Russland scheint machtlos im Kampf gegen HIV

Bild: Natalja Michajlenko

Bild: Natalja Michajlenko

In Russland stellt die HIV-Epidemie gegenwärtig eines der größten Probleme auf dem Gebiet der Gesundheitsvorsorge dar. Ein Programm zur Untersuchung der Verbreitung von HIV unter Homosexuellen soll Verbesserung herbeiführen.

In Russland stellt die HIV-Epidemie gegenwärtig eines der größten Probleme auf dem Gebiet der Gesundheitsvorsorge dar. So sind entsprechend dem letzten weltweiten UNAIDS-Bericht Osteuropa und Zentralasien die letzten verbleibenden Gebiete der Welt, in denen die Verbreitung von HIV weiter zunimmt. Eine besonders besorgniserregende Situation hat sich dabei in Russland ergeben: Hier wohnen ungefähr 70 Prozent aller HIV-infizierten Personen der gesamten Region. Betrachtet man Russland zusammen mit der Ukraine, sind es sogar mehr als 90 Prozent.

Mit jedem Jahr nimmt die Anzahl der HIV-infizierten Bürger in Russland zu. Bis Ende November 2012 wurden entsprechend der Angaben des Föderalen wissenschaftlich-methodischen Zentrums zur Prävention und der Bekämpfung von Aids 704 000 Fälle von HIV-Infektionen registriert. Dabei muss berücksichtigt werden, dass die Dunkelziffer der HIV-infizierten Personen in Russland zweimal so groß sein könnte.

 

Spritzbestecke häufigste Ursache der Infektion

Im Laufe der letzten zehn Jahre war die Hauptursache für HIV-Infektionen in Russland die intravenöse Zufuhr von Drogen mit nicht sterilen Spritzbestecken. Und obwohl sich die Epidemie seit 2002 über den Rahmen der anfälligen Gruppen hinaus verbreitet hat, wird sie inzwischen zunehmend durch Geschlechtsverkehr übertragen. Ende 2012 machte der Anteil der Übertragung durch infizierte Fixerbestecke 57,6 Prozent aller neuen Infektionsfälle aus.

Dem Direktor des Föderalen Aufsichtsdienstes auf dem Gebiet des Verbraucherschutzes und Bevölkerungswohlstandes (Rospotrebnasor), Genadij Onischtschenko, zufolge wurde „der Großteil der Programme zur

Statistik

 

Die geschätzte Zahl der Personen in Russland, die verbotene Drogen konsumieren, beträgt fünf Millionen.

Die geschätzte Zahl der Personen in Russland, die verbotene Opiate konsumieren, beträgt 1,6 Millionen.

Laut Angaben von Ende 2009 waren mehr als 555 000 Personen offiziell als Drogenabhängige registriert 70 Prozent davon konsumieren die Drogen intravenös.

Im Durchschnitt sind 37,2 Prozent derjenigen, die Drogen intravenös konsumierten, mit HIV infiziert.

In einigen Regionen erreicht die Verbreitung von HIV in dieser Gruppe bis zu 75 Prozent.

Prävention von HIV-Infektionen in den dafür anfälligsten Bevölkerungsgruppen, die in den vergangenen Jahren erfolgreich durchgeführt wurden, praktisch eingestellt. Die Präventionsmaßnahmen, die unter der Gesamtbevölkerung erfolgt sind und sich ausschließlich auf die Propagierung einer gesunden Lebensweise beschränkt haben, sind für die angegebenen Bevölkerungsgruppen nahezu wirkungslos."

Um es mit einfacheren Worten auszudrücken: Gegenwärtig stellt Russland keinen einzigen Rubel für die Finanzierung von HIV-Präventionsprogramme für Drogenkonsumenten zur Verfügung. Früher wurden diese Programme mithilfe internationaler Geldgeber finanziert. Doch aufgrund der politischen Entwicklung der vergangenen Jahre hat sich die überwiegende Zahl dieser Geldgeber aus Russland zurückgezogen.

2011 dauerte die Präventionskampagne für die anfälligen Gruppen (darunter den Drogenabhängigen), für die aus dem Staatshaushalt umgerechnet zwei Millionen Euro bereitgestellt wurden, gerade einmal 39 Tage. Praktische Ergebnisse dieser Kampagne sind nicht bekannt. Auf Nachfrage der Menschenrechtsorganisation AGORA übermittelte der Generalstaatsanwalt das Material der Überprüfung an den Ermittlungsausschuss, damit dieser ein Strafverfahren einleiten kann.

 

Russische Präventionsprogramme sind wirkungslos

In Russland liegt das Hauptaugenmerk im Kampf gegen HIV auf der Anwendung ineffektiver Präventionsmaßnahmen und der Ausarbeitung von Programmen zur Herausbildung einer gesunden Lebensweise. Denn Drogenkonsumenten sind sonst Repressionen und der Intoleranz der Gesellschaft ausgesetzt. Internationale Erfahrungen zeigen jedoch, dass die Verbreitung von HIV in dieser Gruppe dank der Anwendung wissenschaftlich begründeter Präventionsprogramme gesenkt werden konnte. Zu diesen Programmen gehören die Ausgabe von Einwegspritzen, die Heroinersatztherapie sowie die Abkehr von der Repressionspolitik.

So wird zum Beispiel die Heroinersatztherapie bereits in mehr als 60 Ländern erfolgreich eingesetzt. Methadon-Programme werden in allen Ländern der GUS –außer Russland, Usbekistan und Turkmenistan – durchgeführt. In Russland ist die Verabreichung von Methadon zu medizinischen Zwecken per Gesetz verboten. Es existieren auch keinerlei Programme für eine Substitutionstherapie.

Ein Thema für sich ist die Überprüfung auf HIV in Russland. Das Hauptproblem besteht darin, dass einerseits Unsummen für die

Überprüfung ausgegeben werden, dabei auch alle möglichen Personen kontrolliert werden, vor allem ältere Frauen bei deren Einweisung ins Krankenhaus, aber so gut wie nie die Vertreter der anfälligen Gruppen dabei ist. So entfielen zum Beispiel im Jahre 2011 von den mehr als 24 Millionen in Russland durchgeführten HIV-Untersuchungen weniger als ein Prozent auf Drogenkonsumenten oder Homosexuelle. Darüber hinaus sank die Zahl der untersuchten Bürger 2011 im Vergleich zu 2010, vor allem zu Lasten der Personen aus den anfälligen Gruppen. Bei den „Homo- und Bisexuellen" sank die Zahl um 35,9 Prozent, bei den „Drogensüchtigen" um 10,2 Prozent.

 

Neuer Vorstoß zur Erforschung in Russland

In diesem Zusammenhang ruft die jüngste Initiative von Rospotrebnadsor zur Organisation des ersten großangelegten gesamtrussischen Programms zur Erforschung der Verbreitung von HIV unter „Männern, die Geschlechtsverkehr mit Männern haben" und „Frauen, die in Prostitution verstrickt sind" ein großes Interesse hervor.

Großangelegte Programme zur Untersuchung der Verbreitung von HIV unter Homosexuellen arbeiten im Ausland bereits seit Jahrzehnten. Eine solche Initiative ist wichtig, denn dadurch wird es möglich, realistische Daten zur Verbreitung von HIV innerhalb dieser anfälligen Gruppen zu erhalten. Diese Angaben könnten zur Begründung für die Bereitstellung einer staatlichen Finanzierung für wissenschaftlich begründete Programme zur Prävention von HIV beitragen.

Aufgrund der konservativen Politik in Russland hinsichtlich Vertretern sexueller Minderheiten und der repressiven Politik hinsichtlich

Drogenkonsumenten, treten Bedenken über mögliche Folgen auf, die durch das Coming-out beziehungsweise durch das Bekanntwerden des Drogenkonsums dieser Menschen eintreten könnten. Und natürlich könnten die Ergebnisse einer solchen Untersuchung eine große Menge erstmals ermittelter HIV-positiver Personen ergeben. Hierbei stellt sich die Frage einer entsprechenden Beratung vor und nach der Durchführung der Tests und vor allem des Zugangs zu einer Anti-Retrovirus-Therapie, insbesondere für diejenigen, die einer Behandlung bedürfen.

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