Schwarzes Meer: Tauziehen in der Arena

Bild: Konstantin Maler

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Die Region rund um das Schwarze Meer ist in den letzten Jahren politisch vielfältiger und aufgrund steigender Rohstoffförderungen auch wertvoller geworden. Dadurch wurde sie immer mehr zum Spielball der Weltpolitik.

Bis etwa Ende des 18. Jahrhunderts war das Schwarze Meer ein Binnenmeer der Türkei. Nach der Ausdehnung der Grenzen des Russischen Reichs beziehungsweise der Sowjetunion war die Lage in der Region durch die Konfrontation mit dem Osmanischen Reich beziehungsweise der Türkei geprägt, die in der Regel von westlichen Mächten unterstützt wurde. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Türkei Mitglied der Nato, Rumänien und Bulgarien dagegen Teil des Warschauer Pakts. Dieses Kräftegleichgewicht in der Region sorgte für eine relative Stabilität der geopolitischen Situation. Das Schwarze Meer war während dieser Zeit weit von der Bühne der Weltpolitik entfernt.

In den vergangenen beiden Jahrzehnten hat sich die geopolitische Situation im Schwarzmeerraum deutlich verkompliziert. Der Warschauer Pakt ist Geschichte, in der Region sind neue Spieler aufgetaucht: Georgien und die Ukraine, eines der größten Länder Europas. Die Ukraine hält 37,5 Prozent der Küstenlinie des Schwarzen Meeres, während auf Russland lediglich 10,9 Prozent entfallen. Andere neue Staaten – Moldau, Armenien und Aserbaidschan – haben formal keinen eigenen Zugang zum Meer, verfügen aber historisch gesehen über enge Beziehungen zu der Schwarzmeerregion, deren Bestandteil sie zweifellos darstellen. Heutzutage besteht die Region aus einer Reihe Länder, die sich sowohl in ihrer Einwohnerzahl als auch in ihrem wirtschaftlichen und militärisch-politischen Potenzial sehr unterscheiden. Die Schwarzmeer-Länder zeichnen sich zudem durch eine ausgeprägte ethnische und konfessionelle Heterogenität aus.

 

Eine Vielzahl schwelender und ungelöster Konflikte

Zudem hat sich die neue geopolitische Situation in der Region aufgrund der inneren Schwäche der neuen Nationen und einer Reihe ungelöster internationaler Konflikte verschärft. In der Region befinden sich vier nicht oder nur von wenigen Ländern anerkannte Staaten des postsowjetischen Raums: die Pridnestrowische Moldauische Republik (Transnistrien), Abchasien, Südossetien und Bergkarabach. An den Konflikten um diese Länder sind direkt oder mittelbar sieben Staaten der Region beteiligt: Georgien, Moldau, Armenien, Aserbaidschan, Russland, die Ukraine und Rumänien. Die Auswirkung der innenpolitischen auf die geopolitische Situation ist sehr gut am Beispiel der Ukraine zu erkennen, die gegenwärtig die größte politische Krise der letzten zehn Jahre durchlebt.

Auch hat die Globalisierung zu einem Verwischen und zu einer Ausdehnung der Grenzen der Schwarzmeer-Region und zu einer Einbeziehung nicht regionaler und nicht staatlicher Stakeholder, darunter transnationale Konzerne, nationale Bewegungen und Vertriebenenverbände geführt. Infolgedessen richtete sich die Aufmerksamkeit der Weltwirtschaft und -politik zusehends auf die Schwarzmeer-Region.

 

Die Kaspi-Schwarzmeer-Region reicht bis China

Der eigentliche Grund für die zunehmende geostrategische Bedeutung der Region liegt weiter im Osten: Es geht um die Rohstoffe im Schelf des Kaspischen Meeres, in Kasachstan und in Mittelasien. Durch die

Schwarzmeerregion führen heutzutage wichtige Korridore für den Transit von Brennstoffen zwischen der Region des Kaspischen Meeres, Europa und anderen Teilen der Welt, weshalb manche Experten von der Herausbildung einer einheitlichen Kaspi-Schwarzmeer-Region sprechen. Kasachstan, die Länder Mittelasiens und selbst China werden immer stärker in diesen Prozess einbezogen.

Der Rohstofftransit wurde für viele Länder der Region zu einer der größten Triebkräfte, zur wichtigsten Devisenquelle und zum entscheidenden Faktor beim Aufbau einer modernen Kommunikationsinfrastruktur. Der Wettstreit zwischen den Ländern der Region um Investitionen und den Bau von Pipelines und Terminals auf dem eigenen Territorium hat den Kampf um die Vorherrschaft verschärft. Eine andere wichtige Auswirkung war die Befreiung vieler Länder der Region aus der traditionellen Isolation. Schon bald nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde Russlands Monopolstellung auf den Erdöl- und Erdgas-Transit durch die jungen Nationen rund um das Kaspische Meer und aus Mittelasien gebrochen. Dort wurden zudem noch neue Transportkanäle nach China und in die asiatisch-pazifische Region aufgebaut.

 

Nato verschiebt Kräftegleichgewicht am Schwarzen Meer

Neben der Erschließung neuer Erdöl- und Erdgas-Vorkommen hat sich das Interesse der USA und der Europäischen Union an der Region deutlich vergrößert. Die USA haben den von Georgien und der Ukraine gestellten Antrag auf Beitritt in die Nato aktiv unterstützt. Dieses Ansinnen wurde von Moskau als größte Gefahr für die nationale Sicherheit gewertet. Für die USA spielen die Schwarzmeer-Region und der Süd-Kaukasus auch vor dem Hintergrund ihrer Interessen im Nahen und Mittleren Osten, ihrer Operationen in Afghanistan sowie ihrem Kampf gegen das Regime im Iran

eine strategische Rolle. Einen wesentlichen Beitrag zur Verschiebung des Kräfteverhältnisses in der Schwarzmeer-Region hat bereits der Beitritt Rumäniens und Bulgariens zur Nato geleistet.

Für viele Länder der Region ist bereits die langfristige Aussicht auf einen Beitritt zur Europäischen Union äußerst attraktiv. Seit Jahrzehnten schon versucht auch die Türkei, in die EU aufgenommen zu werden. Die strategische Aufgabe eines Beitritts haben sich auch die Ukraine und Moldau gestellt. Die europäische Diplomatie setzt auf ökonomische Hebel und das Ausüben „sanfter Gewalt", indem sie mithilfe von Nichtregierungsorganisationen Demokratisierungsprozesse fördern und an der Lösung von Konflikten um die nicht anerkannten Staaten teilnehmen. Russland ist äußerst skeptisch, was die weitere Internationalisierung dieser Staaten betrifft.

 

Wladimir Kolosow ist Professor und Doktor der Geografie, Leiter des Zentrums für geopolitische Forschungen des Geografischen Instituts der Russischen Akademie der Wissenschaften, Ehrendoktor der Universität Le Havre (Frankreich) sowie Präsident der Internationalen geografischen Gesellschaft.

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