Mali: Kommt es zu einem Ma-fghanistan?

Bild: Sergej Jolkin

Bild: Sergej Jolkin

Frankreichs militärisches Eingreifen in Mali gleicht eher einem Akt der Verzweiflung als einer durchdachten Militäroperation. Ohne dieses Engagement jedoch hätte die internationale Staatengemeinschaft vermutlich zusehen müssen, wie auf der Afrika-Karte ein neuer radikal-islamistischer Staat entsteht.

Allem Anschein nach blieb sowohl Präsident François Hollande als auch dem französischen Generalstab absolut keine Zeit zum Nachdenken. Nachdem die Islamisten in Mali die strategisch wichtige Kleinstadt Kona mit Leichtigkeit eingenommen hatten, bereiteten sie bereits ihren Angriff auf die Hauptstadt Bamako vor.

Die Gefahr des Entstehens eines neuen radikal-islamistischen Staates in Mali wurde schon seit Langem in den europäischen und afrikanischen Hauptstädten, aber auch bei den internationalen Organisationen - von der UNO bis zur Afrikanischen Union – mit Sorge diskutiert. Es wurden bereits Maßnahmen erwogen, mit deren Hilfe eine solche Entwicklung verhindert werden sollte.

Es wird immer offensichtlicher, dass der „Dschihad in Mali" keinesfalls eine zufällige Erscheinung ist und man diese durchaus hätte voraussehen können, wenn sich die internationale Staatengemeinschaft weniger ignorant und weniger anmaßend bei der Einschätzung der Vorgänge in der Region verhalten hätte.

Bereits Ende der 1990er Jahre hatte die sogenannte „Bewaffnete Islamische Gruppe" (GIA) mit Stützpunkt im Süden Algeriens den Maghreb und die Sahelzone in neun Militärregionen aufgeteilt, wobei eine dieser Zonen der Norden von Mali war, den die Islamisten nun zu ihrem Aufmarschgebiet gemacht haben.

2007 benannte sich die GIA in „Al-Kaida im Islamischen Maghreb" (AQMI) um und führte Angriffe auf militärische Einheiten der Länder der Sahelzone sowie terroristische Aktionen mit Geiselnahmen durch.

Die AQMI pflegte engen Kontakt zu einigen Gruppierungen der libyschen Aufständischen und konnte somit den Löwenanteil der Waffen, die aus den Arsenalen der libyschen Armee gestohlen wurden, an sich reißen. Auch hier zeigt sich der Dilettantismus der NATO-Staaten, die am Sturz Gaddafis beteiligt waren.

Im Jahre 2011 verkündete die AQMI die Gründung der „Bewegung für Einheit und Dschihad in Westafrika", die sich danach als Bewegung der Tuareg-Islamisten in der Gruppe „Ansar Dine" formierte. „Ansar Dine" lieferte den Tuareg aus der „Bewegung für die Befreiung des Azawad" die Möglichkeit, den Norden von Mali als unabhängig von Bamako zu erklären.

Sie half ihnen sogar, die Regierungstruppen immer weiter zurückzudrängen und sie unter Racheandrohungen schließlich komplett aus der Region zu vertreiben. Die Islamisten haben folglich vor den Augen der Weltöffentlichkeit bewusst und hartnäckig darauf hingewirkt, dass die riesige Sahelzone zu einer Hochburg des künftigen Dschihad auf dem gesamten afrikanischen Kontinent wird.

Eines ist offensichtlich: Frankreich ist dazu verdammt, mit seinen Truppen in Mali zu verbleiben. Die Islamisten bereiten sich zwischenzeitlich auf einen Partisanenkrieg vor. Diesem wird Frankreich nicht gewachsen sein, selbst dann nicht, wenn es seine Bodentruppen verstärkt und die afrikanischen Einheiten ihm zu Hilfe kommen.

Auch eine bislang noch hypothetische Beteiligung anderer NATO-Staaten wird an der Gesamtsituation, die in vielerlei Hinsicht dem ähnelt, was in Afghanistan passierte und noch immer passiert, wohl kaum etwas ändern.

Schon jetzt sind durch die Ereignisse in Mali neue afrikanische Realien entstanden. Die wichtigste davon ist die endgültige Verwandlung des radikalen Islamismus in einen Faktor mit kontinentalen Maßstäben, der jederzeit zu einem völlig unerwarteten Zeitpunkt und an den ungewöhnlichsten Stellen Afrikas wieder auftreten kann.

Es ist nicht auszuschließen, dass diese Entwicklung früher oder später auch diejenigen Länder im Norden Afrikas einholt, in denen „gemäßigte" Islamisten infolge des „arabischen Frühlings" an die Macht gelangt sind.

Es ist zu hoffen, dass der Westen und die europäischen Länder nun endlich begreifen, wie illusorisch die Vorstellung ist, dass es sich mit ihrem Verständnis von Demokratie um einen universellen Wert handelt.

 

Boris Tumanow arbeitete lange Zeit als Korrespondent der Zeitung Iswestija und der Nachrichtenagentur TASS in den französischsprachigen Ländern Äquatorial- und Westafrikas.

 

Die ungekürzte Fassung dieses Beitrags erschien zuerst bei Gazeta.ru

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