Tiananmen-Massaker: Was wäre, wenn

Bild: Konstantin Maler

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Die Regierungen Chinas und Russlands standen 1989 vor ähnlichen Herausforderungen, wählten aber verschiedene Strategien. Heute gibt es die Sowjetunion nicht mehr, China ist dagegen zur Weltmacht aufgestiegen. Es hätte auch anders kommen können.

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Der 25. Jahrestag der tragischen Ereignisse auf dem Tiananmen-Platz in Peking steht unmittelbar bevor. In China hat man seine Lehren daraus gezogen. Das sollten auch alle anderen Länder, die den Weg von Reformen eingeschlagen haben, tun. In erster Linie nenne ich hier natürlich Russland. Zum einen, weil man bei uns ohnehin die russischen und die chinesischen Erfahrungen miteinander vergleicht. Zum anderen, weil die beiden Staaten sich Ende der Achtzigerjahre am gleichen Scheideweg der Geschichte befanden, dann aber jedes Land seinen eigenen Weg wählte.

Die Niederschlagung der Demonstration auf dem Platz des Himmlischen Friedens hat mindestens genauso zu den chinesischen Reformerfahrungen beigetragen wie auch die wirtschaftlichen Errungenschaften der letzten Jahrzehnte: Ein Gleichgewicht zwischen Markttransformation und politischer Stabilität ist eine gute Grundlage für jegliche Reformen, egal in welchem Land. Das sollten auch die russischen Liberalen beherzigen, die sich für die wirtschaftlichen Errungenschaften Chinas unter Deng Xiaoping begeistern. Der Architekt des chinesischen Wirtschaftswunders hat einen großen Preis dafür zahlen müssen, um sein politisches Lebenswerk zu retten – denn er war es, der letztendlich die Entscheidung zum Militäreinsatz im Juni 1989 traf.

 

Gorbatschow und Deng Xiaoping im Juni 1989

Inzwischen weiß man, dass China sich im Jahre 1989 für eine Fortsetzung

der Marktreformen unter gleichzeitiger Beibehaltung des Ein-Parteien-Systems entschieden hat. Damit wollte man die politische Stabilität sichern und ein Auseinanderbrechen des Landes verhindern. Die Sowjetunion unter Michail Gorbatschow traf ihre eigene Entscheidung, die jedoch in eine entgegengesetzte Richtung wies: Der Versuch, das russische Ein-Parteien-System zu reformieren, mündete in einen Wirtschaftskollaps und den Zerfall des Landes. Das Ergebnis, das wir heute vor Augen haben, bedeutet allerdings nicht, dass Gorbatschow Deng Xiaopings Politik hätte nachahmen sollen – die chinesischen Erfahrungen kann man nicht so ohne Weiteres übertragen.

Die historischen Entwicklungswege Russlands und Chinas Ende der Achtzigerjahre waren auffallend ähnlich. Die Auffassung, dass die chinesische Gesellschaft sich damals ausschließlich auf die Transformation des Marktes konzentrierte, lässt sich nicht durch Fakten belegen. In China gab es damals eine eigene Art der Perestrojka, deren Name ebenso mit „Transparenz“ übersetzt werden kann. Die Chinesen waren höchst besorgt über die Nebenwirkung der Reformen, vor allem über die stark anwachsende soziale Ungerechtigkeit und die zunehmende Korruption im Reich der Mitte. Und sie verlangten wirksame Maßnahmen, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken.

Deshalb zogen vor 25 Jahren Pekinger Studenten auf den Tiananmen-Platz. Just auf dem Höhepunkt dieser Ereignisse traf im Juni 1989 Michail Gorbatschow zu einem Staatsbesuch in China ein. Die Tagesordnung sah einen Besuch des Ehrenmals für die Nationalhelden auf dem Platz des Himmlischen Friedens vor, aber der Platz war zu diesem Zeitpunkt bereits durch Demonstranten versperrt. Sie hofften darauf, dass das sowjetische Staatsoberhaupt, das ihnen mit seinen Ideen von „Glasnost und Perestrojka“ Mut gemacht hatte, sich direkt an sie wenden würde. Dazu kam es nicht, obwohl die Präsidentenberater durchaus eine Rede vor den Studenten in Erwägung zogen. Wir wissen leider nicht, welche Worte Gorbatschow für die Menschen auf dem Platz gefunden hätte.

 

Die Angst vor dem Dominoeffekt

Dafür wissen wir, was Deng Xiaoping auf einer Tagung der chinesischen

Staatsführung in jenen Tagen äußerte: „Die Frage ist nicht, ob die Sowjetunion diese Reformen überstehen wird. Die Frage ist, ob China nicht als nächstes auseinanderbrechen wird.“ Von dieser Logik ließ sich die chinesische Führung damals denn auch leiten. Sie beabsichtigte nicht, die politische Stabilität und die Integrität des Landes den Anforderungen einer beschleunigten politischen Modernisierung zu opfern.

Die sowjetische Presse informierte damals über die Ereignisse in Peking äußerst zurückhaltend. Vielleicht, weil man die ganze Tragweite der Geschehnisse nicht erkennen konnte und fürchtete, während des Besuches des sowjetischen Staatsoberhauptes in Peking „unpassende“ Kommentare zu veröffentlichen. Aber wohl auch, weil die Ereignisse in Tiflis vom April 1989 und deren Folgen die Gesellschaft immer noch im starken Maße bewegten. Damals schlugen Soldaten mit Klappspaten friedliche Demonstranten nieder – auch diese hatten „Glasnost und Perestrojka“ gefordert.

Später übernahmen die russischen Journalisten einmütig von ihren westlichen Kollegen die Formulierung des „Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens“. Dabei berichteten die russischen Korrespondenten, unter anderem Wsewolod Owtschinnikow, vom Ort des Geschehens durchaus objektiv und adäquat über die Ereignisse und hinterließen uns sehr interessante Augenzeugenberichte.

Die Ereignisse auf dem Platz des Himmlischen Friedens führten zu einer Erschütterung Chinas und verursachten eine tiefgreifende politische Krise in der chinesischen Staatsführung. Der konservative Flügel des Regimes nutzte die Gelegenheit, um den Reformkurs zu kompromittieren. Deng Xiaoping legte seine gesamte Autorität in die Waagschale, um diese Bestrebungen im Keime zu ersticken. Die Entscheidung zur Gewaltanwendung auf dem Platz des Himmlischen Friedens war wohl die schwerste in seinem Leben, aber letzten Endes wird er sie doch nicht bereut haben.

 

Tiananmen-Platz-Massaker stieß Reformprozesse an

Die Geschichte kennt keinen Konjunktiv. 25 Jahre später können wir sehen, was aus China geworden ist und was aus der Sowjetunion. Beide Länder trafen damals eine Wahl, und es wäre vollkommen falsch, nun den moralischen Zeigefinger zu erheben.

Es sollte aber daran erinnert werden, dass nach den Ereignissen im Juni 1989 in China eine zwar langsame, aber stetige Bewegung in Richtung Demokratie vollzogen wurde, auch wenn dies Außenstehenden nicht immer gleich ins Auge fällt. Der 18. Parteitag der Kommunistischen Partei Chinas hat sich durchaus anspruchsvolle Ziele gesetzt: Es wird beabsichtigt, die innerparteiliche Demokratie zu entwickeln und sie auf das gesamte politische System auszudehnen. Darüber hinaus soll der Kampf gegen die Korruption verschärft werden und der verfassungsmäßig verbürgte Grundsatz eines Mehr-Parteien-Systems durch eine verstärkte Einbeziehung verschiedenster gesellschaftlicher Organisationen in die Arbeit der Politischen Konsultativkonferenz des chinesischen Volkes, vor allem auf kommunaler und regionaler Ebene, umgesetzt werden. Zudem soll die Zensur der Massenmedien abgebaut und neue elektronische Medien verstärkt ausgebaut werden.

 

Wladimir Petrowskij ist promovierter Politikwissenschaftler, Mitglied der Akademie der Militärwissenschaften und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fernost-Institut der Russischen Akademie der Wissenschaften.

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