Forever Young – Westliche Altstars rocken Russland

Bild: Alexej Jorsch

Bild: Alexej Jorsch

In russischen Konzertsälen treten seit Jahren Musiker aus dem Westen auf, die in ihrer Heimat schon längst tot gesagt sind. Egal, welcher Rock und Pop der Siebziger und Achtziger, Russlands Fans gehören zu den treuesten auf der Welt.

Beinahe täglich bekomme ich E-Mails mit dem Vorschlag, irgendwelche ausländischen Stars zu einem Korporativ, einer Privatfeier einzuladen. Die Namen sind immer die gleichen: Boney M, Bad Boys Blue, Didier Marouani, Al Bano, Bonnie Tyler und vor ihrer endgültigen Trennung auch Modern Talking. In der Veranstaltungshalle „Olimpiskij", die 1980 für die Olympischen Spiele in Moskau errichtet wurde, findet jedes Jahr ein mehrstündiges Konzert mit dem Titel „Diskothek der Achtziger" statt. Auch dort treten die oben erwähnten Stars auf und die Halle ist voll.

Was, die leben noch?

Man sollte denken, diese Künstler wären längst in Vergessenheit geraten. Im Westen mag auch so manch einer verwundert fragen: „Was, die leben noch?" Aber wir Russen empfinden anders. Der Hit „Forever Young" aus dem Jahre 1984, gesungen von Marian Gold, Bandleader der deutschen Gruppe Alphaville, klingt für uns deshalb auch gar nicht komisch, obwohl Gold inzwischen leicht übergewichtig ist und in diesem Jahr immerhin 60 Jahre alt wird.

Im vergangenen Jahr besuchte ich die Konzerte von Slade, Bonnie Tyler, Deep Purple und anderen glorreichen Rockern der Siebziger- und Achtzigerjahre. Sie mögen es vielleicht nicht glauben, aber all diese Shows waren ein voller Erfolg! Ungeachtet dessen, dass Slade ohne seinen genialen Sänger Noddy Holder auskommen musste und bei Deep Purple die Sound prägenden Bandmitglieder Ritchie Blackmore und Jon Lord fehlten. Bonnie Tyler verfügt immer noch über eine starke Stimme mit der sie nahezu das halbe Konzert lang den Besuchern versicherte, wie froh sie doch sei, in Russland auftreten zu dürfen, welch bemerkenswerten Menschen es hier gäbe und was sie mit unserem Land verbinde.

Viele der Alt-Stars haben tatsächlich engere Bindungen an Russland. Manche besitzen Immobilien in Moskau. Bonnie Tyler hat hier einen Patensohn. Deep Purple ist die Lieblingsband des Ministerpräsidenten Dmitri Medwedjew. Das ist wohl auch der Grund, warum die legendären Hardrocker vor ein paar Jahren einen zweiten Frühling in den russischen Medien erleben durften. Damals interviewte ich den Frontmann der Gruppe, Ian Gillan, und fragte ihn ohne Umschweife: „Was halten Sie davon, dass ihre Gruppe in Brasilien und Russland Stadien füllt, sich in England dagegen mit Auftritten in kleinen Clubs zufriedengeben muss?" Zu meiner Verwunderung nahm Gillan mir die Frage nicht nur nicht übel, sondern fand sie ganz im Gegenteil sehr treffend: „Das ist doch aber gut! Von den Stadien geht es in die Klubs, von dort in die Theater und anschließend treten wir wieder in Stadien auf. Alles hat seine Vorteile. Jedenfalls wird es nie langweilig."

Dagegen wundert sich der italienische Sänger und Liedtexter Toto Cutugno, ein untrennbarer Bestandteil nostalgischer Konzerte und Festivals in Russland, dass er hierzulande so begeistert als Solokünstler aufgenommen wird: „Wissen Sie, in Europa kennt man mich mehr als Songschreiber", sagt der Verfasser der bekannten Chansons des Franzosen Joe Dassin. In Russland verehrt man Toto Cutugno als „L'italiano", als richtigen Italiener und den Refrain dieses größten Hits, „Lasciatemi cantare" („Lasst mich singen") kann jeder Russe mitsingen, sogar auf Italienisch.

Die in Frankreich schon seit Langem nicht mehr gefragte Patricia Kaas ist in Russland immer noch ein Hit. In Moskau tritt sie praktisch jedes Jahr auf und wird bald auch wieder mit ihrem neuen Programm zu bewundern sein. Die Russen vergöttern sie geradezu.

Der Reiz des Verbotenen

Das bedeutet aber keinesfalls, dass nach Moskau keine neuen Künstler und aktuellen Stars reisen würden. Aber ihre Zahl steht in keinem Vergleich zu der der Disko- und Pop-Veteranen der Siebziger- und Achtzigerjahre.

Dafür gibt es eine Reihe guter Gründe – soziale, wirtschaftliche und politische. Es dürfte für niemanden ein Geheimnis sein, dass nach Russland – als es noch den Großteil der ehemaligen Sowjetunion bildete – aufgrund seiner Lage hinter dem „Eisernen Vorhang" so gut wie keine Informationen aus dem westlichen Ausland drangen. Mehr noch: Das Hören westlicher Rockmusik kam einem Landesverrat gleich. Ich bin ein Moskowiter und wurde 1975 geboren. Deshalb erinnere ich mich noch daran, wie auf Pionierversammlungen die Liebhaber westlicher Zeitschriften, Kaugummis oder Kassetten „bearbeitet" wurden. Und das noch ein halbes Jahr vor Beginn der Perestrojka! Rockmusik war ein knappes halbes Jahrhundert lang eine verbotene Frucht. Sie zu hören bedeutete gleichsam, dem System den Fehdehandschuh hinzuwerfen.

Aber mit dem Versuch, aus uns Patrioten zu machen, erreichte die kommunistische Propaganda genau das Gegenteil: Die Russen wurden allem Fremden gegenüber äußerst aufgeschlossen. Westliche Rock- und Popmusik, wurde geschmuggelt oder von Seeleuten, Sportlern, Diplomaten und Künstlern aus dem Ausland mitgebracht und anschließend hundertfach auf Tonbänder kopiert. Aber manche in Großbritannien oder den USA sehr populären Bands konnten sich dann in Russland doch nicht durchsetzen, zum Beispiel die Rolling Stones. Die Beatles dagegen sind eine beliebte „russische" Gruppe. Zu unseren Favoriten gehören unter anderem auch Slade, Sweet und Joe Cocker.

Es spielt für uns in Russland keine Rolle, dass diese Künstler seit den Siebziger- und Achtzigerjahren überwiegend nichts Erwähnenswertes oder gleich überhaupt nichts Neues hervorgebracht haben oder es sie gar nicht

mehr gibt. Es spielt ebenso keine Rolle, dass die Italo-Disco, vertreten durch solche Künstler wie Ricchi e Poveri oder Al Bano, der in Italien heute mehr als Winzer bekannt ist, von niemandem auf der Welt mehr gehört werden. In Russland werden sie noch geliebt. Und die österreichische Gruppe Joy oder das deutsche Projekt Modern Talking schienen eigens für den russischen Musikmarkt geschaffen worden zu sein. Vielleicht ist es kein Zufall, dass der Erfinder von Modern Talking, Dieter Bohlen, seine Autobiographie mit dem prätentiösen Titel „Nichts als die Wahrheit" mit dem Fakt begann, dass seine Lieblingsoma eine... Russin war!

Alexander Beljajew ist Musikkritiker und Kommentator der Zeitschrift „Wasch Dosug".