Propaganda mit Popcorn: Sowjetische Helden im Kino

Bild: Alexej Jorsch

Bild: Alexej Jorsch

Das Interesse der russischen Kinobesucher an Kriegsfilmen ist längst erloschen. Der Fokus der einheimischen Filmindustrie verlagert sich auf die Helden der sowjetischen Vergangenheit aus den Bereichen wie Sport oder Kunst.

Filmbiografien sind Filme über das Leben berühmter Persönlichkeiten. Sie markieren einen neuen Trend im russischen Kino. Als markante Beispiele dienen zwei Verfilmungen über Kultfiguren der 1970er-Jahre: „Wyssozki. Danke für mein Leben" setzten sich 2011 mit dem Leben des Schauspielers, Dichters und Sängers Wladimir Wyssozki auseinander. Der 2013 produzierte Film „Legenda No. 17" bietet Einblicke in das Leben des Eishockeyspieler Waleri Charlamow. Ebenfalls im Jahr 2013 wurde Juri Gagarin, der erste Mensch im Weltall, mit der Filmbiografie „Pjerwyj poljot" (zu Deutsch: „Erster Flug") geehrt. Derzeit laufen zudem Dreharbeiten zu Filmen über den Fußballtorhüter Lew Jaschin und die russische Ringer-Legende Iwan Poddubny.

Diese Entwicklung ist nicht nur von kommerziellen Interessen beeinflusst. Man erkennt an ihr unschwer auch ideologische Absichten. Fast alle neueren russischen Filme werden durch den Staat finanziell unterstützt, in der Regel mit mehr als zehn Prozent des Budgets, manchmal sogar komplett. Die Möglichkeit der politischen Einflussnahme auf Produzenten und Regisseure liegt hier auf der Hand.

Russische Filmkünstler arbeiten schon länger an dem Projekt, ein russisches Hollywood zu schaffen. Entsprechende Gespräche begannen bereits mit Erscheinen von Steven Spielbergs „Der Soldat James Ryan" im Jahr 1998. Die Herausforderung, einen Film über die sowjetischen Soldaten zu drehen, der mit Spielbergs Werk konkurrieren konnte, schwebte im letzten Jahrzehnt stets als Anspruch über russischen Regisseuren.

Die größten Hoffnungen wurden hierbei an Nikita Michalkows als Zweiteiler angelegte Fortsetzung seines Oscar-gekrönten Werks „Die Sonne, die uns täuscht" (1994) in den Jahren 2010 und 2011 geknüpft. Das Projekt erwies sich allerdings als Kassenflop und wurde auch von den Kritikern schlecht angenommen. Hauptkritikpunkte waren das ausufernde Drehbuch, historische Ungenauigkeiten und die fehlende Kontinuität der Handlung im Vergleich zum ersten Film.

Als man erkannte, dass ein Kräftemessen mit Hollywood scheitern musste, konzentrierte man sich auf den heimischen Markt. Besonders hoch im Kurs standen dabei Filme, die die Einheit der Nation propagieren. Die Suche nach Themen, die gleichermaßen die sowjetisch sozialisierten Generationen und die jüngeren, bereits im demokratischen Russland aufgewachsenen Zuschauer ansprechen, führte zu einer erneuten Konjunktur des Kriegs-Themas. Kriegsfilme – vom Russisch-Osmanischen Krieg bis zum Zweiten Weltkrieg – waren das Leitthema des neuen patriotischen Kinos der 2000er-Jahre.

Mit dem Kriegsmotiv beschäftigte sich eine Vielzahl von Filmen und Serien,

mehrheitlich blieb der große Kassen- und Publikumserfolg allerdings aus. Die Zuschauer waren solcher Filme schlichtweg überdrüssig. Angaben der Movie Research Company zufolge gingen die Besucherzahlen russischer Filme in der ersten Jahreshälfte 2011 im Vorjahresvergleich um 29 Prozent zurück, von durchschnittlich 521 600 auf 369 300 Zuschauer pro Film.

Die Zeitschrift Iskusstwo kino prognostiziert bereits, dass im Jahr 2014 russische Filme nur für zehn Prozent der Einnahmen an den Kinokassen verantwortlich sein werden. Abgesehen von „Sturm auf die Festung Brest" im Jahr 2011 spielte nicht einer der Filme über den Krieg die Produktionskosten wieder ein. Mit dem Thema Krieg kann man das Massenpublikum nicht mehr erreichen.

Filmbiografien herausragender Persönlichkeiten scheinen dem russischen Kino, nach dem unerwarteten Erfolg von „Legenda No. 17", erneut zur Popularität verhelfen zu können. Der erste Versuch in diesem Genre war 2008 der Film „Admiral" über Alexander Koltschak, einem Admiral, der im Russischen Bürgerkrieg den Widerstand gegen die Bolschewisten anführte.

Es folgte 2011 eine Verfilmung des Lebens des Sängers Wladimir Wyssozki, einem sehr berühmten russischen Künstler. Der Erfolg dieser Filme brachte Bewegung in das Filmgeschäft. Der Film über Waleri Charlamow projiziert jedoch nicht das Leben des Eishockeystars auf die Leinwand, sondern den Systemgegensatz zwischen den USA und der UdSSR. Der Namensgeber ist hierbei nur eine Schachfigur im Kalten Krieg.

Der vor kurzem angelaufene Film über Juri Gagarin erwies sich mehr als

ein halbes Jahrhundert nach dem Erstflug ins All ebenfalls nicht als Kassenschlager. Teilweise lag dies wohl an mangelhafter Werbung, teilweise aber auch, weil er handwerklich nicht überzeugte. Ohne jegliche menschliche Züge wird Gagarin in dem Film fast wie ein Heiliger dargestellt.

Wladimir Putin unterstützte kürzlich persönlich die Idee, einen Film über den berühmten sowjetischen Fußballtorhüter Lew Jaschin zu drehen. Die Initiative für diesen Film geht auf den Vorstand von VTB Arena Park zurück, die finanzielle Beteiligung der VTB Bank ist bereits gesichert. Die Dreharbeiten beginnen 2014, im Jahr 2017 soll der Film in die Kinos kommen. Andrej Peregudow, Senior-Vizepräsident der VTB-Bank und Leiter des VTB Arena Park, sprach über seine Vision des Vorhabens: „Von den letzten Filmen, die ich gesehen habe, hat mich am meisten das kunstvolle Porträt Juri Gagarins beeindruckt. Ich wünsche mir, dass der Film über Jaschin ein ebenso großes Gefühlskino wird." Nach langen Verhandlungen, erzählt Peregudow, habe die Witwe des Torhüters, Walentina Jaschina, eingewilligt, sich an den Dreharbeiten zu beteiligen und werde nun als Beraterin des Projektes mitwirken.

Am Genre der Filmbiografie selbst ist nichts Schlechtes oder Anrüchiges. Im Westen werden solche Filme hundertfach gedreht. Über Basketballspieler, Musiker, Schriftsteller, Maler und viele andere markante Persönlichkeiten. Eine im Westen produzierte Filmbiografie vermittelt in der Regel einen Eindruck davon, wie viel ein Mensch aus seinem Leben machen kann, wie wichtig es ist, frei zu sein und auf seine Kräfte zu vertrauen. Die Botschaft russischer Filmbiografien ist aber sehr häufig eine andere: Um berühmt und geachtet zu werden, muss man sich mit den Mächtigen im Staat gut stellen.

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland