Ist Liberalismus der richtige Weg für Russland?

Seit der Zeit Peters des Großen kämpft Russland mit seiner Identität. Sollte es dem liberalen Modell des Westens folgen, oder sich Richtung Osten orientieren? Oder verfügt das Land sogar über ganz spezielle Voraussetzungen, die ein eigenes politisches System notwendig machen?

Liebe USA, Euren Liberalismus will ich nicht!

 Bild: Igor Demkowski

Lesen Sie die Meinung von Dmitri Gubin auf der Seite 2 

Liebe USA, Euren Liberalismus will ich nicht!

von Sachar Prilepin

Zur aufgeklärten, liberalen Gesellschaft gehört Russland schon seit Beginn der 1990er-Jahre, da das Land seit dieser Zeit auf partnerschaftlicher Ebene in das weltweite Politik-, Finanz- und Bankensystem eingebettet ist und nicht mehr als Machtzentrum gilt, das sich der gesamten Menschheit entgegenstellt.

In Russland entstanden über die Jahre hinweg grundlegende, sogenannte liberale Freiheiten: Jeder Mensch kann sich – wenn er über genügend Mittel verfügt – frei im ganzen Land und sogar im Ausland bewegen. Es existieren in Russland hunderte hinreichend unabhängige Medien – zumindest haben die Russen die Möglichkeit, im Internet innerhalb von nur fünf Minuten tonnenweise kompromittierendes Material zu allen Staatsbediensteten zu finden.

Zudem ist es jedem russischen Staatsbürger und auch Gästen aus dem Ausland möglich, im Rahmen des Gesetzes eine Firma zu gründen und über das erarbeitete Geld frei zu verfügen, sodass dieses sogar aus rein persönlichen Gründen ins Ausland gebracht werden kann. Man hat außerdem Zugang zu jeglicher Art von Literatur sowie Musik und kann nach Herzenslust in den Genuss von unabhängigem Kino und noch unabhängigerem Theater kommen. Auch Privatkliniken, private Universitäten und Schulen, sowie hunderte andere Firmen und Einrichtungen, die unzählige private Dienstleistungen anbieten, konnten sich in Russland etablieren, sodass man durchaus von einer unübersehbaren Konkurrenz innerhalb des Dienstleistungssektors sprechen kann.

Nach einer näheren Betrachtung würde daher kaum jemand ernsthaft behaupten, dass sich Russland als liberales Land grundlegend von anderen Staaten unterscheidet, zum Beispiel haben Ungarn, Lettland, Litauen, Moldawien, Rumänien, Polen, die Türkei, die Ukraine oder Tschechien eine ähnliche liberale Entwicklungsrichtung eingeschlagen.

Der aufgeklärte russische Liberale orientiert sich allerdings lieber an Ländern wie der Schweiz, obwohl nicht ganz ersichtlich ist, was uns in nationaler, historischer oder geografischer Hinsicht so stark verbindet, dass wir den Erfolg dieses wirklich bequemen Landes auf Russland übertragen könnten. Warum nehmen wir uns hinsichtlich der Realisierung von liberalen Reformen nicht ein Beispiel an Ländern wie Griechenland, Italien oder Spanien, die von einem schwelenden wirtschaftlichen Kollaps und einer Vielzahl an ungelösten sozialen Problemen gezeichnet sind.

Ja, wir haben ein sehr korruptes System. Doch auf der Welt gibt es noch eine Vielzahl anderer typisch liberaler Länder, die von exzessiver Korruption gekennzeichnet sind.

Ja, wir haben politische Gefangene, zu denen auch meine Kollegen zählen, die übrigens eine antiliberale Sichtweise vertreten. Aber Ihr denkt nicht wirklich, dass in anderen liberalen Ländern Teilnehmer von Aktionen, die gegen die Regierung gerichtet sind, sofort ins Parlament aufgenommen und nicht etwa ins Gefängnis gesteckt werden?

Ja, wir haben gewisse Probleme in unserer Medienlandschaft, in der einige Journalisten sogar dazu gezwungen werden, zu kündigen. Doch auch in einer liberalen Welt gibt es Tabuthemen sowie Journalisten, die diese Tabus brechen und dafür in steinerne Gefängnisse kommen.

Das großartige Land, welches unter dem Namen USA bekannt ist, ist das Zentrum des Liberalismus. Es wird dadurch bedingt, wer sich gerade an der

Macht befindet: die zarten Demokraten oder die rauen Republikaner, Anhänger der Bibel und der vollautomatischen Waffen.

Unser Präsident wird von einem liberalen Team umringt. Geht man nun davon aus, dass sich diese Teammitglieder für liberale Werte einsetzen, wäre es rein hypothetisch möglich, dass beinahe jeder seiner Vertrauten an der Protestkundgebung am Moskauer Bolotnaja-Platz teilgenommen hat.

Russland müsste nur noch sein Parlament in zwei Fraktionen aufteilen – in Republikaner und in Demokraten, sodass jede der Fraktionen, nachdem ein Nichtangriffsvertrag beschlossen wurde, abwechselnd an der Macht ist. Und man glaube es kaum, aber das tun sie wirklich! Ich will aber nicht, dass es dazu kommt. Ich möchte nicht nach Eurem Liberalismus leben.

Wir alle, Liberale und Antiliberale, wollen mehr ehrliche Gerichte und Behindertenrampen, ein funktionierendes Wahlsystem und eine normale Polizei, soziale Sicherheit und eine bessere medizinische Versorgung. Doch wer sagt, dass dies Merkmale des Liberalismus sind?

Die Liberalen haben sich selbst von einigen sehr lustigen Dingen überzeugt: Dass das Land, welches sich eigentlich mit Gas und Öl finanziert – das übrigens infolge einer zutiefst nicht liberalen Politik des russischen Staates erkämpft wurde –, von der unermüdlichen Arbeit der Liberalen lebt und ihnen dafür dankbar sein muss.

Dass alles Gute in der Welt (Freiheit, Wein, Wahlen, gute Romane, Eis, Blumen, Miniröcke) liberal ist, und alles Schlechte (Krieg, Gefängnis, Migration, hurra-patriotische Filme, Filzstiefel) anti-liberal.

Ihnen würde nicht im Traum einfallen, dass Krieg, fehlende Rampen und Einschränkungen aufgrund von Nationalität und hurra-patriotische Filme in

liberalen Ländern unmittelbar nebeneinander existieren, während China eine Automobilindustrie hat, die einen grün vor Neid werden lässt, und in Kuba Schwulen- und Lesbenparaden gefeiert und aufreizende Filme gedreht werden, während wir über gewisse Errungenschaften der UdSSR nur schweigen.

Freiheit ist kein Synonym für Liberalismus. Zum Teil ist Freiheit sogar ein Antonym zu Liberalismus; es gibt solche philosophischen Paradoxa. Die wirtschaftliche Komponente ist erst recht kein Synonym für Liberalismus und die staatliche Autonomie schon gar nicht: Ihr braucht Euch nur umzusehen, um zu verstehen.

Sachar Prilepin ist Schriftsteller und Journalist. Seine Meinung erschien zuerst bei Swobodnaja Pressa.

 

 

Warum ich ein Liberaler in Russland bin

Warum ich ein Liberaler in Russland bin

von Dmitri Gubin

Der „Liberale" ist für den Spießbürger, der stundenlang vor seinem Fernseher sitzt – und das Fernsehen wird in Russland eher zu Propagandazwecken als zur Informationsvermittlung verwendet –, zweifellos eine Missgeburt. Nein, noch besser, er ist ein Homosexueller und ein Agent des Westens.

Die Lage der Liberalen im heutigen Russland ist auch deswegen so misslich, weil sie nicht einmal das Recht darauf besitzen, sich auf die Interessen ihres eigenen Volkes zu berufen. Denn in Zeiten der Autokratie verfolgt das Volk ein grundlegendes Interesse: zu überleben. Aus diesem Grund ist im Volk auch der Glauben vorherrschend, dass man keinesfalls den Staat, der einen ernährt – so nehmen die Menschen aufrichtig an –, erzürnen sollte.

Wenn ich davon zu sprechen beginne, dass der Liberalismus eine Idee ist, die darauf basiert, dass sich der Mensch zum Besseren auch ohne Zwang verändern kann, dass der Mensch von Grund auf nach Freiheit strebt, dann begegnet man mir in Russland oft mit Misstrauen. Und sollte ich davon sprechen, dass der freie Mensch auch für sich selbst sorgen kann, dann wird aus diesem Misstrauen sogar Hass. Es heißt dann: Wir kennen eure Freiheit à la Gorbatschow, als das Land zugrunde gerichtet und geplündert wurde! Wir haben genug davon!

„Freiheit" bedeutet für den Großteil der Russen Kriminalität, Zerfall und Zusammenbruch. Wohingegen die Bedeutung von „Ordnung" darin liegt, dem Staat konform und in seiner persönlichen Freiheit dem Größenwahn des Staatswillens untergeordnet zu sein – selbst wenn das die absolute Herrschaft des Zaren oder gar des gewählten Präsidenten bedeutet. Ganz so wie es einst der Historiker und Slawist Richard Pipes treffend formulierte: Wenn man zwischen „Freiheit" und „Ordnung" wählen müsste, dann würde man in Russland durchweg, ohne zu bedenken, dass man eventuell falsch handelt, die „Ordnung" wählen.

Mit anderen Worten heißt das: In Russland hasst man die Liberalen, obwohl man praktisch nichts über den Liberalismus weiß. So ist bei den Studierenden der Moskauer Universität, wo ich einen Kurs für Rundfunkjournalismus leite, der Name Pipes für gewöhnlich kein Begriff. Sie wissen oft auch nichts über Noam Chomsky, der vor etwa einem halben Jahrhundert in seiner Broschüre „Die Zukunft des Staates" sehr detailliert einige Staatsmodelle, darunter auch das liberale, beschrieben hat. Die Studierenden, die ich heute unterrichte, sind nicht so gebildet wie früher, als ich noch studierte. Vielleicht liegt der Grund dafür darin, dass im Inneren der sich um Bildung reißenden sowjetischen Gesellschaft eine Idee heranwuchs, welche die Abschaffung der Zensur und die Einführung des privaten Unternehmertums forderte und so der UdSSR zum Verhängnis wurde. Im Gegensatz zu damals steht heute der überzeugte konservative Russe, der für gewöhnlich ignorant in seinem Denken ist und Mythen gerne als Fakten auffasst.

Darin liegt der zweite Grund dafür, weshalb ich ein Liberaler bin: weil es langweilig ist, unter Menschen zu sein, die nichts wissen wollen.

Doch es gibt auch noch einen dritten Grund: Ich glaube nicht daran, dass das moralische Handeln ausschließlich intuitiv ist und auf Emotionen beruht. Wenn man nämlich jemandem in einem Notfall hilft, ohne medizinisches Wissen zu haben, dann kann man diesen durch seinen Eifer umbringen. Die Zivilisation wird immer komplizierter, sodass das Überleben vom Wissen abhängig ist. Wen würden Sie wählen: den aufrichtigen oder den qualifizierten Chirurg?

Wahrscheinlich ist es gerade diese Verkomplizierung in Verbindung mit dem technischen Fortschritt, die viele dazu bringt, zum Konservatismus zurückzukehren, selbst wenn dieser auf Mythen beruht – beispielsweise auf Familientraditionen, obwohl man nichts über die Sozialgeschichte des Familienbegriffs weiß. So gibt es mittlerweile jene, die in die „natürliche Einfachheit", in das „goldene Zeitalter" fliehen oder sich in die „Kindheit der Menschheit" zurückversetzen – obwohl jeder Anthropologe weiß, dass dieser Kindheitsbegriff unzutreffend und verherrlichend ist.

Das Zurückgreifen auf irgendwelche erfundenen „Grundpfeiler" wäre etwas Schönes, wenn da nicht immer jene wären, die einen mit ihren Ideen in Versuchung führen. Diese Volksverführer wissen nämlich, wie man den Gedankenlosen die Angst nimmt: mit Formeln zur Angstbewältigung, die in Russland für gewöhnlich damit verbunden sind, den „Feind" zu zerstören. Der Feind kann dabei der Fremde, der Andersgläubige, der anders Fühlende oder der anders Lebende sein – kurz gesagt: der „Liberast". Schnappt ihn euch!

Einer dieser aufrichtigen Volksverführer im heutigen Russland ist der talentierte, aufrichtige Schriftsteller Sachar Prilepin. Der oft geschlagene, der der in Russland inzwischen verbotenen Partei der National-Bolschewisten angehörte und Gefängnis genauso wie die Willkür der Polizei

erlebt hat, singt nun die Hymne auf jene, die einfach das Schicksal durch das Leben treibt. Jene, die alleine deswegen Recht haben, weil sie die Mehrheit darstellen, weil sie wie alle sind – Russen, deren Großväter ihr ganzes Leben lang in Russland gelebt haben. Im Grunde genommen singen die physiologisch spürbar aufrichtigen Geschichten und Novellen Prilepins eine Hymne auf den modernen russischen Gopnik – einen jugendlichen Kriminellen aus den „unteren" sozialen Gesellschaftsschichten, der nur halb so stark ist, wie er sich gerne gibt.

Selbst unter den Intellektuellen kommt diese Begeisterung, dieses sich Erfreuen an der natürlichen Grazie junger Tiere, die sich weder mit Bildung, noch Kultur, noch Reflexion belasten müssen, hier und da zum Vorschein.

Doch man muss das ästhetische Vergnügen vom verschwitzten, mit der Hacke am Feld arbeitenden Bauern von jener Versuchung unterscheiden, einen solchen Bauern ins Zentrum der Welt zu rücken und all jene zum Feind zu erklären, die diesem und jenem nicht entsprechen. Mir scheint, etwas Ähnliches hat es bereits in Kambodscha unter dem Diktator Pol Pot gegeben.

Dies war nun der letzte Grund, warum ich ungeachtet meiner sich heutzutage nicht lohnenden Überzeugungen ein Liberaler bin.

Dmitri Gubin ist Journalist und Fernsehmoderator. Seine Beiträge erscheinen bei den Magazinen GQ und "Ogonjok" sowie der Zeitung "Kommersant"

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