Krim soll Beispiel der Integration werden

Bild: Konstantin Maler

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Die in den 1940er Jahren deportierten Völker der Krim werden rehabilitiert. Einen entsprechenden Erlass hat der russische Präsident Putin unterzeichnet. Dies ist der Beginn für einen groß angelegten Integrationsprozess.

In Zukunft werden Historiker bei der Diskussion der postsowjetischen Politik das Jahr 2014 vermutlich als „das Jahr der Krim" bezeichnen. Erstmals nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde ein Präzedenzfall geschaffen, der die Abspaltung einer Region aus einem souveränen Land und die Eingliederung dieser in ein anderes vollzog. Anders als in Abchasien, Südossetien, Bergkarabach und Transnistrien, hat die autonome Republik Krim zusammen mit der Stadt Sewastopol die Ukraine verlassen. Die Krim wurde allerdings nicht zu einem weiteren, von der Mehrheit der internationalen Gemeinschaft nicht anerkannten Staat, sondern ist als Föderationssubjekt in die Russische Föderation aufgenommen worden. Experten und Politiker betrachten die Aufnahme der Krim als eine Stärkung der Position Russlands am Schwarzen Meer und in ganz Eurasien. Die Geschichte um die Krim ist an dieser Stelle jedoch noch nicht zu Ende erzählt. Mit der Lösung eines Problems kommen unweigerlich neue auf. Die wichtigste Aufgabe der Regierung muss jetzt sein, die multiethnische Bevölkerung der Halbinsel in Russland zu integrieren.

Es ist offensichtlich, dass die neuen Staatsbürger nicht ohne symbolische Gesten in die Föderation aufgenommen werden können. Am 21. April 2014 wurde eine solche Geste vollzogen. Präsident Wladimir Putin unterzeichnete einen Erlass über die Maßnahmen zur Rehabilitation der Krimtataren und anderer Völker, die auf der Krim leben. Dies sind neben den Tataren auch Armenier, Bulgaren, Griechen und Deutsche. Sie alle wurden zwischen 1941 bis 1944 nach Sibirien oder Zentralasien deportiert. Man sollte auch den zeitlichen Kontext beachten, in dem das Gesetz verabschiedet worden ist. Zum einen wird am 9. Mai das 70. Jubiläum der Befreiung Sewastopols von Nazi-Deutschland während des Großen Vaterländischen Kriegs gefeiert. Diesem Ereignis wird in den Medien viel Aufmerksamkeit entgegengebracht. Zum andern gedenkt man auf der Halbinsel am 18. Mai den Opfern der Deportation in den 1940er Jahren.

 

Die Geschichte der Deportation

Die Ersten, die im August 1941 umgesiedelt wurden, waren die etwa 60 000 auf der Krim lebenden Deutschen. Von Ende Januar und Anfang Februar 1942 folgten die Italiener, die meist in der Region Kertsch lebten. Diese Umsiedlungen wurden durch die UdSSR veranlasst, da die Krim

drohte, von den Achsenmächten erobert zu werden. Im Verlaufe des Jahres 1942 wurde die Krim deutsch, die Rote Armee eroberte die Halbinsel mit der Schlacht um die Krim vom 8. April bis zum 12. Mai 1944 zurück.

Die Deportation der etwa 183 000 Krimtataren, Wehrdienstleistende der Roten Armee nicht mitgezählt, fand ab dem 18. Mai 1944 statt. Am 27. Juni desselben Jahres wurden auch die 37 000 auf der Krim lebenden Bulgaren, Griechen und Armenier umgesiedelt. Offiziell war der Grund für diese Maßnahmen im Frühjahr 1944 die angenommene Zusammenarbeit der auf der Krim lebenden Völker mit den Nationalsozialisten. Natürlich hat die Deportation stattgefunden, und es waren nicht nur Einzelfälle. Auch muss man bedenken, dass viele Unschuldige deportiert wurden. Unter ihnen waren auch solche, die die Krim bereits vor der Besatzung verlassen hatten und sogar Veteranen des Großen Vaterländischen Krieges waren. Das Schlimmste jedoch war die kollektive Schuld, die allen diesen Völkern auferlegt worden ist.

Im April 2014 hat die russische Regierung nun einen Schlussstrich unter das Erbe der stalinistischen Politik auf der Krim gezogen, gerade noch rechtzeitig vor den Maifeiertagen. Russland gibt damit zu verstehen, dass das Gedenken an den Sieg im Großen Vaterländischen Krieg genauso wichtig ist, wie die Erinnerung an die Opfer von maßlosen und ungerechten politischen Entscheidungen.

Heutzutage stellen westliche Politiker und Experten die russische Regierung gern als die Nachfolger Stalins dar. Der Kreml dagegen will sich

von diesem Erbe distanzieren und sucht nach Möglichkeiten des Dialogs. Im Fokus stehen dabei insbesondere die neuen russischen Staatsbürger, für welche die kollektive Erinnerung an die Deportation möglicherweise das wichtigste verstörende Element war und ist. Dieses soll nun ausgeräumt werden. Putins Erlass ist insbesondere in Hinblick auf die Armenier, die größte Diaspora-Gemeinde in Russland, wichtig. Armenien präsentiert sich momentan als einer der treuesten Verbündeten Russlands in Eurasien. Und auch die drei anderen damals deportierten Völkern – die Griechen, Bulgaren und Deutsche – stellen heute drei wichtige Partner der Russischen Föderation in Europa dar.

 

Auf der Krim sind alle gleich

Auch wenn Putins Erlass wichtig war und zur richtigen Zeit kam, sollte man nicht vergessen, dass die Integration der unterschiedlichen Völker auf der Krim nicht nur auf der symbolischen Ebene vollzogen werden kann. Eine Politik der systematischen Harmonisierung der Beziehungen zwischen den Vertretern der verschiedenen ethnischen und religiösen Gruppierungen der Krim ist unabdingbar. Es ist offensichtlich, dass der Gerechtigkeitsgedanke nicht zu einer Verdrehung der demokratischen Ordnung führen darf, indem zur Wiedergutmachung vergangener Verbrechen neue, diskriminierende Maßnahmen eingeleitet werden. Die Forderungen nach einer Sonderstellung einzelner Gruppen, etwa beim Zugang zu landwirtschaftlichen Ressourcen, können die stalinistischen Deportationen wohl kaum wiedergutmachen. Eine nicht weniger wichtige Frage ist außerdem die, ob eine vollständige Rehabilitation tatsächlich stattgefunden

hat oder nicht. Sicherlich haben die unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen auf der Krim ganz eigene Vorstellungen darüber, bis zu welchem Punkt dieser Prozess noch weitergeführt werden muss.

Allerdings wurde mit dem Erlass ein erster symbolischer Schritt getan. Russland hat bewiesen, dass die Politik der Stalinära nicht mehr geduldet wird. Doch die Integration der neuen russischen Staatsbürger fängt erst an. Ob sie erfolgreich sein wird, hängt nicht nur von den politischen Maßnahmen ab, sondern auch von der Bereitschaft der Anführer der unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppierungen, nach vereinbarten Regeln zu spielen und Kompromisse anzustreben, anstatt auf die exklusiven Rechte ihrer Ethnie zu pochen.

Sergej Markedonow lehrt an der Fakultät für ausländische Regionalforschung und Außenpolitik der Russischen Staatlichen Universität für Geisteswissenschaften.

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