Wozu braucht Russland die USA?

Bild: Sergej Jolkin

Bild: Sergej Jolkin

Die politische Stimmung ist angespannt, aber ein Konfrontationskurs hilft bei der Tagesordnung nicht weiter. Russland wird also auch weiterhin mit den USA zusammenarbeiten wollen – erweitert allerdings seinen Horizont gen Osten.

Die Politiker im Westen erkennen, dass Russland zum ersten Mal so handelt, wie es das als notwendig erachtet, und keinen Raum für Kompromisse mit Europa und den USA zulässt. Denn die Frage der Ukraine ist für Moskau derart wichtig, dass keine Zeit für Respektserweisungen bleibt. Im Westen hat man sich dieses Verhalten abgewöhnt und versucht nun deshalb, Russland zu jenem Verhaltensmodell zurückzuführen, dem es sich so lange untergeordnet hat. Russland antwortet und erinnert dabei für alle Fälle daran, wie hoch der Einsatz ist. Niemand hat Russland bislang die Fähigkeit genommen, die USA in „radioaktiven Staub“ zu verwandeln. Das sorgt für eine angespannte Atmosphäre – aber lieber ein heftiges Wortgefecht als einen richtigen Krieg.


Die Realität zielt an der Konfrontation vorbei

Was da auch kommen mag, die Gemüter werden sich beruhigen, und man wird zur Tagesordnung zurückkehren müssen. Was können wir aus der amerikanischen Richtung erwarten? Und was wollen wir eigentlich selbst?

Zu Sowjetzeiten befanden sich die Vereinigten Staaten im Zentrum der Aufmerksamkeit des Kremls. Das ist verständlich, denn genau genommen strebt die Weltpolitik einer bipolaren Konfrontation entgegen. Nach dem Ende des Kalten Krieges war man der Meinung, das Kriegsbeil wäre begraben und es würde sich nun eine „strategische Partnerschaft“ herausbilden. Was darunter zu verstehen ist, wurde nie geklärt, weil bald schon dieser Begriff nach links und rechts auf alle möglichen Länder angewandt wurde. Bei genauer Betrachtung existiert die psychologische Konfrontation bis heute noch, und das asymmetrische Verhältnis der Kräfte und der Möglichkeiten, das Fehlen der Balance, hat das unterdrückte Gefühl der Unzufriedenheit, das einander gegenüber besteht, noch verstärkt.

In Russland herrschte sehr lange die Überzeugung vor, dass normale Beziehungen zu den USA ein Selbstzweck seien und keinen konkreten Nutzen bringen müssten. Theoretisch war das auch so. Amerika ist das mächtigste und entwickeltste Land der Welt, das über den größten Einfluss und die meisten Möglichkeiten verfügt. In der Praxis hat es Russland nicht gelernt, sich dies zunutze zu machen, und es ist nicht einmal sicher, dass das wirklich möglich gewesen wäre. Zumindest ist klar, dass die Vereinigten Staaten zu einer gleichberechtigten Zusammenarbeit nicht bereit sind, aber es auch nie der Wunschtraum Russlands gewesen ist, die Übermacht der Vereinigten Staaten anzuerkennen.

Gegenwärtig kann von einer strategischen Partnerschaft nicht die Rede sein. Aber bedeutet das, dass wir zu einer Phase der allgemeinen Konfrontation übergehen? Wohl kaum.

Russland ist nicht die Sowjetunion. Das Land erhebt weder den Anspruch auf die Weltherrschaft noch auf eine ideologische Dominanz. Moskau umreißt seine Außenlinie, die es für sich als lebensnotwendig ansieht – und die Ukraine gehört zweifellos dazu –, und ist nicht dazu bereit, zu deren Verteidigung Kompromisse einzugehen. In der internationalen Arena ist der Gegendruck, den die USA aufbauen, allerdings kein Selbstzweck. Das könnte ein Mittel sein, um eben jene Außenlinie in Erinnerung zu rufen. In allen anderen Fragen will Moskau jedoch nicht zu einem strategischen Gegner der Vereinigten Staaten werden.

Es ist bemerkenswert, dass vor dem Hintergrund der eskalierenden verbalen Auseinandersetzung im Zusammenhang mit den Ereignissen in der Ukraine die Vernichtung der chemischen Waffen in Syrien planmäßig

fortgesetzt wird und die Position des Kremls und des russischen Außenministeriums sich weder zur politischen Beilegung der Syrienfrage noch zu den Atomverhandlungen mit dem Iran geändert hat. Bezeichnenderweise stellt Russland in keinster Weise die Zusammenarbeit beim Transit der Nato-Fracht aus Afghanistan über den Flughafen Uljanowsk in Frage – ungeachtet aller feindlich gestimmten Äußerungen von Vertretern sowohl der militärischen als auch der politischen Führung des Bündnisses.

Russland beabsichtigt allem Anschein nach nicht, sich von der Zusammenarbeit mit den Vereinigten Staaten in solchen Bereichen zu verabschieden, in denen die Interessen der beiden Länder nicht miteinander kollidieren. Aber Russland hat ebenso nicht vor, dort klein beizugeben, wo die Interessen einander widersprechen. Dieses Vorgehen ist vollkommen normal für die Beziehungen zweier Großmächte, die keine Bündnispartner sind – vor allem in unserer heutigen, höchst komplexen Welt, in der von den früheren polarisierten Verhältnissen und linearen Abhängigkeiten so gut wie nichts mehr übrig geblieben ist.


Der Fokus verlagert sich nach Asien

In welchen Bereichen stimmen die Interessen überhaupt überein? Da ist die arktische Region, in der – entgegen den häufig aufschäumenden Emotionen – die russischen und amerikanischen Interessen gar nicht so weit auseinanderliegen. Probleme gibt es beim Vertrag über die Nichtverbreitung von Kernwaffen, wo Moskau und Washington – ob sie das nun wollen oder nicht – die entscheidenden Akteure sind und den Großteil der Verantwortung tragen. Das Problem des Terrorismus ist durch das ständige Gerede bereits überstrapaziert, aber dennoch gibt es immer noch genügend Bereiche mit einer ausreichend großen Schnittmenge.

Aber das Entscheidende ist etwas anderes: Die „Scheidung“ Russlands vom Westen – die im Anbetracht der aktuellen Ereignisse immer wahrscheinlicher wird – beschleunigt Moskaus Umorientierung nach Osten, was auf höchster Ebene bereits angekündigt wurde. Für sich genommen ist das die richtige Entscheidung und sie kommt sogar etwas spät, denn man darf die Welt nicht durch die europäische Brille betrachten, wenn sich die Hauptbühne bereits nach Asien verlagert hat. Dort wird jedoch eine andere Politik betrieben, in der Russland mitnichten der entscheidende Akteur ist.

China bewertet seine Position in der Welt und die Möglichkeit der anderen Partner aus der Sicht eines Triumvirats der Supermächte China – USA – Russland. Die Bedeutung jeder einzelnen Spitze dieses Dreiecks hängt von den Beziehungen zu den anderen beiden Spitzen ab. Und jene „Ecke“, die ihre Verbindung zu einer der beiden anderen „Ecken“ einbüßt, verliert – nach der Vorstellung Chinas – an Stärke und vergrößert ihre Abhängigkeit von der dritten „Ecke“. Bei dieser Geometrie ist es für Moskau besonders wichtig, Washington als Instrument zur Aufrechterhaltung des Gleichgewichts mit Peking und zur Stärkung seiner eigenen Interessen zu bewahren.


Fjodor Lukjanow ist Politologe und Präsidiumsvorsitzender des Rats für Außen- und Verteidigungspolitik

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