Neues Blogger-Gesetz: Wenn Meinungsfreiheit niemanden interessiert

Bild: Natalja Michajlenko

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Russische Blogger werden bald neuen Beschränkungen unterworfen, doch ein breiter Protest in der Bevölkerung bleibt aus. Dort sorgt man sich mehr, dass im russischen Kampf gegen Internetpiraterie der freie Zugang zu Filmen und Musik eingeschränkt wird. Aleksandr Pljuschtschew erklärt den russischen Internetnutzer.

Ab dem 1. August werden russische Blogger, denen mehr als 3 000 Leser pro Tag folgen, rechtlich den Massenmedien gleichgestellt. Das bedeutet, dass Blogger sich bei der Presseaufsicht registrieren lassen und zukünftig Informationen vor deren Veröffentlichung auf ihre Zuverlässigkeit überprüfen müssen sowie keine „extremistischen" Positionen vertreten und keine Informationen über das Privatleben eines Bürgers verbreiten dürfen. Auf ihrer Internetseite müssen sie zudem ihre Namen und E-Mail-Adressen angeben. Anonymität ist so praktisch nicht mehr möglich.

Diese Meldung hat allerdings weit weniger Resonanz unter russischen Internetnutzern und überhaupt in der Bevölkerung hervorgerufen als die Meldungen über den Kampf gegen Internetpiraterie. Besonders viele Kommentare finden sich im Netz zur Sperrung einer Reihe von Inhalten der

Internetplattform „LostFilm", auf der man fast alle populären westlichen Serien in einer qualitativ hochwertigen russischen Übersetzung finden konnte.

Die russischen Internetnutzer beschäftigt mehr die Frage, was nun aus dem beliebten sozialen Netzwerk VKontakte (VK) wird. VK entstand nach dem Vorbild von Facebook, entwickelte bald ein eigenes Profil und ist, ähnlich wie der russische Internetsuchdienst Yandex, inzwischen auch außerhalb Russlands sehr populär. In Russland hat VK Facebook schnell als beliebtestes Social Network abgelöst. Für User besonders attraktiv: Bei VK lagern massenhaft Filme und Musiktitel, auch urheberrechtlich geschützte. In der letzten Zeit hat VK versucht, dem Image einer illegalen Tauschbörse entgegenzuwirken, indem die Plattform Verträge mit einigen großen Rechteinhabern abschloss. Beliebte russische Serien können nun ganz legal auf VK hochgeladen werden. VK bleibt damit die beliebteste Speicher- und Tauschplattform für kostenlose Musik und Filme.

 

Netz der Netzwerke

Facebook findet immer mehr Anhänger aus der sogenannten „kreativen Klasse", Menschen mittleren Alters mit abgeschlossener Hochschulausbildung. Sie nutzen Facebook hauptsächlich zur Kommunikation und zum Austausch von Nachrichten aus Onlinemedien. Zuvor hatte diese Rolle LiveJournal inne, das um die Jahrtausendwende von Brad Fitzpatrick in den USA entwickelt wurde. Dort konnte die Plattform sich nicht durchsetzen, doch sie fand viele Freunde in Russland mit der

Folge, dass dort bald überwiegend auf Russisch kommuniziert wurde. Schließlich kaufte der russische Oligarch Alexander Mamut das Unternehmen SUP, dem LiveJournal gehört. Die besten Jahre hat LiveJournal mittlerweile hinter sich: Die Software ist veraltet, die Services sind noch auf dem Stand der Jahrtausendwende. Dennoch hat LiveJournal auch heute noch viele Anhänger unter den russischen Internetnutzern. Sie lieben die langen Erzählungen, die Bilder und die Baumstruktur der Kommentarfunktion. Viele populäre Blogger wollen daher bei aller Vielfalt der sozialen Medien im Netz nicht auf eine Präsenz auf LiveJournal verzichten.

Das Netzwerk LiveJournal war damit erfolgreicher als viele seiner Konkurrenten wie beispielsweise LiveInternet, das als russisches Pendant zu LiveJournal im Jahr 2003 von German Klimenko entwickelt wurde und zunächst die Aufmerksamkeit des jungen Publikums auf sich zog. Der Konkurrenz mit LiveJournal und anderen, neu entwickelten sozialen Netzwerken wie VK war LiveInternet jedoch nicht gewachsen. Klimenko aber hat nicht aufgegeben und entwickelt bis heute interessante Internetdienste. Eines seiner jüngsten Projekte ist ein Nachrichtenranking, das zeigt, wie oft von einer Nachrichtenquelle zu einer anderen in den verschiedenen sozialen Netzwerken gewechselt wird. Dem Ranking zufolge werden Nachrichten meistens auf VK, Facebook und Twitter abgerufen – ein Indiz dafür, welches die am häufigsten genutzten sozialen Netzwerke in Russland sind.

Aber man sollte auch zwei andere soziale Netzwerke nicht vergessen: Moj Mir@Mail.ru („Meine Welt@Mail.ru") und Odnoklassniki („Mitschüler"). Diese beiden Dienste gehören zur Mail.Ru Group und sind besonders in der Provinz und bei Menschen mittleren Alters beliebt. Ich habe allerdings noch

nie in den Medien oder auf Blogs einen Verweis zu Moj Mir gesehen. Und Odnoklassniki ist eine reine Kommunikationsplattform. Hauptsächlich bewerten die Nutzer Fotos ihrer Odnoklassniki-Freunde. Auch ich bin übrigens bei Odnoklassniki registriert, aber, ehrlich gesagt, habe ich die Freude an der Bewertung von fremden Fotos noch immer nicht verstanden. Allerdings werden in Talkshows im russischen Fernsehen Menschen gezeigt, die sogar jemanden verprügelt oder verlassen haben, weil ihr Foto bei Odnoklassniki keine hohe Bewertung erhielt.

Fazit: Soziale Netzwerke dienen unterschiedlichen Zwecken. Viele Russen, mich eingeschlossen, nutzen alle gleichzeitig und verfolgen dabei ebenfalls unterschiedliche Ziele, zum Beispiel, ein große Leserschaft zu erreichen.

 

Alexander Pljuschtschew ist ein bekannter Blogger und Moderator bei dem Radiosender Echo Moskwy („Echo Moskaus"). Er gilt als einer der Pioniere des russischen Onlinejournalismus.

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