Zaristisches Russland: Schmelztiegel Europas

Bild: Nijas Karim

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Das Imperium der Romanows spielte die gleiche Rolle im Osten Europas wie das antike Rom in Europas Süden und die Vereinigten Staaten auf dem amerikanischen Kontinent, meint Historiker Pawel Kusenkow.

In den 300 Jahren unter der Herrschaft der Romanows entwickelte sich Russland zu einem vollwertigen europäischen Staat. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts, als die Romanows den Zarenthron bestiegen, stand Russland Asien näher als Europa. Seit den Zeiten des Mongolenreichs im 13. Jahrhundert war das Land mehr in Richtung Osten orientiert. Die Romanows schufen ein europäisch geprägtes Land mit einem europäischen Wertesystem.

Dies ist in erster Linie auf Peter den Großen zurückzuführen. Er öffnete das Fenster nach Europa, obwohl der Prozess bereits von seinem Vater, dem Zaren Alexei Michailowitsch, in Gang gesetzt worden war. Der umgekehrte Prozess ist allerdings mindestens genauso wichtig: Unter Peter wurde nicht nur Russlands Aufbruch nach Europa eingeleitet, sondern auch das Interesse Europas an Russland. Das russische Imperium hätte sich nicht ausgebreitet, wenn nicht hunderttausende Europäer ins Land geströmt wären. Viele gut ausgebildeten Vertreter der europäischen Elite wanderten ein: Gelehrte, Beamte, Musiker und Ingenieure.

Hier stelle ich eine gewagte Behauptung auf: In Russland hat es nie eine russische Nation gegeben. Wer ins Land kam, zum Wohl des Landes arbeitete und russische Werte übernahm, der war auch Russe. Dadurch unterscheidet sich Russland prinzipiell von allen westlichen Staaten, mit

der Ausnahme Amerikas. Man könnte von einem multinationalen Imperium sprechen, aber richtiger wären die Bezeichnungen multikulturell oder multiethnisch. Also im reinsten Sinne ein Schmelztiegel – ein Gesellschaftsaufbau nach amerikanischem Muster. Russland hat diese Idee jedoch früher verfolgt – ursprünglich kommt sie allerdings von den Römern, deren Reich ebenfalls multiethnisch war.

Im Vergleich zu Russland hatten es die Vereinigten Staaten von Amerika leichter. Als die ersten Siedler kamen, gab es dort keine moderne Hochkultur. Das Land gehörte teilweise den Indianern, die Konflikte waren regional und nie von langer Dauer. In Russland waren die Völker mächtiger und ihre Kulturen gefestigter.

Russland hat sie befriedet – wie das Römische Reich seinerzeit. So wurde eine starke gemeinsame Grundlage geschaffen. Vor allem dank der europäisch geprägten und gut organisierten Armee. Peters Projekt der Europäisierung Russlands, sein militarisiertes Reich, all das schaffte die Bedingungen für eine Einigung. Der weise Zar nahm alle Völker unter seine Fittiche, nur zu ihrem Besten.

Als besonders schwierig erwies sich die Integration der muslimischen Bevölkerung. Hierbei handelt es sich um eine in der Weltgeschichte einmalige Sache. Einmalig nämlich ist die Integration der Muslime in ein christliches Reich. Das gab es sonst nirgends. Weder im Römischen Reich noch im Byzantinischen Reich war das gelungen. In Spanien glückte es ebenfalls nicht. Die Muslime wurden aus diesen Reichen gewaltsam vertrieben. Doch in Russland gelang es zusammenzuleben, wenn auch unter großen Mühen.

Es gab in der Weltgeschichte immer nur zwei Wege, solchen Herausforderungen zu begegnen: entweder die Kolonisierung oder – falls diese nicht gelingt – die Vereinbarung der Beteiligten über eine zwar friedliche, aber klar voneinander getrennte Koexistenz. Russland aber wagte schon seit den Zeiten Iwans des Schrecklichen den Versuch einer nicht nur multikulturellen, sondern gar multikonfessionellen Symbiose – und war damit erfolgreich. Die muslimischen Herrschersöhne hatten einen sehr hohen Status im Russischen Reich. Viele von ihnen traten zum christlichen Glauben über, aber es gab auch andere Fälle. Wenn die russische Armee in die Schlacht zog, waren sowohl Priester als auch Imame, Rabbiner und lutheranische Pastoren dabei – wenn auch nicht unbedingt viele. Aber eines ist Fakt: Das Experiment war gelungen. Davon zeugt alleine schon, dass es in Russland niemals innenpolitische Glaubenskriege gab.

Die Gründe für den Untergang des russischen Zarenreiches waren dann auch weder ethnische noch religiöse Gründe. Diese Probleme waren um ein vielfaches geringer als die sozialen und zivilisatorischen. Vermutlich zerfiel Russland 1917 daher auch nicht in einzelne Staaten wie später die Sowjetunion. Dennoch war das Imperium der Romanows zerstört und eine neue Epoche brach an. In Russland gab einen Paradigmenwechsel. Mit der Sowjetunion entstand ein ganz neues Land, so wie Italien anstelle des antiken Roms oder Griechenland anstelle der altgriechischen Polis.



Der Autor ist Historiker und wissenschaftlicher Berater der Ausstellung „Das orthodoxe Russland. Die Romanows“, die zurzeit in Petersburg in einer Halle der „Lenexpo“ gezeigt wird. Wir danken den Ausstellungsmachern für ihre Unterstützung bei der Materialbeschaffung.

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