Punk-Erfolg für die Bloodhound Gang

Bild: Dan Potozkij

Bild: Dan Potozkij

Ohne auch nur ein einziges Konzert gespielt zu haben, verbuchte die US-amerikanische Punkrockband Bloodhound Gang in Russland einen umwerfenden Erfolg – zumindest wenn man nach den Regeln des Genres urteilt.

Die US-amerikanische Rockband Bloodhound Gang verunglimpfte bei ihrem Konzert im ukrainischen Odessa die russische Flagge. Diese Nachricht rief in Russland Empörung hervor und ließ sogar Neuigkeiten über den Whistleblower Edward Snowden, die Kundgebungen der Opposition und steigende Preise für eine Weile in den Hintergrund rücken.

Die Geschichte ist unschön und schnöde. Aber wann schon haben Punkmusiker schön gehandelt und dem Publikum geschmeichelt? Die Geschichte des Punks begann schließlich damit, dass die Sex Pistols die Queen beleidigten und in Live-Interviews nicht mit unflätigen Ausdrücken sparten. Natürlich ließen die Reaktionen nicht lange auf sich warten: Die britischen Musiker wurden auf offener Straße verprügelt und ihr Label löste den Vertrag mit ihnen auf.

Der Bloodhound Gang erging es ähnlich: Im südrussischen Anapa wurden sie mit faulen Eiern beworfen, auf dem Flughafen versuchten zwei Kosaken sie zu verprügeln, die Konzerte in Russland wurden bis auf Weiteres abgesagt.

Im Falle der Sex Pistols hat der Staat sich allerdings nicht in den Konflikt eingemischt. Die Polizei von Anapa jedoch hat, wie Interfax mitteilte, bereits Ermittlungen aufgenommen, inwieweit die Handlungen des Bloodhound-Bassisten „Evil" Jared Hasselhoff unter den Paragrafen 329 des Strafgesetzbuchs („Herabwürdigung des Staatswappens der Russischen Föderation oder der Staatsflagge der Russischen Föderation") fallen. Dieser Paragraf sieht einen Freiheitsentzug von bis zu ein Jahr vor. Mehr noch: Einige Abgeordnete haben bereits angemerkt, dass das Vorgehen des Bassisten eine gezielte antirussische Aktion gewesen sei. Der stellvertretende Parlamentspräsident Sergej Newerow forderte dazu auf, zu klären, wer die Gruppe nach Russland eingeladen hat. Ein Begriff machte die Runde, der im heutigen Russland als ernsthaftes Stigma gilt: Russophobie. Oder anders ausgedrückt: Man liebt uns nicht. Und schlägt sogar auf uns ein.

Zur Beruhigung der Abgeordneten muss gesagt werden, dass die Antipathie der Bloodhound Gang nicht nur Russland gegenüber gilt. Wie Vesti.ru mitteilte, hat die Band einen Tag, bevor sie die russische Flagge verunglimpfte, während ihres Konzerts in Kiew auf die Flagge der Ukraine uriniert. Für herabwürdigende Handlungen gegenüber Staatssymbolen der Ukraine sieht der Gesetzgeber des Landes eine Strafe in Form eines Freiheitsentzugs von bis zu sechs Monaten oder einer Geldbuße in Höhe von etwa 80 Euro vor. Die bei dem Konzert anwesenden Sicherheitskräfte haben diesen Vorfall jedoch ignoriert, und das Publikum reagierte auf das Ereignis sogar mit einem wohlwollenden Gelächter.

Aber alles hängt davon ab, wer wo provoziert. Kiew ist eine moderne Hauptstadt. Kuban, wo das Konzert der Bloodhound Gang abgesagt wurde,

ist dagegen eine Art russisches Texas, eine der konservativsten, patriotischsten, auf traditionelle Werte ausgerichtete Regionen Russlands. Dort mag man weder die Opposition noch Schwule oder gar Menschen, die nicht russischer Herkunft sind. Und das nicht etwa auf Geheiß der Obrigkeit, sondern aus freien Stücken. Die Kosaken sind so etwas wie die russischen Cowboys, die das Gesetz gerne selbst in die Hand nehmen und sich als Verteidiger der nationalen Heiligtümer empfinden. Auf diesem Gebiet sollte man sich mit ihnen lieber nicht anlegen.

Wenn russische Punker die amerikanische Flagge in Texas in den Schmutz getreten hätten, wäre es wahrscheinlich nicht bei einem blauen Auge geblieben. Anders liegt die Sache bei New York City, das – wie auch Moskau oder Kiew – schon so einiges erlebt hat. Dort reißt eine solche Aktion niemanden wirklich vom Hocker. Zumal die Stars & Stripes recht häufig auf diversen Demonstrationen und Kundgebungen in Mitleidenschaft gezogen werden. Vor strafrechtlicher Verfolgung jedoch sind die Demonstranten durch den Ersten Verfassungszusatz geschützt.

Mit Russophobie hat dies also nichts zu tun. Seinerzeit hat die Bloodhound Gang eine alternative Hymne für Pennsylvania verfasst, in der sich die Punker über ihren Heimatstaat ausließen. Aber wie sang schon Jegor Letow, die Ikone des russischen Punks: „Ich werde immer dagegen sein." Egal wogegen.

Aber so ist der Rock'n'Roll nun einmal. Er ist eine gefährliche Musikrichtung, die im Grunde genommen mit Verbrechen begonnen hat. Die Hälfte der ersten Bluesmusiker hatte etwas auf dem Kerbholz: Straßenraub, unzüchtiges Verhalten, Drogenmissbrauch. Dazu gehörte auch der große Elvis, der mit seinem Hüftschwung auf der Bühne die Gemüter erregte. Praktisch jeder sowjetische Rockmusiker verstieß sein halbes Leben lang gegen alle mögliche Strafgesetze: illegale Konzerte, antisowjetische Songs und allein schon, dass er dagegen war. Und der Rock'n'Roll erlebte eine Blüte.

Aber Tabus zu brechen wurde mit der Zeit immer schwieriger. In einer komplizierten Situation fand sich auch Eminen, der alle und jeden beleidigte – Schwule, Farbige, Frauen, Politiker und selbst die eigene Mutter – und dafür mit 13 Grammys ausgezeichnet wurde. Als plötzlich niemand mehr zu finden war, den er noch hätte beleidigen können, litt er jahrelang unter einer Schreibblockade.

Wozu die ganzen Provokationen? Die Antwort ist recht simpel: um starke Gefühle hervorzurufen. Das Publikum soll aufgerüttelt und bewegt werden. Ein ähnliches Vorgehen zeichnete bereits im alten Russland die Jurodiwy, die russische Variante des Narren in Christo, aus, die nach heutigen Maßstäben die ersten russischen Punker waren: Sie äußerten sich unflätig in Bezug auf die Herrschenden, tanzten frivol und spickten ihre Lieder mit Gotteslästerungen.

Aber der Mensch ist ein Gewohnheitstier – was früher einmal die Gemüter erhitzte, lässt die Leute mit der Zeit unberührt. Inzwischen kann man mit einem nackten Hintern auf der Bühne niemanden mehr provozieren. Und selbst die russische Band Leningrad, die noch vor zehn bis fünfzehn Jahren aufgrund ihrer vulgären Songtexte von den meisten Radiosendern mit einem Bann belegt wurden, klingen heute fürs Ohr durchaus vertraut – die Zeiten ändern sich eben.

Skandalöse Gruppen gibt es kaum mehr und ihre Zahl nimmt auch weiterhin ab. Alles wird vom Establishment vereinnahmt. Die Neunziger- und Zweitausenderjahre waren die Epoche des oberflächigen und verkommerzialisierten Protestes: beleidigen, aber so, dass alle verstehen, dass es nur ein Spaß ist. Hart in der Wortwahl, aber ohne jemanden

wirklich zu beleidigen. „Richtig Durchgeknallte gibt es wenige", sang bereits Wladimir Wyssozky. Deshalb reagierte die Öffentlichkeit wohl so stürmisch auf die Performance von Pussy Riot in der Erlöser-Kathedrale. Die Feministinnen haben den Nerv der russischen Gesellschaft getroffen, indem sie die religiösen Gefühle der Menschen verletzten. Was folgte war ein Scherbengericht und die Haft in einer Strafkolonie.

Die Bloodhound Gang hat eine andere Schwachstelle der russischen Gesellschaft aufgedeckt: die Staatssymbole. Und es kam zu der gewünschten Reaktion. Die größte Beleidigung für die Band wäre es wohl gewesen, wenn sich niemand über Hasselhoffs Provokation aufgeregt hätte. In der Wertewelt des Punks hätte das eine totale Niederlage bedeutet. Aber die Bloodhound Gang hat eines der wenigen Länder gefunden, in denen es noch sakrale Werte gibt und wo man entsprechend auf Punkgruppen reagiert. Das, was passiert ist, ist gemäß den ungeschriebenen Regeln des Genres als stürmischer Beifall zu bewerten.

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