Die Volksermittler kommen

Foto: RIA Novosti

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Der Rücktritt vom Duma-Abgeordneter Wladimir Pechtin nach einem Enthüllungsskandal ist der bisher größte und medienwirksamste Erfolg des staatsbürgerlichen Widerstands gegen einen Politiker, meint die Journalistein Maria Eismont.

Das Unvorstellbare ist geschehen: Ein russischer Politiker erklärte nach einem Enthüllungsskandal seinen Rücktritt. Und nicht irgendein Politiker: Wladimir Pechtin, seit 1999 Duma-Abgeordneter für die Regierungspartei und zuletzt Vorsitzender der Ethikkommission. Nachdem bekannt wurde,

dass er Immobilien besitzt, die er in seiner Steuererklärung nicht angegeben hatte, verkündete er den freiwilligen Verzicht auf sein Mandat. Das rief bei den einen Begeisterung, bei anderen Schadenfreude hervor. Blogger rätseln, ob hinter dem unerwarteten Schritt die persönliche Entscheidung Pechtins stand oder ob seine Parteigenossen ihm diesen Schritt eindringlich nahegelegt haben. Und: Erwarten Russland weitere Rücktritte aufgrund heimlicher Immobilien oder nicht ganz ehrlich erworbener Doktortitel?

Dass mit weiteren Enthüllungen zu rechnen ist, daran zweifelt niemand: Das Spiel der „Politikerjagd" scheint immer mehr Leute anzulocken. Die Karriere Pechtins hat ein junger Physiker mit dem Pseudonym Doktor Z auf dem Gewissen, der an einer europäischen Universität arbeitet und bisher in der Öffentlichkeit vollkommen unbekannt war. In seinem Blog sucht er nach Freiwilligen, „die das Verzeichnis der Abgeordneten mit allen möglichen Schreibweisen in lateinische Buchstaben transkribieren."

Es darf angenommen werden, dass sich diese Freiwilligen – und wahrscheinlich nicht wenige – gefunden haben. Und ebenso ist damit zu rechnen, dass wir in Kürze eine neue Charge Enthüllungsmaterial zu hochgestellten russischen Politikern zu Gesicht bekommen werden. Der an Kraft zunehmenden neuen Bewegung dieser „Volksermittler" können die Sicherheitskräfte des Landes kaum etwas entgegensetzen.

Die jüngsten Reaktionen des Staates zeigen, dass sich seine Methoden nicht geändert haben: Die Machtvertikale interessiert sich für die Anführer, Organisatoren und Geldgeber der Proteste. Aber jetzt hat sie es zu tun mit einer Graswurzelorganisation motivierter Freiwilliger, die von dem Wunsch angetrieben werden, gerechte Verhältnisse zu schaffen. Dutzende, vielleicht schon Hunderte schicken Anfragen an die Katasterämter in den USA und in Europa, gleichen die Ergebnisse mit den Steuerklärungen der Politiker ab und untersuchen ihre Dissertationen auf Plagiate.

Und es werden immer mehr, denn Ermittlungsarbeit, vor allem als Gemeinschaftsarbeit, ist faszinierend! Die Entlarvung Pechtins ist der bisher größte und medienwirksamste Erfolg des staatsbürgerlichen Widerstands gegen einen Politiker. Das Kräfteverhältnis scheint sich zu ändern.

 

Die ungekürzte Fassung dieses Beitrags erschien ungekürzt auf dem Internetportal Vedomosti.ru