Afghanistan und die Sicherheitsinteressen Russlands

Der für 2014 geplante Abzug des größten Teils der Afghanistan-Schutztruppe Isaf zwingt Moskau dazu, die Sicherheitslage neu zu bewerten. Das betrifft insbesondere die Grenzen der Mitgliedsländer der GUS zu Afghanistan.

Bild: Sergej Jolkin.

Die in Afghanistan für April 2014 angesetzten Präsidentschaftswahlen könnten zu einem neuen Destabilisierungsschub im Lande führen. Vor allem, wenn man die unlängst vom afghanischen Präsidenten Hamid Karsai angekündigte mögliche Teilnahme des Taliban-Chefideologen Mullah Omar an den Wahlen berücksichtigt.

Auf einer internationalen Konferenz in Moskau zur Zukunft Afghanistans nach 2014 berichtete der Leiter des Föderalen Dienstes für Drogenkontrolle der Russischen Föderation, Viktor Iwanow, über eine drastische Zunahme der dortigen Heroin- und Haschischproduktion. Seinen Angaben zu Folge kosteten die afghanischen Drogen, die in über hundert Länder exportiert

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würden, alleine im vergangenen Jahr einer Million Menschen das Leben. Doch die größte Gefahr bestehe nach Meinung Iwanows darin, dass sich der Drogenhandel von einer Folge regionaler Spannungen in deren größte Ursache verwandelt habe. Nach Einschätzung seiner Behörde üben die Drogenhändler direkten Einfluss auf die politische Entwicklung Afghanistans, das sich in eine Hochburg der internationalen Drogenproduktion verwandelt habe, aus. Die Regierung sei gezwungen, den Interessen der Drogenkartelle nachzugeben.

Auf Anfrage von Russland HEUTE erklärte der Außenminister der Russischen Föderation, Sergej Lawrow, dass die Position sämtlicher Mitgliedsstaaten der GUS in Bezug auf Afghanistan einhellig bleibe: Die Sicherheit der Grenzen der Nachbarländer Afghanistans müsse gewährleistet und Kabul beim weiteren Aufbau seiner eigenen Sicherheitskräfte unterstützt werden. Außerdem benötige das Land Hilfe bei der Lösung seiner wirtschaftlichen Probleme.

Russische Experten sind der Überzeugung, dass die Ausarbeitung einer neuen Wirtschaftsstrategie für Afghanistan die Entwicklungsrichtung des Landes verändern könne. In einem Gespräch mit Russland HEUTE erklärte der Vorstandsvorsitzende der Gesellschaft für Freundschaft und Zusammenarbeit mit Afghanistan, Jurij Krupnow, dass bis 2020 für die beschleunigte Industrialisierung Afghanistans 50 Milliarden US-Dollar benötigt würden. Russland könne dazu etwa sieben Milliarden US-Dollar beisteuern.

Diese Investition sei für die Inbetriebnahme der Transit-Pipelines von Turkmenistan nach Indien und von Iran bis nach Indien durch das Territorium Afghanistans zwingend notwendig. Mit dem Geld könnte außerdem die Elektrifizierung des Landes als Grundlage der zukünftigen Industrialisierung vorangetrieben werden. Die Umsetzung dieser Pläne hänge jedoch davon ab, ob und inwieweit es der 2014 neu zu wählenden Regierung Afghanistans gelänge, die Stabilität des Landes zu gewährleisten.

Gegenwärtig erinnert die Situation an einen Teufelskreis: Einerseits ist die Industrialisierung in Afghanistan nicht ohne die Lösung des Sicherheitsproblems möglich. Andererseits ist für eine Veränderung der Drogenschmuggel- und Sicherheitslage ein ausreichend hohes industrielles Niveau erforderlich. Solange dieser Teufelskreis nicht durchbrochen wird, werden die Geberländer von Jahr zu Jahr zurückhaltender. Die Hoffnung, dass die aus den Wahlen 2014 hervorgehende neue Regierung das Land unter Kontrolle bekommt, ist vage.

Anfang April aufkommende Spekulationen darüber allerdings, dass Russland 2014 nach dem Abzug der Koalitions-Truppen eigene Streitkräfte nach Afghanistan entsenden könnte, wurden sowohl vom russischen Verteidigungsministerium, als auch vom Außenministerium der Russischen Föderation umgehend dementiert. Nach den Worten des Sprechers des Außenamtes der Russischen Föderation Alexander Lukaschewitsch sei „ein erneuter Einmarsch russischer Militärverbände in Afghanistan ausgeschlossen". Entsprechende Spekulationen seien, so Lukaschewitsch, „ein Produkt kranker Fantasien".

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