Russlands neue Literatur im Schnell-Check

Bild: Konstantin Maler

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Literaturkritiker Andrej Wasilewskij beschreibt die Verbindung zwischen Staat und Schriftstellerei und erklärt, warum Literatur in Russland oft nur funktioniert, wenn eine Ideologie oder Weltanschauung vermittelt wird.

Literatur gab es in Russland lange Zeit gar nicht um ihrer selbst willen. In Russland erfüllte Literatur stets eine Funktion. Sie war das Ausdrucksmittel für Philosophie, politische und religiöse Ansichten. In der Literatur konnte Pressefreiheit ausgelebt werden. Mit dem Zerfall der Sowjetunion in den 1990er Jahren konnten sich die russischen Schriftsteller von ideologischem Druck befreien und mussten keine Zensur mehr fürchten. Im Gegenteil, Literatur blieb nahezu unbeachtet. Freiheit war das Wort, das den Alltag bestimmte. Es entwickelten sich Pressefreiheit, politische Freiheit und Religionsfreiheit. Die russischen Kirchenhäuser hatten stets offen, es gab verschiedene politische Parteien und ein frei gewähltes Parlament. Auch die Zeitungen durften schreiben, was sie wollten. Das Interesse von Staat und Gesellschaft galt den politischen Disputen und der wirtschaftlichen Entwicklung. Die Aufmerksamkeit hatten die staatlichen Fernsehkanäle, die im ganzen Land Nachrichten verbreiteten. Schriftsteller konnten daher Literatur schaffen, die vom Staat und der Gesellschaft völlig unabhängig, oft unbeachtet war.


Literatur, die Gesellschaft und der Staat

Heutzutage ändert sich das wieder. Literatur rückt wieder mehr ins Bewusstsein, auch der Regierung.  Es gab kritische Stimmen in der Gesellschaft, die einen kulturellen Verfall, einem Zerfall des Bildungssystems, eine Krise in der Literatur, im Verlagswesen und im Bereich der Bibliotheken erkannt haben wollten. Diese Situation soll zudem durch die starke Zunahme oppositioneller Aktivitäten in den 2000er Jahren verstärkt worden sein. In Moskau und Sankt Petersburg fand damals eine Vielzahl an verschiedensten Demonstrationen statt, an denen auch Schriftsteller aktiv teilnahmen. Ihr Mitwirken an den Protestbewegungen spielte mitunter auch eine Rolle, dass die Literatur wieder ins Blickfeld der Regierung rückte und dass diese die gesellschaftliche Bedeutung von Literatur erkannte. 

Die Regierung wollte eingreifen. Damals war eine Finanzregulierung im Literaturbereich im Gespräch, die so ausgelegt wurde, dass man einem Schriftsteller Geld bezahlte und einem anderen kategorisch nicht. Doch in diesem Zusammenhang tauchte sofort eine Frage auf: Würde das nicht die Freiheit der Schriftsteller und ihr Recht darauf, ihre Meinung frei zu äußern, einschränken?

Es gingen Gerüchte um, dass den Schriftstellern nun gesagt werden würde, worüber sie schreiben könnten und wovon sie lieber die Finger lassen sollten, genau wie damals in der Sowjetunion. Das Interessante daran ist jedoch, dass es in der UdSSR eine Ideologie gab, die es im heutigen modernen Russland so nicht mehr gibt, abgesehen von dem abstrakten Patriotismus und der Hoffnung, die Regierung nicht zu sehr zu verärgern, und wenn doch, dann keinesfalls das Staatsoberhaupt. Der Staat hat eben in ideologischer Hinsicht noch keine Ideen ausgearbeitet, die man der literarischen Gesellschaft vorbringen und dabei von ihr verlangen könnte, nur diesen in ihren Werken Raum zu geben. Es besteht derzeit auch keine Gefahr, dass es dazu kommt.


Ein bisschen Ideologie spielt immer mit

Auch in der modernen zeitgenössischen russischen Literatur ist keine konkrete politische Ideologie auszumachen. Ab und an findet man zwar Werke, die man als politische Romane bezeichnen könnte, doch für gewöhnlich üben Schriftsteller ihre politische Tätigkeit unabhängig von ihrem literarischen Schaffen aus. Sie trennen strikt zwischen den Werken, die sie verfassen und ihrer politischen Aktivität. 

Doch so ganz kann die Literatur als eine von der Gesellschaft isolierte Wortkunst  in Russland einfach nicht heimisch werden. Wenn es auch keine politische Ideologie gibt, so ist zumindest eine Weltanschauung vorhanden. Die reine Ästhetik, das, was man für gewöhnlich in der Kunst als Kunst bezeichnet, hat in Russland nur eine kleine Anhängerschaft unter den Lesern. Was in Russland Fuß fassen konnte, waren Werke in der Tradition Tolstois oder Dostojewskijs. Das allgemeine Interesse der Leser jedoch wird besonders geweckt, wenn in einem Werk soziale Themen oder die öffentliche Meinung angesprochen werden. Für heutige Bücher scheint dies auch unabhängig von deren ästhetischen Eigenschaften zu gelten. 


Russlands neue, ideenreiche Autorenzunft

So ist beispielsweise der beliebte Roman „Sankya“ von Sachar Prilepin, mild ausgedrückt, kein literarisches Chef-d'œuvre. Doch dafür handelt er von jungen Revolutionären. Auch Aleksandr Terechows Romane sind lediglich lange, zähe literarische Werke. Dafür widmet sich aber sein letzter Roman „Nemzy“, Die Deutschen, einem durchaus aktuellen Thema: den Moskauer Beamten. Ebenso die Epen von Maksim Kantor, die zwar aggressiv antiliberalistisch sind, jedoch nicht wirklich mehr zu bieten haben. Die Charaktere und die Handlung sind auf Schulniveau gestaltet. Nichtsdestotrotz wird Kantor gelesen, da sich in seinen Romanen ein tieferer Sinn ablesen lässt. 

Oder etwa Boris Akunin, der ein sehr politisch denkender Autor ist und seine Leidenschaft im Verfassen von geschichtlichen Romanen entdeckt hat. So wurde er auch zum Schöpfer des Detektivs Erast Fandorin, der im 19 Jahrhundert im zaristischen Russland lebt. Bei Akunins Werken handelt es sich zwar nur um Krimis, jedoch  geben sie dem Leser ein Gefühl dafür, wie sich damals ein gewöhnlicher Bürger dem Staat gegenüber zu verhalten hatte – was ihm erlaubt und was ihm zu dieser Zeit untersagt war. Genau aus diesem Grund sind auch seine Romane immer wieder ein Erlebnis.

Ich glaube nicht, dass man bei all diesen Romanen, wenn man von ihrem Stil und ihren Handlungen ausgeht, von genialen Meisterwerken sprechen kann. Wohl eher sind es Texte, die in ideologischer Hinsicht geladen sind – ein Grund, weswegen sie auch sehr gerne gelesen werden.

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