Vorhang auf für die Paralympics!

Bild: Konstantin Maler

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Bislang haben die Russen nur wenig Ahnung vom paralympischen Sport. Das könnte sich durch Sotschi ändern – wenn die russischen Medien den Paralympischen Winterspielen mehr Aufmerksamkeit schenken. Das wäre nur gerecht.

Wenn der Sieg bei einem Fernseh-Wissensquiz von der richtigen Antwort auf die Frage „Kennen Sie irgendwelche Disziplinen der Winter-Paralympics?" abhinge, würden die meisten Russen ohne ein Preisgeld und äußerst frustriert nach Hause gehen. Zwar haben alle schon über die Medien mitbekommen, dass die russischen Paralympioniken ständig Medaillen holen, dass sie vordere Plätze belegen und ihnen im Kreml gratuliert wird, aber viel mehr als ein allgemeines Informationsrauschen ist zu diesem Thema nicht mitzubekommen.

Und das hat nicht etwa mit Diskriminierung zu tun – der Wettstreit um die Gunst der Fernsehzuschauer ist einfach zu groß. Ohne Fernsehübertragung hat eine Sportart praktisch keine Chancen, beliebt zu werden. Das beste Beispiel dafür ist der Studentensport. In Russland hatte kaum jemand auch nur eine Ahnung davon, bis dann im vergangenen Sommer in Kasan die Universiade begann und viele Menschen erkannten, dass es recht interessant ist, den studentischen Sportlern vor dem heimischen Fernseher zuzuschauen.

Eine solche Chance haben zweifellos auch die russischen Paralympioniken verdient. Bereits in der Vorbereitung zum Wettbewerb überwinden sie eine Vielzahl von Schwierigkeiten und bringen solche Ergebnisse, von denen die Sportler aus den westeuropäischen Ländern nur träumen können. Nach der Pleite der russischen Olympiamannschaft bei den Spielen in Vancouver 2010 konnten zumindest die Paralympioniken die Gemüter der enttäuschten Fans etwas beruhigen.

 

London 2012: Die besten Paralympics in der Geschichte

Vielleicht ist es ja nur eine Frage der Gewohnheit. Im paralympischen Sport gibt es andere, ungewohnte Regeln. Zuschauer dieser Wettkämpfe müssen sich an andere Regeln gewöhnen. Das ist gar nicht zu einfach, oft sind die Abläufe derart verschieden im Vergleich zu den Nicht-Behinderten, sodass ein rascher Einstieg manchmal schwer fällt. Dieses Problem lässt sich ja ganz einfach lösen, indem man einfach damit beginnt und dran bleibt. Das haben vor zwei Jahren die Engländer während der Paralympics in London gezeigt: Die Paralympics 2012 war die größte und erfolgreichste Veranstaltung der Geschichte dieser Wettkämpfe. Nicht nur, dass daran über 4 000 Sportler aus 164 Ländern der Welt teilnahmen, sie sorgten auch für einen Gewinn bei den Organisatoren. Allein der Verkauf der Übertragungsrechte für das Fernsehen brachte mehr als zehn Millionen Pfund ein, zudem wurden bei den Wettkämpfen mehr als 2,4 Millionen Eintrittskarten verkauft.

Die Zuschauerränge waren gefüllt, die Fans unterstützten die Sportler fast noch enthusiastischer als bei den Olympischen Spielen und die Kampfrichter waren im Wesentlichen damit befasst, auf die Einhaltung der Regeln zu achten. Wenn zum Beispiel bei einem Rugbyspiel auf Krücken ein Sportler hinfiel, rannte der Unparteiische nicht gleich zu Hilfe, sondern klärte, ob es ein Foul war und ob ein Freistoß oder Gedränge vergeben werden muss oder nicht – genau wie in einem normalen Rugbyspiel.

 

Lernen Sie Supermenschen kennen!

„Paralympioniken sind Sportler, wie alle anderen Athleten auch, allerdings viel cooler!" Das war von Anbeginn die Einstellung der britischen Zuschauer. Vor den Spielen dachte sich einer der Fernsehkanäle folgenden Slogan aus: „Lernen Sie Supermenschen kennen!" Vor und während der Spiele dominierten die britischen Paralympioniken die Titelseiten der

größten Zeitungen des Landes. Diesem Umstand ist es wohl vor allem zu verdanken, dass im Königreich die Zahl der Paralympics-Zuschauer stolze 40 Prozent der Zahl derer betrug, die sich die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele ansahen – elf Millionen gegenüber 27 Millionen. Die Paralympics wurden übrigens von Königin Elisabeth II. höchstpersönlich eröffnet.

In England gab es nicht wenige Besucher, die Eintrittskarten für die Paralympics erwarben, weil sie nicht nur ihre Mannschaft anfeuern wollten, sondern auch, um die Orte der erst kurz zuvor beendeten Olympischen Spiele zu sehen. Wer keine Olympia-Eintrittskarten mehr bekam oder wem diese zu teuer waren, nutzte die Chance, um in die legendären Sportarenen zu gelangen, und zwar für deutlich weniger Geld. Diese Preispolitik wird wahrscheinlich auch in Sotschi Früchte tragen. Nicht alle haben zum Beispiel die Chance das Eishockey-Finale zu besuchen. Und das nicht nur wegen des eventuell fehlenden „Kleingelds" – selbst viele derjenigen, die die rund 750 Euro übrig haben, werden wohl keine Eintrittskarte ergattern können.

Aber das Finale des paralympischen Sledge-Eishockey-Turniers wird man sich ohne Probleme ansehen können. Für einen ebenso erschwinglichen

Obolus können Tickets für die Eröffnungs- und Abschlussveranstaltung erworben werden. Diese hochprofessionelle Show wird von Fernsehsendern auf der ganzen Welt gezeigt werden.

Die Paralympics vom 7. bis 16. März 2014 sind eines der wichtigsten Ereignisse in der Welt des Sports und haben den gleichen Rang wie die Olympischen Spiele. Aber im Unterschied zu dieser Veranstaltung, bei der die Ergebnisse der Nationalmannschaft Russlands – gelinde gesagt – unvorhersehbar sind, kann das Land bei den Paralympischen Winterspielen durchaus mit einem ersten Platz in der Gesamtwertung rechnen. Doch die Medaillen sollten nicht der wichtigste Aspekt dieser Spiele sein. Das Hauptziel besteht darin, Menschen mit eingeschränkten Möglichkeiten in die Gesellschaft zu integrieren, und die Paralympics sind dafür das beste Mittel.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst bei der Zeitschrift Russkij Reporter.

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