf der Gehaltsliste des Kremls. Das geht schon tief unter die Gürtellinie. Manchmal frage ich mich, warum tue ich mir das an? Aber ich bin so erzogen, dass man sich einmischt, wenn irgendwas falsch läuft." Es gab auch „Demokraten" in Deutschland, die die unbequeme Journalistin für immer nach Russland wünschten. „Nee, minus 45 Grad brauche ich nicht mehr", lacht Krone-Schmalz.

Zusammen mit ihrem Mann hat sie ein zweites Domizil in Spanien aufgebaut, eine kleine Ferienanlage, in der beide die Sonne und das Meer genießen. Doch man kann sich die Journalistin nicht so recht mit einem Buch am Strand vorstellen. „Warum nicht? Vor dem Hintergrund, dass das Leben endlich ist, kann man schon kürzer treten und andere Schwerpunkte setzen", antwortet sie. „Manchmal fahre ich an der Küste entlang und denke, mein Gott, es ist so schön hier. Und ich bin nicht im Urlaub, ich lebe hier! Aber natürlich liege ich nicht pausenlos in der Sonne."

Krone-Schmalz ist im Lenkungsausschuss des Petersburger Dialogs, und seit 2011 hat sie eine 
Professur für TV und Medienwissenschaften an der

privaten Fachhochschule BiTS in Iserlohn. 
„Ich denke, ich habe eine Menge verstanden, was Russland und 
die journalistische Arbeit betrifft. 
Das will ich den jungen Leuten vermitteln."

2008 erhielt Krone-Schmalz die russische Puschkin-Medaille „zur Annäherung und zur wechselseitigen kulturellen Bereicherung der Nationen und Völker". Sie ist sehr stolz darauf. „Bei offiziellen Anlässen würde ich gern beides tragen – das Verdienstkreuz und die Puschkin-Medaille. Das wäre wohl eine Provokation, aber die Medaille ist leider zu groß."

Bis heute verbinden sie und ihren Mann mit Russland sehr viel. „Wir haben da echte Freunde. Sie würden sich in den ersten Flieger setzen und kommen, wenn ich ihre Hilfe bräuchte." Wird es noch ein Buch über Russland geben? „Ich habe schon so oft erklärt, was in Russland läuft. Noch so ein Buch zu schreiben, wäre langweilig."

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