Russische Wirtschaft: Richtige Strategien finden

Bild: Konstantin Maler

Bild: Konstantin Maler

Die Wissenschaftler Iwan Danilin und Wladimir Falzman dieskutieren über Russlands wirtschaftliche Entwicklung und neue Wege.

Iwan Danilin: Schluss mit einer Politik der schnellen Erfolge

Iwan Danilin: Schluss mit einer Politik der schnellen Erfolge

Die Diskussion über Russlands Entwicklung führt in der Regel zu zwei diametral entgegengesetzten Ideen. Die erste basiert auf den gigantischen Entwicklungsreserven des Landes und der Entbehrlichkeit, vom Westen abhängig zu sein. Die zweite geht davon aus, dass Russland alles im Ausland kauft und es dann „weiterentwickelt". Beide Ideen bilden nicht eben die russischen Realitäten ab.

Schauen wir der Realität doch einmal ins Auge. In Russland nimmt die Zahl der qualifizierten Fachkräfte permanent ab. Wichtige Wirtschaftszweige und Technologien (neue Werkstoffe, Robotertechnik, modernes Engineering) sind unterentwickelt. Akut ist deshalb die Frage nach wirtschaftsbasierten Innovationsaufträgen. Das Problem mit den Institutionen, mit der Bürokratie und dem Mangel an billigen Krediten behindert sowohl die Gestaltung 
entsprechender Bedingungen für Innovationen in der Wirtschaft, wie man es aus den USA und Europa kennt, als auch die Umsetzung von Instrumenten einer gelenkten Entwicklung wie in der Sowjetunion und in China. Das Paradoxon besteht darin, dass es in Russland zwar nahezu alle nur denkbaren Institutionen, Subjekte und 
Instrumente für eineinnovative Entwicklung gibt. Ihre Effekte sind jedoch äußerst gering.

Auch Entwicklung im Ausland zu „kaufen" gelingt nicht. Zunächst einmal wird wohl niemand Zukunftstechnologien verkaufen wollen. Man kann vielleicht etwas strategisch nicht sonderlich Wichtiges erwerben und es dann selbst mit einigem Aufwand weiterentwickeln. Aber dieses „chinesische" Szenario ist für Russland ungeeignet. Es gibt hier nicht genügend billige qualifizierte Fachkräfte, keine moderne Infrastruktur oder gar effektive mobilisierende Mechanismen. Und dieser Weg birgt auch die Gefahr einer imitierten 
Entwicklung. China hat mittlerweile mit 
gigantischem Aufwand die Bedingungen für die Entwicklung eigener Innovationen geschaffen.

Auch die Hoffnung auf das „norwegische Modell" (Ressourcen im Tausch gegen Technologien) ist gering. Auf dem Gebiet der Verarbeitung von Ressourcen mag dies ein nützliches Instrument sein, aber auf dem Gebiet der Hightechtechnologien stellen unsere Rohstoffe keinen Trumpf dar. Die Größe des Binnenmarkts ist auch nicht umwerfend – vor allem nicht im Vergleich zu China.

Es gibt noch andere Einschränkungen, etwa die formalen und informellen Exportbeschränkungen für Technologien, die bestehen, weil man Angst vor einer „neuen Sowjetunion" hat. Bezeichnend sind die Versuche des Kaufs von Opel und der Technologie zur Herstellung von Kompositmaterialien. Die „großspurige" russische Außenpolitik (nicht zu verwechseln mit der Verteidigung nationaler Interessen!) verstärkt diesen Effekt. Und zuletzt: Die Erfahrungen mit China waren dem Westen natürlich eine Lehre!

Was tun? Vor allem sollte Russland sich der Globalisierung anpassen. Der Weltmarkt ist eine Quelle der Schlüsselressourcen, was Finanzen, Fachkräfte, Technologien, Geschäftsmodelle, Outsourcing und

Kompetenzen betrifft. Doch die effiziente Nutzung dieser Möglichkeiten hängt von der Schaffung einer Wachstumsbasis im eigenen Land ab. Russland braucht Fachkräfte, Institutionen, soziale und makroökonomische Bedingungen und eine anpassungsfähige Infrastruktur, die auf den Bedarf neuer Industrie- und Dienstleistungsbranchen orientiert ist.

Und der Staat braucht einen systematischen und nachhaltigen Ansatz. Das lässt sich an den Problemen erkennen, die er beim Aufbau von Sonderwirtschaftszonen oder einer Venture-Industrie hat. Deshalb ist Folgendes wichtig:

– ein echter Dialog mit der Geschäftswelt und den Staatsbetrieben, um deren tatsächliche Bedürfnisse zu erkennen;
– eine Orientierung an Ergebnissen, die inhaltsbezogen sind und nicht nur zur „Planerfüllung" erbracht werden;
– eine Abwendung von der Politik der schnellen Erfolge;
– die Unterstützung von Innovationsformen wie Crowdsourcing und netzbasierten Laboren;

Es gibt schon richtige Schritte, doch bislang fehlt der systematische Ansatz.


Iwan Danilin leitet die Abteilung Innovative Entwicklung des Instituts 
für Weltwirtschaft und Internationale Beziehungen der russischen Akademie der Wissenschaften.

 

Wladimir Falzman: Russlands Potenzial für die Weltwirtschaft

Wladimir Falzman: Russlands Potenzial für die Weltwirtschaft

Im letzten Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts hat sich in Russland ein kolossaler technischer Rückstand gegenüber den führenden Industrienationen der Welt herausgebildet, der zu einer ernsthaften Verlangsamung der nationalen Entwicklung geführt hat.

Nach den Umbrüchen der Achtziger- und Neunzigerjahre ergriff die Idee der Liquidation des sich im Lande angestauten Rückstands alle Beteiligten des russischen Wirtschaftsprozesses: die Unternehmen, die Bürger, den Staat.

Vor dem Hintergrund dieser Aufbruchstimmung erwerben die Unternehmen mit zunehmendem Engagement Technologien aus dem Ausland. Die Bevölkerung modernisiert ihren Alltag durch den Kauf von importierter Haushaltstechnik und ausländischen Autos. Der Staat fasst epochale Entscheidungen zur Modernisierung seiner Streitkräfte und der Verteidigungsindustrie, die weitreichende Folgen haben.

Der Weltmarkt reagiert auf die wachsende Nachfrage, indem er Technik bereitstellt und Investitionen tätigt, mit deren Hilfe in Russland Montagekapazitäten aufgebaut werden und die Fertigung ausländischer Produkte lokalisiert wird. Der Import von Maschinen, Gerätetechnik und Transportmitteln ist im vergangenen Jahrzehnt deutlich schneller gewachsen als das Bruttoinlandsprodukt (BIP). Im Zeitraum von 2000 bis 2011 stieg er auf das nahezu 14-fache an und erreichte 110 Milliarden Euro, während im gleichen Zeitraum das BIP lediglich um das 7-fache wuchs und 55 Billionen Rubel (umgerechnet 1,2 Billionen Euro) betrug.

In Russland gibt es heute so gut wie keine eigene Fertigung von Passagierflugzeugen mehr, die Fluggesellschaften ziehen es vor, ausländische Maschinen zu kaufen oder zu leasen. Das Land gibt bis zu 2,6 Milliarden Euro pro Jahr für die Anschaffung von Passagier- und Frachtschiffen sowie Plattformen aus dem Ausland aus.

Dabei verfügt die nationale Industrie über das wissenschaftlich-technische Potenzial, um Flugzeuge wie den Superjet SSJ 100 und die Irkut МS-21, daneben konkurrenzlose Schiffe mit Atomantrieb, Luftkissenboote und andere hochmoderne Technik zu konstruieren und zu fertigen. Russland exportiert Flug- und Schiffsbautechnik, beliefert die Weltmärkte mit Jagdflugzeugen, Hubschraubern und U-Booten. Gleichzeitig produziert die Industrie alle dafür benötigten Werkstoffe: Aluminium, Titan, Wolfram-Molybdän-Legierungen für Flugzeug- und Raketentriebwerke, Eisenmetalle, Komposit- und andere Werkstoffe.

Russland nimmt eine führende Rolle in der Atomindustrie ein. Das Land baut Kernkraftwerke in der ganzen Welt, reichert bis zu 40 Prozent des Urans an, verfügt über Erfahrung und Kapazitäten, die ausreichen würden, um eine führende Rolle auf dem Gebiet der Atomenergie und im Maschinenbau einzunehmen.

Die ökonomische Wende Russlands, die Stimulanz von Exporten, die nicht auf Rohstoffen basieren und das Streben nach einer weltweiten Schlüsselposition bei den Innovationen wird durch das Steigen der Preise für Rohstoffe, Materialien und Energie und durch das schneller als die

Arbeitsproduktivität ansteigende Lohnniveau und die kaum ausgeprägte Wettbewerbssituation gefährdet.

Der Übergang des Landes zu einer innovativen Wirtschaft ist auf der Grundlage einer noch engeren Zusammenarbeit mit der Außenwelt, insbesondere mit Europa, denkbar. Ein Großteil der innovativen Erneuerung sollte nach der Formel erfolgen: Technik und Technologien im Tausch gegen Öl und Gas.

Ich bin mir ebenfalls sicher, dass es in Russland möglich wäre, eine Teilprivatisierung von Rüstungsgütern zuzulassen.Denkbar wären Zulieferer aus der Privatwirtschaft, die sich in einer Zone des freien Preiswettbewerbs befinden. Auch nicht ausgeschlossen ist in diesem Zusammenhang das Modell, bei dem Fertigprodukte zu Herstellerpreisen geliefert werden und der Gewinn durch begleitende Serviceleistungen und den Handel mit Ersatzteilen generiert wird. All dies spricht dafür, dass Russland an einer Integration in die Weltwirtschaft interessiert ist. Denn nur diese allein kann das Aufblühen des Landes und ein stabiles Wachstum der Volkswirtschaft gewährleisten.


Wladimir Falzman ist Direktor des Russisch-Deutschen wissenschaftlichen Bildungszentrums an der Akademie für Volkswirtschaft und Staatsdienst beim Präsidenten der Russischen Föderation.

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