Innovation nur durch Neugierde

Bild: Natalja Michajlenko

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Sergej Belousow von der Firma Parallels hofft auf mehr Mitarbeiter aus der Wissenschaft, um sich auf zukünftige Aufgaben vorzubereiten und international konkurrenzfähiger zu sein. 


„Zu guten Fachkräften entwickeln sich jene, die bemüht sind, ihre Neugierde zu stillen", meint Sergej Belousow, Seniorpartner der Firma Runa Capital, Gründer und Mitbesitzer der IT-Unternehmen Parallels, Acronis, Acumatica und Rolsen. Über die russische IT-Wirtschaft und deren Grundlage für Innovation meint er Folgendes:

„Im Start-up-Bereich, also dort, wo Jungunternehmen gegründet werden, herrscht ein gefährlicher Irrtum vor. Es scheint nämlich so, als ob es ausreichen würde, erfahrene und ausgebildete Ingenieure einzustellen, um

ein innovatives Hightech-Unternehmen aufzubauen. Solche Spezialisten sind zwar essenziell, jedoch alleine für eine erfolgreiche Unternehmung nicht ausreichend. Um wirklich innovativ zu sein, bedarf es im Eigentlichen an Menschen, die auf eine neue Weise bestehende Aufgaben lösen können. Speziell darauf sind jedoch eher Wissenschaftler vorbereitet als Ingenieure. Denn ohne die wissenschaftliche Neugierde kann es keine Innovationen geben.

Viele sind der Meinung, dass in Russland zu wenig investiert wird, dass ein Defizit an Wissen darüber vorherrscht, wie man ein Unternehmen führen muss, und dass es keine demokratischen Institutionen gibt. All das ist zwar wichtig, doch für innovative Unternehmen ist zurzeit eine Weiterentwicklung der Grundlagenforschung und angewandten Wissenschaften von prioritärer Bedeutung. Noch wird in Russland viel ausgebildet, junge Talente in der freien Forschung und finanzunabhängigen Wissenschaft gibt es hingegen viel zu selten. Natürlich liegt die Grundlagenforschung im Verantwortungsbereich des Staates. Doch jedes auch noch so kleine Jungunternehmen hat die Möglichkeit, Zugang zu jenem Personenkreis zu bekommen, die Basisforschung betreiben. Wie wird das in der Firma ‚Parallels' gemacht?

Schon kurz nach der Gründung des Unternehmens haben wir einen Koordinator ernannt, der für die Zusammenarbeit mit den führenden Universitäten zuständig ist. In jeder dieser Universitäten hat ‚Parallels' einen eigenen Lehrstuhl eingerichtet, den Lehrenden Extrabezahlung angeboten und die Studierenden mit Stipendien unterstützt. Dabei tauschen wir uns zwar mit den Studierenden aus und nehmen Einfluss auf deren Seminar- und Diplomarbeitsthemen, mischen uns allerdings nicht in die weitere wissenschaftliche Arbeit ein.

Dies ist ein wichtiger Aspekt. Denn viele Jungunternehmen nutzen Studierende als billige Arbeitskräfte aus. So sollte es aber nicht sein, da sich sonst nur unterqualifizierte Studierende bei Ihnen bewerben werden, wohingegen die guten Jungakademiker auf der Uni bleiben und entweder ihre Diplom- oder Doktorarbeiten schreiben. Zu guten Fachkräften entwickeln sich nämlich nur jene, die bemüht sind, ihre Neugierde zu stillen. Daher sollte man zukünftiges Personal mit anderen Dingen anlocken, wobei es nicht nötig ist, ihnen irgendwelche strengen Verpflichtungen hinsichtlich Forschungsthemen aufzubürden und von ihnen zu verlangen, dass sie nach dem Studium in Ihrer Firma zu arbeiten beginnen.

Man sollte daher vor allem eines wissen: Den größten Gewinn erzielt man nur mit Top-Mitarbeitern. Und welche Methode, qualifizierte Fachkräfte zu rekrutieren, würde sich besser eignen als jene, zukünftige Mitarbeiter im Rahmen einer Zusammenarbeit mit Universitäten anzulocken? Denn viele Jungunternehmen sind überhaupt nicht der Auffassung, dass man dafür mit Universitäten zusammenarbeiten muss. Doch es sind gerade sie, die ständig auf der Suche nach geeigneten Mitarbeitern sind und Unsummen für Recruiting ausgeben. Ist eine solche Zusammenarbeit wirklich teuer? ‚Parallels' gibt jährlich mehr als 231 000 Euro dafür aus, doch man würde auch mit einer kleineren Summe bestens auskommen – 38 000 Euro sind vollkommen ausreichend.

Wenn ich das alles den Jungunternehmern erzähle, begreifen diese oft nicht die Signifikanz von dem, was ich ihnen sage. Sie wollen eben nicht jetzt in etwas investieren, was ihnen erst in einigen Jahren Gewinne einbringen würde. Doch alle russischen IT-Unternehmen, die es geschafft haben, sich zu den ganz Großen zu entwickeln, sind einen ähnlichen Weg gegangen: ‚Yandex', ‚Kaspersky Lab', ‚Parallels' oder ‚ABBYY'. Wir haben Geld in die Wissenschaft und in die Zusammenarbeit mit Universitäten bereits damals investiert, als unsere Firmen noch keinen Gewinn verzeichneten."

 

Dieser Beitrag ershien zuerst bei Kommersant.

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