Deutschland: Nummer Eins wider Willen

Deutschland hat die mächtigste Stimme Europas und kann sich somit Konflikten nicht mehr entziehen. Beim Balanceakt zwischen der neuen Verantwortung und seiner Vergangenheit müssen eigene Interessen zurückstehen, wie Deutschland an Russland demonstriert.

Bild: Natalja Michajlenko

Gegenüber dem stagnierenden, mancherorts sogar deutlich depressiven Europa vermittelt die deutsche Hauptstadt den Eindruck, sich rasant zu entwickeln. Die Stadt Berlin selbst wandelt dabei schon lange am Rande der Pleite. Das Zentrum des wirtschaftlich und mittlerweile auch politisch einflussreichsten europäischen Landes ist Magnet für Geschäftsinitiativen aus der ganzen Welt. Die neue Prominenz Deutschlands bei europapolitischen Problemen löst bei den Deutschen allerdings widersprüchliche Gefühle aus.

Einerseits stellt niemand in Frage, dass Deutschland die mächtigste Stimme im vereinten Europa hat. Insbesondere seit Frankreich schwächelt, das traditionell Deutschlands engster Verbündeter, aber auch dessen Gegenspieler ist. Was auch immer die Deutschen sagen mögen, die neue Rolle tut ihnen nach jahrzehntelanger zunächst aufgezwungener, dann ehrlich empfundener Demut gut.

Andererseits ist Deutschland aus historischen Gründen in seiner Vormachtstellung angreifbarer als jeder andere Staat. Eine Bekannte aus Deutschland klagte über zunehmend antideutsche Stimmungen in Südeuropa. Im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts hatten die Deutschen sich an das positive Image, ihre Vergangenheit mustergültig aufgearbeitet und sich mit den Opfern der Nazidiktatur ausgesöhnt zu haben, gewöhnt. Aber es ist für Deutschland aus objektiven wirtschaftlichen Gründen opportun, einen harten Kurs gegenüber den Krisenländern einzuschlagen, auch um den Preis, damit verblasste Erinnerungen wieder aufleben zu lassen.

Die Paradoxie der Situation besteht darin, dass Berlin sich seiner Verantwortung auch gar nicht entziehen könnte. Auf merkwürdige Weise ist Deutschland heute mit der gleichen Problematik konfrontiert wie China.

Beide Mächte sind zu groß und haben zu viel Gewicht, als dass es ihnen möglich wäre, in die zweite Reihe zurückzutreten, obwohl in Berlin und in Peking viele nicht gerade davon begeistert sind, im Rampenlicht zu stehen. Von Deutschland erwartet man einen großen Beitrag zur Lösung der wirtschaftlichen und politischen Probleme anderer Länder der Eurozone, wenn nicht gar Impulse für eine Änderung der globalen Ordnung.

In Deutschland allerdings sind Äußerungen über mögliche politische Ansprüche ein Tabu. Vor einigen Jahren erdreistete sich Bundespräsident Horst Köhler, öffentlich zu erklären, dass Deutschland als Exportland ein nationales Interesse daran habe, Handelswege zu sichern und zu kontrollieren. Dies löste einen solchen Skandal aus, dass er gezwungen war zurückzutreten. Aber wie bemüht man auch um die Vermeidung dieses heiklen Themas sein mag, die Umstände drängen Berlin dazu, auf der Suche nach einem Ausweg aus der Krise einen Konflikt mit seinen europäischen Nachbarn zu riskieren. Und das ruft, berechtigt oder nicht, unausweichlich Ängste vor einer erneuten deutschen Vormachtstellung in Europa auf den Plan.

Eben aus diesem Grund sollte Deutschland besonders behutsam mit seinen westlichen Bündnispartnern und transatlantischen Verbindungen umgehen. Es darf nicht der leiseste Verdacht erweckt werden, dass die Lehren aus dem Zweiten Weltkrieg vergessen wurden. Das ist der Hintergrund der in den Medien entfachten Debatte darüber, ob Deutschland

im Dienste seiner wirtschaftlichen Interessen politische Werte zurückstellen dürfe. Und das bekommt auch Russland zu spüren: Im Außenministerium und dem Kanzleramt mehren sich die Stimmen, die darauf drängen, Demokratiedefizite in Russland verstärkt zu kritisieren, auch wenn das mit wirtschaftlichen Nachteilen verbunden wäre.

Im Herbst stehen in Deutschland Bundestagswahlen an. Voraussichtlich wird die CDU gewinnen, dank Angela Merkel, die das Vertrauen breiter Bevölkerungskreise genießt. Das neue Mandat wird wahrscheinlich für sie das schwerste werden. Berlin wird die Kosten seiner Vormachtstellung innerhalb Europas tragen müssen, vor der es leider kein Zurück gibt.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Rossijskaja Gaseta.