Ukraine bis Talente: Weltwirtschaft diskutiert in Sankt Petersburg

Bild: Konstantin Maler

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Das Sankt Petersburger Internationale Wirtschaftsforum (SPIEF) ist einer der wichtigsten Plattformen, auf denen sich Russland mit der internationalen Geschäftswelt trifft. In diesem Jahr ist die Ukraine das wichtigste Thema – aber hoffentlich nicht das einzige.

„Es war die beste Zeit, es war die schlimmste Zeit; es war das Zeitalter der Weisheit, es war das Zeitalter der Torheit; es war die Epoche des Glaubens, es war die Epoche des Unglaubens; es war die Zeit des Lichtes, es war die Zeit der Finsternis..." Diese erste Zeile aus Charles Dickens „Geschichte aus zwei Städten" könnte man als inoffizielles Motto dem diesjährigen Sankt Petersburger Internationalen Wirtschaftsforum (SPIEF) voranstellen. Sie spiegelt die derzeitigen Wirren wieder, in denen wir uns in Russland und über seine Grenzen hinaus befinden. Das Forum findet zu einem Zeitpunkt statt, wo Russlands Position in der internationalen Wirtschaftsgemeinschaft so stark debattiert und untersucht wird wie selten zuvor. Die aktuelle Krise in der Ukraine wird in den Gesprächen und Debatten, die auf dem SPIEF 2014 stattfinden werden, zweifellos ein Thema sein. Die Veranstaltung wird dadurch – vor allem für die Organisatoren – zu einem herausfordernden Ereignis, das verspricht, außergewöhnlich interessant zu werden.

 

Starkes Russland – starkes Forum

Im Laufe der vergangenen Jahre hat sich das Wirtschaftsforum in Sankt Petersburg zu einer der wichtigsten Plattformen entwickelt, auf denen Russland sich mit der internationalen Geschäftswelt trifft. Der Umfang und die Differenziertheit des Forums haben bedeutend zugenommen. Die Inhalte haben sich in Bezug auf die Qualität und Breite der behandelten Themen sowie den eingeladenen Referenten weiterentwickelt. Die Infrastruktur der Veranstaltung hat sich zweifellos auf Weltklasseniveau verbessert. In jeder Beziehung ist das SPIEF ein eindrucksvolles Treffen der „Großen und Guten", und viele Menschen in Russland und der ganzen Welt freuen sich Jahr für Jahr darauf, an der Veranstaltung teilzunehmen.

In dem Maße, wie die russische Wirtschaft gewachsen ist und Russlands Integration in die Weltwirtschaft zugenommen hat, ist das Interesse an Russland als Markt und als Akteur auf dem globalen Markt deutlich gestiegen, wodurch das Forum für die globale Unternehmergemeinschaft zu einem relevanten und wichtigen Faktor geworden ist. Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass der Erfolg, den Russland im Laufe der letzten zehn Jahre bei der Modernisierung des Landes und der Wirtschaft erzielt hat, sich im Erfolg des Forums wiederspiegelt. Das führt natürlich dazu, dass die Geschäfte ausgebaut und die Investitionen nach Russland zunehmen werden.

Das Sankt Petersburger Internationale Wirtschaftsforum ist darauf ausgerichtet, Russland dabei zu helfen, einen Platz auf der Landkarte der globalen Wirtschaft einzunehmen. Durch das Forum bekommt das Land eine Plattform zur Verfügung gestellt, auf der es sowohl seine Geschichte erzählen als auch zur globalen Vordenkerrolle beitragen und von dieser profitieren kann. Paradoxerweise sind in diesem Jahr die Meinungsverschiedenheiten darüber, wer oder wer nicht an dem Forum teilnehmen wird, ein Beleg dafür, wie ernst das Forum von erfahrenen

Geschäftsleuten und Vordenkern, die hier ihre globalen und regionalen Wirtschaftskontakte ausbauen, wahrgenommen wird. Das verbessert Russlands Stellung in der Weltwirtschaft und stimuliert eine Vertiefung der Wirtschaftsbeziehungen, sowohl regional als auch international.

Starke Wirtschaftsbeziehungen und ein Wachstum des Handelsverkehrs bringen viele Vorteile. Die große Wirtschaftsintegration Europas in den vergangenen siebzig Jahren ist zweifellos ein bedeutender Faktor für die Überwindung der Konflikte auf diesem Kontinent gewesen. Die Geschäftswelt sollte dabei seine Tagesordnung an die regionale und globale politische Entwicklung anpassen und dabei helfen, stabile ökonomische und politische Beziehungen zwischen den Ländern zu gewährleisten. Aufgrund der so zunehmenden Investitionen, der aktiveren Wirtschaftstätigkeit und – infolgedessen – dem größeren Wohlstand für die Bürger profitieren alle Parteien. Die Unterstützung vertiefter Wirtschaftsbeziehungen ist eindeutig eine wichtige – und eine sehr angemessene – Aufgabe des Forums.

 

Der globale Wettstreit um Talente hat begonnen

Wie in jedem Jahr wird es auch diesmal wieder interessant sein, in Sankt Petersburg Kollegen aus der ganzen Welt zu treffen, um herauszufinden, wie sie die nahe Zukunft sehen. Auch wenn das Thema offiziell nicht auf der Tagesordnung steht, wird doch unweigerlich die Situation in der Ukraine angeschnitten werden, was auch vollkommen richtig und gesund ist, denn das erfahrene Publikum wird imstande sein, über solch ein kompliziertes Thema emotionsfrei zu diskutieren. Die Geschäftswelt wird hoffentlich ein Teil des Prozesses sein können, die Dinge für die Ukraine ins Positive zu bewegen. Russland hat kein Interesse an einer wirtschaftlich erfolglosen Ukraine, es ist für Russland eher schlecht gewesen, dass die ukrainische Wirtschaft so viele Jahre unter ihrem Leistungspotenzial gearbeitet hat. Es wäre gut, wenn aus den gegenwärtigen Schwierigkeiten eine stabilere und wohlhabende Ukraine mit einer stärkeren Staatsführung und besseren Aussichten für ein anhaltendes Wirtschaftswachstum hervorgehen würde. Das wäre nicht nur für die Ukrainer selbst von Vorteil, sondern hätte wahrscheinlich auch direkte positive Vorteile für die Wirtschaft Russlands als einen der engsten Handelspartner und unmittelbaren Nachbarn des Landes.

Für das SPIEF 2014 ist es allerdings wichtig, sicherzustellen, dass die Ukraine nicht das einzige Gesprächsthema ist – es gibt schließlich eine ganze Reihe anderer wichtiger Probleme, die diskutiert werden müssen und Russland sowie die Weltwirtschaft berühren. Es ist eine der Stärken des Forums, dass es jedes Jahr solch eine Spannbreite von behandelten Themen gibt. 2014 werden die Delegierten des Wirtschaftsforums wieder vor der Herausforderung stehen, bei der Wahl der anspruchsvollen und unterhaltsamen Sitzungen die richtigen Prioritäten zu setzen.

Eine der interessantesten Sitzungen dieses Jahr sind für mich die, die sich mit dem Problem der Talentförderung beschäftigen – wie zum Beispiel die Debatte über die notwendige Erstellung einer Roadmap, um das russische Hochschulsystem zu verbessern, und die sich auf die Bedeutung von

Talenten für die Geschäftswelt konzentriert. Die Weltwirtschaft des 21. Jahrhunderts wird durch zwei Dinge beherrscht werden – das sind zum einen die technologische Entwicklung und zum anderen der Wettstreit um die Talente. Dieser Wettbewerb wird sich zu einem globalen Konkurrenzkampf entwickeln: Nur die Länder, Städte und Gesellschaften werden erfolgreich sein, die über hochqualifizierte Arbeitskräfte verfügen, die Werte erwirtschaften und innovative Ideen, Produkte und Dienstleistungen generieren. Die Konkurrenzfähigkeit der Bildung und Ausbildung sicherzustellen, ist ein Schlüsselfaktor, der bestimmt, wo es in der Welt zu einem Wirtschaftswachstum und einer Vermehrung des Wohlstandes kommen wird. Natürlich ist das nur meine persönliche Sichtweise, und ich freue mich darauf, zu hören, was die anderen Teilnehmer des Sankt Petersburger Internationalen Wirtschaftsforums denken.

 

David Grey ist geschäftsführender Partner von PricewaterhouseCoopers (PwC) in Russland.

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